Nichtschwimmer

Wie Neukölln Kindern das Schwimmen beibringen will

Fast jeder zweite Drittklässler in Neukölln kann nicht schwimmen. Die Kinder sind viel zu wasserscheu. Da soll jetzt der „Neuköllner Schwimmbär“ helfen.

Die Zahlen sind alarmierend. Fast die Hälfte der Neuköllner Kinder können auch nach dem obligatorischen Schwimmunterricht in der dritten Klasse nicht schwimmen. In Nord-Neukölln liegt die Quote nach Angaben des Bezirks sogar bei 70 bis 80 Prozent. Berlinweit sind es 18,8 Prozent der Schüler, die sich auch am Ende der dritten Klasse nicht allein über dem Wasser halten können.

Am Mittwoch startete deshalb im Kombibad Gropiusstadt das neue Wassergewöhnungsprojekt „Neuköllner Schwimmbär“ für Kinder am Ende der zweiten Klasse. „Der Grund für die enorme Nichtschwimmerquote liegt darin, dass viele Kinder vor dem Schulschwimmen keinerlei Wassererfahrung außerhalb der Badewanne und Dusche gemacht haben“, sagt Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD).

Sie hat das Projekt noch in ihrer früheren Funktion als Bildungsstadträtin auf den Weg gebracht. Vor allem in den sozial schwachen Familien würden die Kinder mit den Familien nur selten baden oder schwimmen gehen, häufig seien schon die Eltern Nichtschwimmer.

Drei Tage im Schwimmbad

„Mein Ziel ist es, dass künftig alle Neuköllner Kinder die Überlebenstechnik Schwimmen in der vierten Klasse beherrschen“, sagt die Bezirksbürgermeisterin.

Utopisch ist das Ziel keinesfalls. Das zeigen die ersten Erfahrungen in der Testphase des neuen Pilotprojektes. Die achtjährige Emine ist zum ersten Mal in einem Freibad, erzählt sie. Schon am ersten Tag hat sie sich getraut, vom Startblock ins tiefe Wasser zu springen mit einer umgeschnallten Schwimmhilfe. „Ich habe Wasser in die Nase bekommen, aber ich habe keine Angst mehr“, sagt sie.

Derzeit nehmen 500 Kinder, die am Ende der zweiten Klasse sind, an dem Kurs teil. Ausgewählt wurden zum Projektstart elf Neuköllner Schulen, an denen die Nichtschwimmerquote besonders hoch ist.

Das Besondere ist, dass sich die Kinder in einer kompakten Projektwoche an das Wasser gewöhnen können. Sie kommen an drei Tagen mit ihren Lehrern ins Kombibad und bleiben dort den ganzen Tag. Nach dem ersten Gang ins Wasser folgt eine Frühstückpause mit Picknick und freiem Spiel und dann gibt es einen zweiten Teil. Auf diese Weise absolvieren die Kinder an drei Tagen sechs Kurseinheiten. „So weit wie hier nach drei Tagen, haben wir die Kinder beim normalen Schulschwimmen erst nach einem halben Jahr“, sagt Marco Guhl, Schwimmlehrer und Schulsport-Leiter im Bezirk Neukölln. Die Schulstunde sei zu kurz und die Pause bis zur nächsten Stunde zu lang, um die ängstlichen Kinder mit dem Element vertraut zu machen.

Das soll der Vorbereitungskurs nun leisten. Wer den Schwimmbär ablegt, der kann sich alleine am Beckenrand ins Wasser gleiten lassen, den Kopf unter Wasser tauchen, sich an den Händen durchs Wasser ziehen lassen und alleine ins Wasser springen. Dabei wird in dem Kurs auch eine neue Methode angewandt, die bisher beim Schulschwimmen so nicht zum Einsatz kommt. Die Kinder gehen von Anfang an mit Schwimmhilfe ins tiefe Wasser.

Wer sich nicht traut, wird von einem Trainer gehalten oder an der Hand geführt. „Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass die Kinder im flachen Wasser immer das machen, was sie am besten können, nämlich laufen“, sagt Schwimmtrainerin Daniela von Hoerschelmann vom SG Neukölln, die das Konzept mit entwickelt hat.

Sogar das Seepferdchen ist drin

Die Erfolge sind erstaunlich. Schon am zweiten Tag schaffen es die Kinder, sich mit ihren Gurten, Luftkissen oder Schwimmnudeln von einem Beckenrand zum anderen zu bewegen.„Ich kann schwimmen“, sagt auch Emine stolz. Vielleicht wird sie sogar zu jenen Kindern gehören, die schon am Ende der drei Tage ihr Seepferdchen ablegen können.

In einer Testphase mit 20 Kitakindern hatten alle Teilnehmer den Schwimmbär erfolgreich absolviert. Fünf Kinder konnten nach den drei Tagen sogar schon mit dem Seepferdchen abschließen, drei Kinder haben es gewagt, vom Drei-Meter-Turm ins tiefe Wasser zu springen.

Im regulären Schulschwimmen sei dieses Konzept aber nur schwer realisierbar, sagt Sportlehrer Marco Guhl. Im Unterricht kämen 12 Kinder auf einen Lehrer. Da sei das Risiko zu groß, mit allen ins tiefe Wasser zu gehen. Beim Neuköllner Schwimmbär würde sich ein Trainer um fünf bis sechs Kinder kümmern.

Finanziert wird das Projekt über das Bonusprogramm des Landes für Schulen in schwierigen Lagen. Die Schulen zahlen jeweils 500 Euro pro Klasse aus diesem Programm für die Projektwoche. Die Berliner Bäder Betriebe stellen ihre Wasserflächen im Kombibad Gropiusstadt für eine geringere Gebühr zur Verfügung und auch der Bezirk beteiligt sich an den Kosten für die Nutzung des Bades. Langfristig sollen alle Neuköllner Kinder des zweiten Jahrganges den Schwimmbär ablegen, bevor sie in der dritten Klasse mit dem Schulschwimmen starten.