Urteil in Berlin

Vier Jahre Haft, weil sie eine Frau vor die S-Bahn stieß

Eine 31-Jährige ist wegen versuchten Totschlags verurteilt worden. Sie hatte eine andere Frau in Neukölln vor die Bahn gestoßen.

Berliner S-Bahn in Neukölln (Archiv)

Berliner S-Bahn in Neukölln (Archiv)

Foto: dpa Picture-Alliance / Stephanie Pilick / picture alliance / dpa

Der Schwurgerichtsvorsitzende Ralph Ehestädt sagte gleich zu Beginn seiner Urteilsbegründung: „Hier haben zwei Menschen Glück gehabt.“ Das vor eine einfahrende S-Bahn gestoßene Opfer, weil es mit dem Leben davonkam. Und auch die Angeklagte, „weil sie nicht zur Totschlägerin wurde“. Ein wenig Glück hat die 31-jährige Christiana D. aber auch mit dem Urteil: Das Gericht verhängte gegen sie wegen versuchten Totschlags, Körperverletzung und gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr vier Jahre Freiheitsstrafe.

Die Tat ereignete sich am 11. Juli 2017 um 14.12 Uhr auf dem S-Bahnhof Hermannstraße. Christiana D. lungerte stark angetrunken auf dem Bahnsteig herum. Sie hatte Minuten zuvor schon ohne jeden Grund eine andere Frau geschlagen. Als es Anzeichen gab, dass der Zug der Ringbahn Linie 41 einrollen würde, trat sie vor und versetzte einer auf den Zug wartenden Frau einen kräftigen Stoß in den Rücken. Die 54-jährige Irene W. stürzte auf das Gleisbett. Die Krankenschwester kam vom Dienst. Sie habe eigentlich gar nicht so nahe an der Bahnsteigkante gewartet, sagte sie vor Gericht. „Ich stand hinter der weißen Linie.“ Dann habe sie plötzlich einen „wahnsinnigen Schlag“ am Rücken verspürt und sei auf das Gleis „runtergeknallt“. Sie erlitt eine schmerzhafte Hüftprellung, war einige Tage krankgeschrieben. Bei einem Psychotherapeuten machte sie eine Traumabehandlung.

Angeklagte kann sich an die Tat nicht mehr erinnern

Der Triebwagenführer löste damals geistesgegenwärtig eine Vollbremsung aus. Sein Zug kam etwa drei Meter vor der auf die Gleise gestoßenen Frau zum Stehen. Vor Gericht sagte der 51-Jährige, dass die Sache bei anderen Bedingungen wohl nicht so glimpflich verlaufen wäre. Der Bremsweg wäre länger gewesen, wenn es an diesem Tag geregnet hätte oder die Waggons voller besetzt gewesen wären.

Christiana D. konnte sich an die Tat nicht mehr erinnern. Unmittelbar nach ihrer Festnahme, die noch auf dem Bahnhof erfolgte, wurden bei ihr knapp drei Promille Blutalkohol gemessen. Zudem hatte sie – wie regelmäßig auch an anderen Tagen – gekifft und Amphetamine genommen. Sie lebte schon seit Monaten auf der Straße, nachdem sie im November 2016 bei ihrer alkoholkranken Mutter ausgezogen war. Ein psychiatrischer Gutachter sah dieses prekäre, konfliktgeladene Verhältnis zur Mutter als möglichen Ansatz für ein Motiv. Beide Frauen, die von Christiana D. am 11. Juni 2017 attackiert wurden, waren etwa im Alter der Mutter.

Die Staatsanwaltschaft hatte Christiana D. wegen versuchten Mordes angeklagt. Dabei blieb es auch beim Plädoyer. Allerdings wurde hier nicht mehr das Mordmerkmal niedere Beweggründe angenommen, es blieb jedoch bei Heimtücke. Das Schwurgericht sah es anders. Man könne zwar objektiv von Heimtücke ausgehen, so Richter Ehestädt. Immerhin habe Irene W. völlig arglos auf die Bahn gewartet, auch habe sie zur Angeklagten mit dem Rücken gestanden. Es sei jedoch unklar, ob der Angeklagten überhaupt bewusst gewesen sei, was sie in diesem Moment tat. So blieb es bei einem versuchten Totschlag, für den der mögliche Strafrahmen gemildert wurde, weil das Gericht davon ausging, dass Christiana D. wegen der Drogen und des Alkohols im Zustand einer stark verminderten Schuldfähigkeit handelte.

Verbunden mit dem Urteil verkündete Richter Ehestädt einen Beschluss, nach dem die Angeklagte sofort in einer Entzuganstalt unterzubringen sei. Eine Therapie sei dringend nötig. Einbezogen in das Urteil wurde auch ein Diebstahl von Sportschuhen, den Christiana D. am 1. Juni 2017 in einem Supermarkt in Spandau beging. Als sie von Detektiven gestellt wurde, versuchte sie zu fliehen und schlug um sich.

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