Neuaufstellung

Warum sich Vorzeigeprojekt "Morus 14" neu erfinden muss

Der gemeinnützige Verein im Rollbergviertel wird sein Gemeinschaftshaus schließen. Langjähriger Leiter Gilles Duhem gibt Job auf.

Gilles Duhem leitete lange Jahre das soziale Projekt "Morus 14" im Problemkiez Rollbergsiedlung. Zum Jahresende hängt er seinen Job nun an den Nagel.

Gilles Duhem leitete lange Jahre das soziale Projekt "Morus 14" im Problemkiez Rollbergsiedlung. Zum Jahresende hängt er seinen Job nun an den Nagel.

Foto: Maurizio Gambarini

Neukölln. An den Wänden im "Morus-14-"Büro hängen unzählige Urkunden und Auszeichnungen. Die "Urkunde für Engagement und Zivilcourage" vom Bündnis für Demokratie und Toleranz zum Beispiel. Oder der Berliner Präventionspreis für "Rollbergviertel: Polizei und Kiez - kein Problem". Und dennoch läuft es nicht mehr rund in dem sozialen Vorzeigeprojekt im Problemkiez Rollbergsiedlung. Der Mitgründer und langjährige Geschäftsführer von Morus 14, Gilles Duhem, sagt: "Integration ist sehr anstrengend." Zum Jahresende wird er nach 18 Jahren seinen Job aufgeben. Und auch Morus 14 steht ein Neuanfang bevor. Finanzielle Schwierigkeiten, aber auch die schwierige soziale Lage vor Ort, zwingen die Verantwortlichen dazu.

Hier, zwischen Hermmanstraße und Karl-Marx-Straße, im Norden von Neukölln, ist der Bezirk nicht hip wie anderswo. Hier ist Neukölln noch der problembehaftete Kiez wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Rund 5600 Einwohner aus über 30 Nationen leben im Rollbergviertel. Rund 66 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Zudem leben viele Senioren im Kiez, die nach der Wende aus dem Osten Berlins hierher gezogen sind und einen Bruch in ihrer Berufslaufbahn erlebt haben. Die meisten Rollberg-Bewohner leben in Sozialwohnungen, die in den 1960er und 1970er Jahren gebaut wurden. Etwa die Hälfte der Einwohner sind auf staatliche Hilfe angewiesen - 32 Prozent mehr als im Berliner Durchschnitt. Seit knapp 20 Jahren gibt es ein Quartiersmanagement für den Kiez.

Morus 14 soll dem ganzen Rollbergkiez helfen

Duhem war vier Jahre lang Quartiersmanager im Rollbergkiez, zwischen 2002 bis 2006. Aber er merkte schnell: "Das Quartiersmanagement ist endlich, die Probleme im Kiez aber sind unendlich", so sagt er. 2003 gründete er deshalb mit Kiezbewohnern den Verein Morus 14, benannt nach der Straße, in der das Gemeinschaftshaus steht. Es ist ein Projekt, das die ganze Rollbergsiedlung erreichen sollte, "und nicht nur Migranten oder Senioren. Keine Salami-Taktik", sagt Duhem. Das Ziel: ein Miteinander, ein "Wir-Gefühl" im Kiez schaffen. Und vor allem: Bildungsarbeit. "Die fehlende Bildung ist das Hauptproblem im Viertel." Morus 14 bietet Nachhilfeunterricht und Einzelunterricht mit Mentoren an, aber auch Ausflüge oder gemeinsames Kochen und Essen.

"Die meisten Kinder stammen aus türkischen oder arabischen Großfamilien", erklärt Duhem. "Und das Familienleben steht immer an erster Stelle." Nicht zu einem Termin erscheinen und das ohne abzusagen, weil gerade der Onkel zu besuch ist - für Duhem Alltag. "Wir wollen den Kindern hier selbstständiges Denken und Handeln beibringen", sagt er. Und klingt dabei doch desillusioniert, ja fast verzweifelt. Denn die Strukturen haben sich kaum geändert. "Die Rahmenbedingungen, die in den Familien notwendig sind, damit Bildung entsteht, sind sehr oft nicht gegeben", resümiert Duhem. Wie auch, wenn schon den Jüngsten von den älteren Clanmitgliedern vorgelebt wird, dass es kein Abitur braucht, um einen Mercedes zu fahren?

Ein Wir-Gefühl unter den Bewohnern im Kiez ist nie wirklich entstanden, berichtet Duhem: Die türkischen Familien wollen mit den arabischen Clans keinen Kontakt und umgekehrt. Die Senioren verstehen die Sprache der anderen nicht und kommen deshalb nicht zu interkulturellen Veranstaltungen. Wer doch kommt, bleibt meist nicht lang. Denn Morus 14 erwartet Mitarbeit und Teilhabe. "Aber wir werden oft behandelt wie ein Hotel. Helfen tun immer nur einige wenige - meist die gleichen. Und die anderen nehmen, nehmen, nehmen nur immer", sagt Duhem. "Das macht einen auch irgendwann mürbe."

Schwierige finanzielle Situation macht Mitarbeiter mürbe

Zudem macht Morus 14 die schwierige finanzielle Situation zu schaffen. Öffentliche Regelförderung? Fehlanzeige. Jahr für Jahr finanziert sich das Projekt über Spenden, Stiftungsgelder - und lebt von der Hand in den Mund. Seit 2008 wurden mehr als 130 Anträge auf Unterstützung gestellt. Eine langfristige Planung ist so nicht möglich. Das Gemeinschaftshaus in der Morusstraße 14 steht dem Verein zwar mietfrei zur Verfügung. "Aber mit den laufenden Kosten - Strom, Reinigung, Personal und so weiter - kostet uns das Haus dennoch zwischen 35.000 und 50.000 Euro im Jahr", berichtet Duhem. Geld, das der Verein nun nicht mehr aufbringen kann und will. Ende des Jahres wird das Haus aufgegeben. Schweren Herzens. "Das fühlt sich an wie wenn man ein Bein amputiert, damit der Patient überlebt." Denn Morus 14 soll weiterleben, die Bildungsarbeit in den Mittelpunkt treten. Schon jetzt erreichen die rund 150 Ehrenamtler 15 Prozent der Kinder im Kiez. 30 bis 40 Kinder stehen auf einer Warteliste, um bei der Hausaufgabenbetreuung oder Nachhilfe Unterstützung zu bekommen.

Duhem wird diesen Neuanfang - "Morus 14 - 2.0", wie er es nennt - allerdings nicht mehr miterleben. Nach 18 Jahren hängt er seinen Job als gute Seele des Rollbergkiez an den Nagel. "Zeit für was Neues", sagt er. Und klingt dabei doch resigniert.

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