Neukölln

„Jyoti – Fair Works“ will Mode mit Gewissen bieten

Jeanine Glöyer betreibt in Neukölln ihr eigenes Fair-Trade-Label. Die zwei Kollektionen im Jahr nähen 20 Frauen in Indien.

Modedesignerin Jeanine Glöyer in ihrem Laden. Hier hängen ihre Kreationen an Ästen

Modedesignerin Jeanine Glöyer in ihrem Laden. Hier hängen ihre Kreationen an Ästen

Foto: Maurizio Gambarini

Es riecht angenehm in dem kleinen Laden an der Neuköllner Okerstraße. Nicht nach Plastik oder Chemie. An Baumästen, die mit Seilen an der Decke befestigt sind, hängen auf Holzbügeln rote, grüne, blaue und beige Hosen, Hemden, Kleider und T-Shirts. Der rechte Teil des Ladens dient als Shop, auf der linken Seite stehen Schreibtische, an denen die Designer sitzen und ihre neueste Kollektion zu Papier bringen. Nein, „Jyoti – Fair Works“ ist kein normaler Modeladen. Alles, was hier hängt, ist nachhaltig und fair produziert. Und was als Onlineshop begann, hat mittlerweile eine analoge Heimat in Neukölln.

Gegründet hat das Modelabel Jeanine Glöyer. Die Idee dazu kam ihr vor zehn Jahren. Damals war Jeanine Glöyer nach dem Abitur für ein Freiwilligenjahr im südindischen Örtchen Chittapur bei einer Organisation, die sich vor Ort um sozial benachteiligte Frauen kümmert. Die Schicksale, die sie dort kennenlernte, gingen Glöyer auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland nicht mehr aus dem Kopf. „Aber ich wollte nicht nur einmal Geld spenden, sondern den Frauen eine ehrenhafte Arbeit anbieten, die sie selbstständig und unabhängig macht“, erzählt die 28-Jährige. Und so kam ihr die Idee eines Fair-Trade-Modelabels.

Einziges Problem: Weder Glöyer noch die indischen Frauen konnten richtig nähen. Und in Indien sind Schneider meist Männer. „Meine Frauen kamen aber aus überwiegend konservativ-muslimischen Familien. Da wäre es undenkbar gewesen, dass die von einem Mann unterrichtet werden“, erinnert sich Glöyer. Wie durch ein Wunder fand sie schließlich in ihrem privaten Umfeld in Deutschland eine Schneiderin, die sich bereit erklärte, für vier Monate nach Indien zu ziehen und zehn Frauen Nähunterricht zu geben.

Anfangs stellte „Jyoti“ – was auf Deutsch so viel wie „aufgehendes Licht“ bedeutet – vor allem Federmäppchen, Schlafbrillen und Schals her, die über einen Onlineshop verkauft wurden. Erst mit der Zeit wurde auch Kleidung in Indien gefertigt. „Wir wollten den Frauen Stabilität, also einen sicheren Arbeitsplatz geben. Und nicht schnell, schnell Gewinne maximieren“, erklärt Glöyer das langsame Wachstum ihres Labels. 2014 aber war „Jyoti“ so weit stabil, dass die Firma offiziell gegründet wurde. Seit einem Jahr gibt es zudem den Laden in Neukölln. Mittlerweile arbeiten neben Jeanine Glöyer noch zwei weitere Desi­gnerinnen fest und ohne weitere Nebeneinkünfte bei „Jyoti“ in Berlin. Und in Indien nähen 20 Frauen für das Label.

Nachhaltige Mode auch Thema bei der Fashion Week

Der Trend nachhaltig produzierter Mode war bei der Berlin Fashion Week in diesen Tagen wieder ein Thema. Das Label passt aber auch zur Biobewegung in Deutschland allgemein. In Großstädten wie Berlin eröffnen Biosupermärkte gefühlt im Wochentakt, Restaurants bieten Fleisch und Gemüse von Kleinbauern aus der Region an. Und immer mehr Menschen sind bereit, für ihr gutes Gewissen mehr Geld für faire Mode auszugeben. Das führt natürlich auch dazu, dass immer mehr junge Modelabel nachhaltige und fair produzierte Kleidung verkaufen. Der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) sagt sogar, dass der Umsatz der Ökomode-Branche in Deutschland seit 2000 um rund fünf Prozent jedes Jahr gewachsen ist.

Glöyer fährt jedes Jahr nach Chittapur, um sich vor Ort mit den Frauen zu unterhalten oder um neue Woll- oder Seidenhersteller zu finden. Natürlich müssen auch die fair und nachhaltig produzieren. „Und sonst chatte ich mit den Frauen per Whatsapp“, sagt Glöyer und ist sich sicher: Immer mehr Menschen wollen bewusst einkaufen. Denn die Problematik, die billige Mode mit sich bringt – Arbeitstage von bis zu 16 Stunden täglich, Kinderarbeit, unfaire Bezahlung – ist inzwischen auch in den Köpfen der Konsumenten verhaftet. Spätestens seit dem Einsturz des Fabrikkomplexes Rana Plaza in Bangladesch im Frühjahr 2013 mit 1135 Toten, vorwiegend Textilarbeiterinnen.

„Man behält die Kleidung länger“

„Fair produziert heißt eben auch fair bezahlt. Wenn ein T-Shirt nicht viel mehr kostet als ein Bier, dann kann da irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugehen“, sagt Glöyer. Und sie ist überzeugt: Ein Billigshirt wird schneller mal in den Müll geworfen als ein etwas teureres. „Ich glaube, am Ende kommt man sogar billiger weg, weil man mit seiner Kleidung achtsamer umgeht und sie länger behält.“ Und nachhaltig produzierte Mode, das sieht man auch sofort im Laden von Jeanine Glöyer, ist längst nicht mehr „Öko-Style“: sackförmig, gebatikt, uncool. Was hier auf den Bügeln hängt, sieht genauso trendig aus wie die Kleidung von H&M, Zara und Co. Der Unterschied: Statt für 9,99 Euro bekommt man T-Shirts hier für 49 Euro, statt 19 Euro zahlt man für einen Pulli eher 79 Euro – so viel wie anderswo für Markenkleidung „made in China“.

Zwei neue Kollektionen gibt es bei „Jyoti“ jedes Jahr. „Wir wollen die Mode entschleunigen“, sagt Glöyer. Nicht den Trends hinterherjagen, sondern zeitloses Design ist in ihrem Laden zu finden. „Weg von der Wegwerfgesellschaft, das bedeutet für uns auch Nachhaltigkeit.“

Jyoti – Fair Works, Okerstraße 45, Neukölln, oder im Onlineshop: jyoti-fairworks.org .
Eine Übersicht mit weiteren Fair-Trade-Produkten in Berlin – von Mode bis Lebensmittel – finden Sie unter:
berlin.de/special/bio-und-fairtrade-in-berlin

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