Kostenexplosion

Vivantes braucht 100 Millionen Euro vom Land

Der Neubau und die Sanierung des Klinikums Neukölln werden teurer als geplant. Rot-Rot-Grün will Geld bereitstellen.

Braucht mehr Geld: Vivantes-Chefin Andrea Grebe.

Braucht mehr Geld: Vivantes-Chefin Andrea Grebe.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Die Kosten steigen dramatisch an: Die Sanierung des Krankenhauses Neukölln und der dafür notwendige neue Kopfbau auf der Freifläche an der Rudower Straße wird für den landeseigenen Klinikkonzern deutlich teurer werden. Nun muss Vivantes-Chefin Andrea Grebe mit Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) um eine kräftige Finanzspritze vom Senat verhandeln. Wie mehrere Quellen aus der rot-rot-grünen Koalition auf Nachfrage bestätigten, geht es um mehr als 100 Millionen Euro.

Die Baukosten in der Hauptstadt steigen

Bei Vivantes will man sich offiziell mit Verweis auf die Gespräche mit dem Senat nicht zu den neuen Plänen und den damit verbundenen Mehrkosten äußern. Der Grund dafür liege aber darin, dass größer gebaut werden müsse, als zunächst geplant – und dass die Baukosten weiter steigen.

Der Neubau ist der Eckpunkt für das gesamte Projekt. Er soll als Ausweichfläche für die danach einsetzende Sanierung dienen. Weil das riesige Klinikum mit 1200 Betten und 2300 Ärzten, Pflegern und Therapeuten bei laufendem Betrieb modernisiert wird, sollen immer die gerade für die Bauarbeiten stillgelegten Abteilungen vorübergehend in diesen Bau ausweichen. Die Planungen hätten jetzt ergeben, dass diese „Drehscheibe“ erheblich größer ausfallen muss als zunächst gedacht, heißt es aus der Finanzverwaltung. Bisher war das Gesamtprojekt inklusive Neubau und Sanierung mit knapp 600 Millionen Euro veranschlagt. 150 Millionen Euro davon sollte der Erweiterungsbau kosten.

Die Spitzen von SPD, Linken und Grünen sehen die Notwendigkeit, mehr Geld bereitzustellen. Denn Neukölln ist das mit Abstand wichtigste Haus im Vivantes-Konzern mit mehr als 125.000 Patienten jährlich und nach dem Virchow-Klinikum der Charité das größte der 81 Krankenhäuser der Stadt. Das mehr als 300 Meter lange Hauptgebäude mit seinen fünf Abschnitten wurde 1986 eröffnet und ist nun deutlich in die Jahre gekommen. Es gilt als unstrittig, dass die Klinik in Neukölln saniert werden muss.

Rot-Rot-Grün muss nun entscheiden, über welchen Weg die Finanzspritze an den Klinikkonzern bereitgestellt wird. Das könnte über den Nachtragshaushalt für 2018 erfolgen, auf den sich die Koalition am Donnerstag nach langem Streit verständigt hat, um die erwarteten Überschüsse aus dem Jahr 2018 zu verteilen. Oder über den Haushalt 2020/2021, dessen Entwurf der Senat bis zum Spätsommer 2019 vorlegen muss. Die Linken werben für eine Zufuhr zum Eigenkapital. Dann könnte der Konzern selber zusätzliche Kredite für Neubau und Sanierung aufnehmen.

Eine andere Option ist die Aufnahme der benötigten 100 Millionen Euro in das Infrastruktur-Investitionspaket Siwana, das Rot-Rot-Grün auch in diesem Jahr mit einem Teil der Haushaltsüberschüsse weiter auffüllen will. Diese Lösung hätte den Charme, dass auf einen Schlag eine dreistellige Millionensumme an Vivantes ausgezahlt werden könnte. Das würde die Siwana-Bilanz aufhellen, die bisher eher durch einen zögerlichen Abfluss der Mittel gekennzeichnet wird, weil viele Investitionsvorhaben meist wegen Personalmangels in den Planungsämtern nicht so schnell umgesetzt werden wie geplant.

Zunächst einmal hat Vivantes 9,4 Millionen Euro in diesem und dem kommenden Jahr zur Verfügung, um das riesige, auf zehn bis 15 Jahre angelegte Sanierungsprojekt zu planen und den Bau vorzubereiten. Beginnen sollen die Bauarbeiten 2020 mit dem Kopfbau, der sich nördlich an das Hauptgebäude anschließt. Hier sind mittelfristig zentrale Operationssäle, die Endoskopie sowie 260 Pflege- und Intensivbetten vorgesehen. Vor allem aber soll dort die völlig überlastete Rettungsstelle vergrößert werden. Diese war im bisherigen Krankenhaus Neukölln mal für 25.000 Patienten pro Jahr ausgelegt, wird aber von fast 80.000 Menschen aufgesucht.

Zunächst aber müssen sie in Neukölln weiter mit Enge zurechtkommen. Denn wenn der Neubau wie angestrebt 2023 fertig ist, dient er zunächst als Ausweichquartier für andere Nutzer des Hauptgebäudes, deren Flächen in fünf Abschnitten saniert werden. Die Planer gehen davon aus, dass die Sanierung des Baus schneller geht, wenn mehr temporäre Ausweichflächen zur Verfügung stehen.