Gewalt in Berlin

Hohe Haftstrafe nach tödlichem Schuss auf jungen Briten

Rolf Z., Sammler von Nazi-Devotionalien erschoss mit einer Schrotflinte in Neukölln einen Briten. Das Motiv ist nicht restlos geklärt.

Das neubarocke Gebäude des Kriminalgerichts Moabit

Das neubarocke Gebäude des Kriminalgerichts Moabit

Foto: Jens Kalaene / dpa

Schweigend, mit starrem Blick und ohne jede erkennbare Gefühlsregung, so hat der Neuköllner Rolf Z. an 22 Verhandlungstagen den gegen ihn geführten Mordprozess vor dem Landgericht Moabit verfolgt. Das war auch am Montag, dem 23. und letzten Verhandlungstag nicht anders. Knapp zehn Monate nach dem Tod des Briten Luke H. (31) verurteilte eine Schwurgerichtskammer Z. wegen heimtückischen Mordes zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren und sieben Monaten. Nur seine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit aufgrund extremen Alkoholkonsums vor der Tat ersparte dem 63-Jährigen dabei die für Mord ansonsten übliche lebenslängliche Freiheitsstrafe.

Die Richter sahen es am Ende eines ebenso schwierigen wie langwierigen Indizienprozesses als erwiesen an, dass Z. gegen 6 Uhr am frühen Morgen des 20. September 2015 vor einer Bar an der Ringbahnstraße in Neukölln Luke H. niederschoss. Mit einer doppelläufigen Schrotflinte aus maximal zwei Metern Entfernung. Die Schrotladung traf die Bauchschlagader des Opfers, es hatte keine Chance, der Tod trat schnell ein. "Selbst wenn der Schuss im OP-Saal gefallen wäre, hätte keine Chance auf eine rechtzeitige Behandlung bestanden", hatte ein Sachverständiger das tödliche Geschehen beschrieben.

Das Gericht habe bei seiner Urteilsfindung neutral, objektiv und frei von Gefühlen die vorhandenen Fakten zu bewerten, sagte der Vorsitzende Bernd Miczajka in seiner Urteilsbegründung. Er ging damit vor allem auf viele emotionale Momente ein, die es im Laufe des Prozesses gab. Letztmalig am Montag wenige Stunden vor der Urteilsverkündung. Mit Erlaubnis des Gerichts durften die zu jedem Verhandlungstag aus England angereisten Eltern des Opfers persönliche Erklärungen abgeben.

Eltern des Opfers kämpfen mit den Tränen

Immer wieder abbrechend und mit den Tränen kämpfend schilderten die Eltern in bewegender Weise, was der Tod ihres Sohnes für sie bedeutete. "Wir wurden zu lebenslanger Trauer, Verzweiflung und Leere verurteilt", sagte der Vater und bekannte: "Ich weine oft, wenn ich allein bin." Noch kurz vor seinem Tod habe sein Sohn bei einem seiner regelmäßigen Anrufe einmal mehr gesagt, welch eine wunderbare und vor allem sichere Stadt Berlin sei. Beide Eltern fragten dabei wiederholt nach dem Warum. Diese Frage konnte auch das Gericht nicht beantworten. Es seien Fragen offen geblieben, auch die nach dem Motiv von Rolf Z. , erklärte Miczajka.

Unruhe im Saal kam kurz auf, als die Mutter von Luke H. von einem "teuflischen Mord" sprach, bei der Übersetzung kam dabei "teuflischer Mörder" heraus. Die Verteidigung protestierte, der Vorsitzende bat die Eltern "bei allem Verständnis" um Mäßigung in der Wortwahl. Weniger Verständnis zeigte Miczajka gegenüber den zahlreichen Zuhörern, die am Ende der Erklärungen der Eltern jeweils applaudierten.

Derlei ist in deutschen Gerichtssälen weder üblich, noch zulässig. Ein weiterer emotionaler Moment hatte sich bereits am 5. April ergeben. An dem Tag wäre das Opfer 32 Jahre alte geworden. Die Anwälte der als Nebenkläger agierenden Eltern baten um eine Schweigeminute, das Gericht stimmte zu.

Das Urteil entsprach dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die Verteidiger hingegen hatten zuvor in ihren Schlussplädoyers argumentiert, es bestünden erhebliche Zweifel an der Schuld des Angeklagten. Sie forderten Freisprüche, im Fall eines Schuldspruchs maximal eine Verurteilung wegen Totschlags. Der Vorsitzende sprach dagegen von einer Fülle von Indizien, die in ihrer Gesamtheit nur zu einem Schuldspruch führen könnten. Der basierte unter anderem auf Zeugenaussagen, die am Tatort einem Mann mit langen weißen Haaren in einem langen schwarzen Mantel gesehen hatten. Die Beschreibung passte auf Z., den Mantel und die Tatwaffe fanden Ermittler bei der Halbschwester des Angeklagten. Die gab als Zeugin an, ihr Halbbruder habe ihr die Sachen zur Aufbewahrung gegeben.

Wenig erfolgreich im Leben, stark alkoholabhängig und bei Frust schnell aggressiv

Der Prozess zeigte den Angeklagten als einen Sonderling, wenig erfolgreich im Leben, stark alkoholabhängig und bei Frust schnell aggressiv. Da er neben Waffen auch NS-Utensilien sammelte, war häufig über ein fremdenfeindliches Motiv spekuliert worden. Dafür gebe es aber keinen ausreichenden Beleg, befand das Gericht.

Das Opfer Luke H., geboren in Manchester, Jura-Abschluss in Oxford, in Berlin Berater von Start-up-Unternehmen, beschrieben Zeugen als erfolgreich, umgänglich, friedlich und stets gut gelaunt. Diese beiden höchst unterschiedlichen Menschen trafen am Tattag zusammen. Das Treffen endete für einen von ihnen tödlich. Und für den anderen mit einem Urteil, das, obwohl unter der Höchststrafe liegend, in seinem Alter praktisch doch lebenslänglich bedeuten kann.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.