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Wie nah ist "4 Blocks" an der Realität der Neuköllner Clans?

"4 Blocks" geht in die zweite Staffel und spielt wieder in der Parallelwelt Neuköllner Clans. Wie realistisch ist die Serie? Der Check.

Rapper und Schauspieler Veysel Gelin in einer Szene der Episode 1 "The Fixer" der zweiten Staffel der TNT-Serie "4 Blocks"

Rapper und Schauspieler Veysel Gelin in einer Szene der Episode 1 "The Fixer" der zweiten Staffel der TNT-Serie "4 Blocks"

Foto: TNT/dpa

Neukölln. Ein schwarzer Jeep rast eine sandige Piste durch die Beeka-Ebene im Libanon entlang. Die Landschaft ist karg und menschenverlassen. Vor einer Ansammlung im Krieg zerschossener Baracken kommt das Auto zum Stehen. Ali "Toni" Hamady, der Chef des berüchtigten Neuköllner Clans, steigt aus und betet. Er ist in sein Heimatland zurück gekehrt, um mit einem einflussreichen Paten Geschäfte zu machen.

Mit diesem Deal wird Ali der Kokain-König Berlins werden, sein Einfluss reicht heute weit über die "4 Blocks" in Neukölln hinaus. Doch mit dem Handschlag verärgert er eine andere, sehr einflussreiche Clan-Familie. Warum Ali dennoch den Deal abschließen kann? "Sein Vater war wie meiner Kurde", erklärt der libanesische Pate trocken und lässt an Ort und Stelle Alis Konkurrenten langsam erdrosseln.

Bereits in der ersten Szene der neuen Staffel der deutschen Erfolgsserie "4 Blocks" steckt viel Wahres über kriminelle arabische Clans, die in Berlin das organisierte Verbrechen in ihrer Hand haben. Als Folge des Bürgerkriegs, der 1975 im Libanon ausbrach, kamen auch nach Deutschland viele Flüchtlinge. Unter ihnen auch Mhallamiye-Kurden, die ursprünglich aus der Türkei stammen, sich aber noch vor dem Krieg im Libanon niederließen. Im Zuge des Krieges flohen dann schätzungsweise zwischen 100.000 und 200.000 - teilweise ganze Familien - Mhallamiye-Kurden nach Deutschland.

Hier angekommen, waren die Ausländerbehörden oftmals überfordert. Die meisten "libanesischen Kurden" hatten keine Pässe mehr, waren staatenlos oder warfenihre türkischen Ausweispapiere weg, um ihre Chance auf Asyl zu erhöhen. Die deutschen Behörden lehnten ihre Anträge zwar häufig ab. Doch weil sich kein Staat verantwortlich fühlte und Papiere fehlten, bekamen die Menschen eine „Duldung“ und durften bleiben. Jahrelang lebten Familien der Mhallamiye in Asylheimen, ihren Zugang zum Arbeitsmarkt schränkten die Behörden ein und kürzten die Sozialhilfe. Auch Kinder der Flüchtlinge waren damals nicht schulpflichtig. Und wo sich der Staat zurückzieht, bleibt die Familie. Der Clan hilft, ist soziale Absicherung.

Auch die berüchtigte Berliner Familie R. gehört zur Gruppe der Mhallamiye-Kurden. Mitglieder der Familie werden unter anderem für den Einbruch ins Bode-Museum 2017 verantwortlich gemacht – Beute: eine 100 Kilo schwere Goldmünze. Die Ermittlungen laufen, bisher jedoch erfolglos. Im Moment kämpfen die R.s in Berlin um die Vorherrschaft im kriminellen Milieu mit anderen arabischen Großfamilien. Es geht um Immobilien, Glücksspiel, Drogen, Prostitution. Und dabei schrecken beide Seiten auch nicht vor Körperverletzung und Mord zurück.

Jüngstes Beispiel: Im September wurde Nidal R., polizeibekannter Intensivtäter und Clanmitglied, auf offener Straße am Tempelhofer Feld mit acht Schüssen getötet. Die Polizei vermutet Streitigkeiten rivalisierender Clans als Hintergrund. Auch hier laufen die Ermittlungen bislang aber ins Leere. In Berlin gibt es etwa 20 Großfamilien mit jeweils bis zu 500 Mitgliedern. Etwa die Hälfte der Familien ist im Visier der Polizei. Allein in Neukölln leben zehn.

Fließender Übergang zwischen Wirklichkeit und Fantasie

"Berlin gehört jetzt uns, und das ist erst der Anfang", verkündet Ali in der Serie großspurig. Aber wer der König von Berlin sein will, muss auch einiges einstecken können. Schon die erste Staffel von "4 Blocks" hatte viel Aufmerksamkeit erregt. Die fließenden Übergänge zwischen Fiktion und Realität faszinierten Zuschauer wie Kritiker gleichermaßen. Die Serie wurde geradezu überhäuft mit Auszeichnungen, darunter der Grimme-Preis und die Goldene Kamera. Das weckt natürlich hohe Erwartungen an die neue Staffel. Düster, brutal und melancholisch kommen da die ersten Folgen daher. Ein ums andere Mal schluckt Ali Antidepressiva und nippt am Alkohol.

Alis Frau Kailila (Maryam Zarree) liebt ihn zwar noch immer, will aber mit seinen kriminellen Machenschaften nichts mehr zu tun haben und trennt sich von ihm. Sein Bruder Abbas (Veysel Gelin) sitzt wegen Polizistenmords eine lebenslange Haftstrafe ab und traut ihm nicht mehr. Und Polizist Hagen Kutscher (Oliver Masucci) wird bei seinen polizeilichen Ermittlungen gegen die Hamadys immer verbissener. Dazu kommt noch der Streit mit verfeindeten arabischen Clans: Es droht ein Krieg auszubrechen, Killer werden auf den Patriarchen Ali angesetzt. Und so rutscht Ali immer tiefer ab in einen Sumpf aus Drogen, Erpressung, Mord. Und das, obwohl er eigentlich von einem Leben in der Legalität als Immobilien-Mogul träumt.

Hier treffen Fiktion und Wirklichkeit ein weiteres Mal aufeinander: Erst im Juli hatten Staatsanwaltschaft und Polizei in Berlin in einer großangelegten Aktion gegen die organisierte Kriminalität Immobilien beschlagnahmt. Wieder einmal stehen also arabischstämmige Großfamilien, die vor allem in Neukölln aktiv sind, im Mittelpunkt der Ermittlungen. Das bestätigt auch Martin Hikel (SPD), Bezirksbürgermeister von Neukölln.

Er sagt: "'4 Blocks' ist offensichtlich sehr nah an der Realität des kriminellen Clanlebens in Berlin. In diesem Jahr wurden 77 Immobilien durch die Staatsanwaltschaft beschlagnahmt. Das zeigt zweierlei: Kriminelle Clans versuchen, ihr illegales Geld zu legalisieren. Aber der Staat macht deutlich, dass der illegale Weg steinig ist und wir stärker sind. Grundsätzlich hoffe ich, dass die Serie unterhält und keine falschen Vorbilder schafft." „4 Blocks” ist eben gut ausgedacht, aber keine reine Fantasie.

"4 Blocks", Donnerstags 21 Uhr bei TNT Serie, abrufbar über Sky Ticket. DVD und Blu-ray erscheinen am 3. Dezember. Anfang 2019 läuft die Serie bei ZDFneo.

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