Craft-beer

Altes Bier neu interpretiert

Neuköllner Craft-Beer-Brauerei erfindet "Berliner Weiße" neu. Trend zu kleinen Brauereien in Hauptstadt ungebrochen.

Neukölln - Christal Pack (l.) und Michele Hengst brauen in Neukölln Bier. Text Nina Kugler

Neukölln - Christal Pack (l.) und Michele Hengst brauen in Neukölln Bier. Text Nina Kugler

Foto: Jörg Krauthöfer für BERLINER MORGENPOST

In der sonst eher unscheinbaren Kopfstraße in Neukölln liegt ein kleines Juwel versteckt. Zumindest wenn man gutes und außergewöhnliches Bier mag. Denn etwas versteckt zwischen dem Rollberg, der Lessinghöhe und dem Schillerkiez liegt die Brauerei "Berliner Berg". Gegründet wurde die Brauerei 2015 von "drei leidenschaftlichen Biertrinkern", wie Geschäftsführerin Michèle Hengst sagt. Finn Hänsel, Uli Erxleben und Robin Weber sind diese Bierliebhaber. Sie verbrachten jeweils einige Jahre im Ausland - und waren begeistert über die Biervielfalt, die sie außerhalb Deutschlands kennen lernten. Zurück in Berlin, wollten sie darauf nicht mehr verzichten. Und eröffneten kurzerhand ihre eigene Brauerei.

In einer ehemaligen Schmalzfabrik wurden Hänsel, Erxleben und Weber fündig: In monatelanger Eigenregie haben sie ihre Traum-Braustätte renoviert. Den alten Teppichboden im Schankraum haben sie mit bloßen Händen herausgerissen und die darunter liegenden Holzdielen abgeschliffen. An den nackten Betonwänden sind noch Tapetenreste von vorherigen Kneipenbesitzern zu sehen. Darüber hängen alte Schwarz-Weiß-Fotos von Neukölln und Berlin. Das Herzstück aber ist der selbstgebaute Holztresen. Aus mehreren Zapfanlagen sprudelt hier Craft-Beer. Ein Trend aus den USA, der mittlerweile nach Deutschland geschwappt ist.

Berlin hat die meisten Craft-Beer-Brauereien

"Berliner Berg" ist bei Weitem nicht die einzige Craft-Beer-Brauerei in Berlin. Im Gegenteil: Der Trend lässt die Zahl der Brauereien weiter ansteigen. Die Region Berlin/Brandenburg hatte in den vergangenen Jahren den stärksten Zuwachs an kleinen Brauereien bundesweit, wie der Deutsche Brauer-Bund Anfang des Jahres mitteilte. 2017 kamen im Vorjahresvergleich nochmals zwei weitere Braustätten hinzu, es sind nun insgesamt 67. Vor fünf Jahren waren es hingegen noch 41.

Craft-Beer bedeutet auf Deutsch so viel wie "Hand gemacht". Dieses Bier wird nur in kleinen Mengen produziert, oft mit besonderen Geschmacksrichtungen. "Berliner Berg" wird seit 2017 in einem Keller im Hinterhof der Bar hergestellt. Zuvor wurde noch in Kesseln befreundeter Brauereien gebraut.

Traditionelles Bier mit neuer Rezeptur

Spezialisiert hat sich "Berliner Berg" auf ein traditionelles Bier: die "Berliner Weiße". Das ist ein Sauerbier, das durch die Gärung mit Milchsäurebakterien entsteht. Und Wildhefe. "Früher wurde Berliner Weiße wie Wasser getrunken, weil es auch nur drei Prozent Alkohol hat", erzählt Hengst. Der Legende nach wurde deshalb Sirup unter das säuerlich schmeckende Bier gemischt - damit es auch Kindern schmeckt, die es damals auch getrunken haben. "Wir mischen aber keinen Sirup unter", versichert Hengst. Vielmehr will das Team das traditionsbehaftete Bier mit eigenen Rezepten neu interpretieren.

Verantwortlich dafür, dass das gelingt, ist ein dreiköpfiges Brauteam, zu dem auch Christal Peck gehört. Sie erzählt, dass etwa 1.000 Liter Bier pro Woche in der kleinen Brauerei gebraut werden. Die müssen dann, je nach Sorte, noch drei bis acht Wochen in großen Edelstahl-Tanks ruhen. Heraus kommt dann ein Bier, bei dem man die Liebe zum Detail herausschmeckt. Mild, aber dennoch spritzig. Leicht säuerlich, aber trotzdem erfrischend.

Fünf Stammbiere - Lager, Bantam Pils, Pale Ale, California Wheat Ale und die Berliner Weisse - werden in der Hohenthanner Schlossbrauerei gebraut. Und auch Spezialsorten wie die im Sommer gebraute Berliner Obst-Weisse werden hier hergestellt. In das an sich schon fertige Bier werden dann zur Gärung noch Obstsorten wie Rhababer, Himbeere oder Kirsche zugegeben. Das Bier nimmt dann leicht diesen Geschmack an. Nicht-saure Biere werden in der Hohenthanner Schlossbrauerei gebraut. Doch der Markt für besonderes Bier ist so gut, dass das Team von "Berliner Berg" mittlerweile auf der Suche nach einer zweiten eigenen Brauerei in Berlin ist.

Weitere Brauereien in Neukölln:

"Privatbrauerei Am Rollberg", Am Sudhaus 3, www.rollberger.de

"Brauhaus neulich", Selchower Straße 20, www.brauhaus-neulich.de

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