Büchertisch

Umzug mit 30.000 Büchern

Nach monatelanger Suche hat der Büchertisch neue Räume in Rixdorf gefunden.

Cornelia Temesvari von der Geschäftsführung des Büchertischs

Cornelia Temesvari von der Geschäftsführung des Büchertischs

Foto: Jörg Krauthöfer / BM

Seit Tagen schon bahnt sich Cornelia Temesvári einen Weg durch Hunderte von Kisten. Der Büchertisch zieht um. Insgesamt 30.000 Bücher wurden in den letzten Tagen vom Kreuzberger Mehringdamm in die Neuköllner Richardstraße gebracht, wo das Projekt ein neues Zuhause gefunden hat. "Der Umzug ist eine logistische Herausforderung", sagt Cornelia Temesvári von der Geschäftsführung des Büchertischs. Manchmal hat sie in den vergangenen Monaten nicht daran geglaubt, dass der Umzug tatsächlich stattfindet, dass sie überhaupt einen neuen Standort findet.

Es war ein Schock, als sie im Sommer letzten Jahres die Kündigung bekam. Bis Ende des Jahres mussten sie und ihre Kollen raus aus den 500 Quadratmetern am Mehringdamm. Der Eigentümer, die britische Immobilienfirma Taliesin, plant einen umfangreichen Umbau, ein Baugerüst steht schon vor dem Haus. Wie genau die Pläne aussehen, hat der britische Investor noch nicht verraten. Der Büchertisch, einer der letzten Mieter, gehört jedenfalls nicht zum Konzept.

2004 wurde der Büchertisch als private Initiative in Kreuzberg gegründet, mit dem Ziel, Menschen an Bücher heranzuführen, die nur wenig Bezug zum Lesen haben oder die sich schlicht keine Bücher leisten können. 2005 wurde das Geschäft am Mehringdamm eröffnet, 2011 ein weiterer Laden in der Gneisenaustraße, 2014 ein dritter Standort in der Friedrichshainer Wühlischstraße, außerdem gibt es einen Online-Shop. Bücher, die von Privatpersonen oder Verlagen gespendet wurden, werden hier günstig verkauft. Aus dem Erlös werden Projekte zur Leseförderung finanziert. Bei der "Berliner Büchertaube" bekommen Kinder aus sozialen Brennpunkten zum Beispiel ein Jahr lang ein Buch-Abo, beim "Lesetroll" werden Schulen und Kitas mit Bücherkoffern versorgt.

Nach Marzahn oder Hellersdorf lässt sich das Projekt nicht verpflanzen

All das stand mit der Kündigung auf der Kippe. Hier waren bislang nicht nur ein Geschäft, sondern auch das Lager sowie die Verwaltung untergebracht. Die Suche nach neuen Räumen gestaltete sich schwierig. "In Kreuzberg haben wir nichts gefunden, schon gar nicht zu Preisen, die wir bezahlen können", erinnert sich Temesvári. Der einzige mögliche Standort war die frühere Bona-Peiser-Bibliothek in der Oranienstraße. Doch da sich der Büchertisch die Räumlichkeiten mit anderen Projekten teilen sollte, hätte der Platz nicht ausgereicht. Aus Marzahn und Hellersdorf kamen zwar Angebote, aber selbst die waren meist zu teuer, "außerdem lässt sich der Büchertisch nicht einfach verpflanzen", so Temesvári. Viele Ehrenamtliche wären nicht mitgekommen und viele Spender würden nicht so weit fahren, um ihre Bücher abzugeben.

Der Tipp mit der Richardstraße war dann wie eine Erlösung. "Ein echter Glücksgriff", sagt Temesvári. Nicht weit vom alten Standort entfernt, und es gebe sogar schon Anfragen für Leseprojekte im neuen Kiez. Die Räume wurden bislang von einem Möbelmarkt genutzt, der sich verkleinern wollte. Hier hat der Büchertisch noch etwas mehr Platz als am Mehringdamm, allerdings ist zunächst kein Laden vorgesehen. "Für den Ausbau fehlt das Geld, außerdem müssen wir erst einmal die Strukturen am neuen Standort kennenlernen", so Temesvári. Die beiden Geschäfte in Kreuzberg seien immer gut gelaufen, aber der dritte Laden in Friedrichshain werde aber kaum angenommen. Derzeit wird ein Nachmieter gesucht.

Bezirk soll mehr Einsatz zeigen, um soziale Projekte zu erhalten

Der Büchertisch ist eben vor allem ein Kreuzberger Projekt. Darum hätte sich der Verein auch mehr Unterstützung vom Bezirk erhofft. Dabei müsste es doch auch im Interesse des Bezirks liegen, wenn solche Projekte bestehen bleiben. "Selbst die Touristen kommen doch nicht nach Kreuzberg, um ein gentrifiziertes Gebiet zu sehen, sondern wegen der bunten Mischung", ist Temesvári überzeugt. Dem Vermieter macht sie da weniger Vorwürfe. Versöhnlich ist sie nicht nur gestimmt, weil er die letzten Monatsmieten erlassen und den Umbau am neuen Standort finanziell unterstützt hat: "Er hat ja nichts Illegales gemacht, sondern sich im Rahmen der politischen Möglichkeiten bewegt." Die, so ihre Überzeugung, müssten sich aber ändern, sonst gebe es in Kreuzberg bald gar keine sozialen Projekte und Kiezläden mehr.

Nach monatelangem Ringen können die Mitarbeiter des Büchertischs jetzt aber erst einmal aufatmen – und Bücher auspacken. Ganz ohne Einbußen geht es am neuen Standort allerdings nicht weiter. Statt 32 Mitarbeiter gibt es nur noch 20, "anders ließen sich die neuen Räume nicht finanzieren", erklärt Temesvári. Auch bei den Leseprojekten gab es teilweise Ausfälle. Die sollen aber bald wieder ausgeglichen werden. Der Schwung ist jedenfalls wieder da – zumindest für die nächsten fünf Jahre, bis zum Ende des neuen Mietvertrags.

Info Der Büchertisch verabschiedet sich am alten Standort, Mehringdamm 51 mit einem Fest am 31. März, ab 19 Uhr. Buchspenden können ab jetzt in die neuen Räumen, Richardstraße 83, Neukölln, gebracht werden. Ab 100 Büchern werden die Spenden kostenlos abgeholt. Mehr unter buechertisch.org

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