Syrische Flüchtlinge

Das "Damaskus" ist die süßeste Versuchung an der Sonnenallee

Familie Al-Sakka betrieb im syrischen Homs eine Konditorei. Der Krieg nahm den Al-Sakkas alles. In Neukölln starten sie wieder durch.

Sulaiman al-Sakka füllt die Auslage auf

Sulaiman al-Sakka füllt die Auslage auf

Foto: Gregor Fischer / dpa

Eine Wolke aus Düften nach Pistazien, gebackenem Teig und süßlichem Rosenwasser wabert aus der Tür, die immer offen steht. Wer an diesem sonnigen Frühlingstag in die kleine Konditorei "Damaskus" in der Berliner Sonnenallee geht, den erwartet geschäftiges Treiben. Es ist viel los heute, wie eigentlich immer. Vor einem Dreivierteljahr hat die Familie Al-Sakka den Laden eröffnet. Im Geschäft sind sie schon länger, seit 40 Jahren. So lange betrieben sie eine große Konditorei in Syrien. Dann kam der Krieg.

Halawa, syrische Baklava, Madluka, so heißen die Verkaufsschlager. Rund 25 Sorten Süßigkeiten haben die Al-Sakkas im Angebot, jede morgens frisch von Hand zubereitet. Ab 5.00 oder 06.00 Uhr stehen die syrischen Patissiers in der winzigen Backstube und dem ebenfalls kleinen Verkaufsraum, verkauft wird bis 9.00 Uhr abends.

Fast alles stellen sie mit Nüssen her. Die werden heute aus der Türkei geliefert. Früher, in Syrien, wuchsen die Pistazien quasi im Vorgarten. Seit auf den Tag genau sechs Jahren wachsen dort vor allem Hass und Gewalt.

Es ist der 11.11.2011, als sich das Leben der Familie Al-Sakka radikal verändert: In den deutschen Karnevals-Hochburgen regnet es zum Start der Session Konfetti und Kamelle. Im syrischen Homs, einer Hochburg von Gegnern des Machthabers Baschar al-Assad, hagelt es zur gleichen Zeit Gewehrkugeln und Granaten. Es ist der Tag, an dem die Al-Sakkas ihren Laden und die Fabrik schließen. Zu gefährlich ist es in Homs geworden. Und die Kunden besorgen sich jetzt ohnehin lieber Waffen als Süßigkeiten.

Die Brüder Tamem, Salim und Rami, denen die Konditorei in Homs gehörte, verlassen Syrien mit ihren Kindern, Cousins, den Großeltern - insgesamt rund 20 Personen. Jordanien und später Ägypten sind die ersten Stationen der Flucht. "Damals dachte meine Familie, dass wir nach ein paar Wochen wieder nach Homs zurück können", sagt Sulaiman, der 18-jährige Sohn von Salim al-Sakka, und lächelt schief.

Wir waren nicht mehr erwünscht

Doch die Situation in der Heimat verschlimmert sich zusehends. Dann putscht das Militär in Ägypten. "Plötzlich waren wir Syrer nicht mehr erwünscht", erzählt Sulaiman. Nächste Station: Deutschland. Seit zwei Jahren und drei Monaten wohnen die Al-Sakkas nun in Falkensee bei Berlin.

Heute machen sie da weiter, wo sie in ihrer Heimat aufhören mussten - und sind überrascht, wie reibungslos sie als Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive ihr Geschäft in Deutschland eröffnen konnten. Tamem und seine Brüder mussten Deutschkurse absolvieren, kurze Zeit später erhielten sie die Erlaubnis, sich selbstständig zu machen. "Wir wollten etwas für uns tun - und für Deutschland", sagt Sulaiman.

Der junge Mann kümmert sich um die zahllosen Gespräche mit den Behörden. Nach knapp zwei Jahren spricht er fließend Deutsch, besser als jeder andere in der Familie. Sulaiman, ein gutaussehender junger Mann mit Schnauzer, Kinnbart und Wollpulli, lernt schnell. Im nächsten Jahr will er sein Fachabitur abschließen. Den praktischen Teil seiner Schulausbildung leistet er im Familienbetrieb ab, hilft an drei Tagen in der Woche. Er kassiert, erledigt die Buchführung und übersetzt im Gespräch mit Ämtern.

Dafür kümmern sich andere Familienmitglieder um das Patisserie-Handwerk. Auf der holzvertäfelten Theke drapiert Khalif, ein Cousin von Sulaimans Vater, Gebäckröllchen mit chirurgischer Präzision zu einer großen Pyramide. Daneben türmen sich Süßigkeiten in allerlei Farben, Formen und Geschmacksrichtungen: ausgebackene "Vogelnester" aus Teig mit Nussfüllung, kuchenähnliche Grieß-Pistazien-Leckereien, runde Hackfleischplätzchen.

Besonders beliebt ist Halawa: kleine Röllchen aus Grieß, gefüllt mit mild-süßem Frischkäse, dazu ein bisschen Rosenwasser und gemahlene Pistazien. "Das schmeckt nicht so süß wie türkische Baklava", sagt Sulaiman. Zwar kommen immer noch viele Kunden mit arabischen Wurzeln, die sich hier in der Neuköllner Sonnenallee, in der es viele orientalische Läden gibt, heimisch fühlen. Aber vor allem bei den deutschen Kunden komme das gut an, die mögen es nicht so süß, sagt Sulaiman.

Fast zwei Drittel der Kunden sind Deutsche, so wie Vera Ritter. Sie wohnt in der Nachbarschaft der Konditorei im Stadtteil Neukölln. Ritter kommt regelmäßig her. "Schon seit meiner Kindheit bin ich Fan von orientalischen Süßigkeiten", sagt sie. Heute reicht ihr Salim al-Sakka eine große Schale Halawa über die Theke.

Nach Schätzungen der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin sind im Jahr 2015 etwa 2000 geflüchtete Unternehmer aus Syrien in der Bundeshauptstadt angekommen. Die Kammer registrierte seinerzeit 55 neue Einzelunternehmen von syrischen Gründern in Berlin. Im ersten Quartal 2016 waren es 23 Neugründungen von Syrern, neuere Zahlen liegen noch nicht vor.

In der Sonnenallee hat sich die Familie Al-Sakka ihren kleinen Traum vom Glück erfüllt. Das Geschäft scheint zu laufen. Chef Tamem al-Sakka, ein kleiner, etwas untersetzter Mann mit Dreitagebart, blickt über die randlose Brille schon in die Zukunft. Er will expandieren. "In einem oder zwei Monaten machen wir eine Fabrik auf", erzählt er stolz. In der neuen Backstube werden sie 600 Quadratmeter Platz haben, zusätzlich zu den 40 in der Sonnenallee. Dann kann die Familie ihr ganzes Süßigkeiten-Repertoire von über 100 Sorten produzieren. Untätig rumsitzen sei eben nichts für seine Familie, sagt Tamem al-Sakka.

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