Sicherheit in Berlin

Drogen und Sex - Wachschutz an Neuköllner Bibliothek im Einsatz

Drogen, Sex auf der Toilette und Drohungen: Nach dem Hilferuf der Mitarbeiter der Neuköllner Helene-Nathan-Bibliothek, sorgt in der Bücherei für drei Monate ein privater Sicherheitsdienst für Ordnung.

Foto: Amin Akhtar

In den Gesichtern der Schüler steht Neugier, als sie die Bibliotheksräume betreten. „Hast du auch davon gehört?“, wispert ein Mädchen mit Kopftuch einem anderen zu. „Ja, aber mein Vater hat erlaubt, dass ich herkomme.“ Der Junge, der die Mädchen begleitet, grinst. Dann holen die drei ihre Schulsachen und setzen sich schweigend in den hinteren Teil der Bibliothek. Es wirkt ein bisschen wie eine Verschwörung. Gerade jetzt, da die Bibliothek in Verruf geraten ist, weil hier angeblich Gewalt und rohe Sitten Einzug gehalten haben.

Dies zumindest beklagen die 29 Angestellten der Helene-Nathan-Bibliothek in Neukölln. In einer Art Brandbrief schilderten sie vergangene Woche dem Bezirksamt eine Welt, die mit der Bildungsoase wenig zu tun hat, für die man die Stadtteilbibliothek bisher hielt. Von Drogenhandel war die Rede, von Zündeleien und Sex auf den Toiletten. Das berichtete der „Tagesspiegel“. Es soll auch Pöbeleien und Drohungen gegen die Mitarbeiter gegeben haben und vor einiger Zeit gar einen „guerillaartigen Überfall rivalisierender Jugendbanden“. Die Stadtteilbibliothek liegt direkt gegenüber dem Rathaus Neukölln. Sie ist, so klingt es, offenbar der nächste Problemfall des an Problemen ohnehin nicht armen Nord-Neukölln.

Keinen Respekt vor Frauen

Bisher, sagen die drei Zehntklässler am Hausaufgabentisch, hätten sie von Drogen und Sex in der Bücherei zwar nichts mitbekommen. Allerdings seien in letzter Zeit mehrmals arabischstämmige Jugendliche mit dem Bibliothekspersonal aneinander geraten. „Die haben keinen Respekt vor Frauen“, sagen die Mädchen. 24 der 29 Bibliotheksmitarbeiter sind Frauen. Auch dies ist offenbar Teil des Problems.

Dennoch, sagen die Schüler, kämen sie gern her. Die Bibliothek sei in Neukölln praktisch der einzige Ort, an dem Mädchen und Jungs sich öffentlich treffen können. „Mein Vater würde nie erlauben, dass ich einen Schulkameraden mit nach Hause bringe“, sagt ein Mädchen. Und nein, der Junge am Tisch sei nicht ihr Freund. „Wir lernen nur Mathe. Das können Jungs besser.“

Seit die Helene-Nathan-Bibliothek vor 15 Jahren in der oberen Etage des Einkaufszentrums „Neukölln Arcaden“ eröffnete, ist sie zum Treffpunkt für die Schüler der Umgebung geworden. Von den 2000 Besuchern im Durchschnitt am Tag sind ein großer Teil Kinder und Jugendliche. Hier gibt es Hilfe bei Hausaufgaben und Computer. Für viele Kinder aus sozial schwachen Familien sind die freundlichen Bücheretagen mit ihren Tischen und Sitzecken oft der einzige Ort, an dem sie in Ruhe lesen und lernen können. Zumindest bis jetzt konnte man das glauben.

Auch deshalb hat sich das Bezirksamt Neukölln nun darauf verständigt, dass ab sofort Wachleute in den Räumen für Ordnung sorgen sollen. Gleichzeitig sollen „Angebote der Straßensozialarbeit“ gesucht werden, um jenen Jugendlichen Alternativen zu bieten, die die Bibliothek offenkundig nur als Treffpunkt nutzen, nicht aber zum Lesen und Lernen.

Der Wachschutz ist zunächst als dreimonatiger Test gedacht. Franziska Giffey, noch Bildungsstadträtin und designierte Nachfolgerin von Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (beide SPD), betont, dass auch in der Neuköllner Bibliothek Drogenkonsum und Sex in der Toilette nicht an der Tagesordnung sind. „So etwas ist dort passiert, aber alltäglicher sind die Situationen, wenn Nutzer der Bibliothek aneinandergeraten“, sagt sie. Besonders am Nachmittag sei es dort oft so voll, dass die Mitarbeiter die Hälfte ihrer Zeit damit zu tun hätten, die Besucher zur Ordnung zu rufen. „Die Mitarbeiter haben darum gebeten, davon entlastet zu werden. Das muss ich ernst nehmen“, so Giffey. Die Pöbeleien hätten zugenommen, auch die Beleidigungen und aggressives Verhalten.

Spiegelbild der sozialen Lage

Grundsätzlich sei sie sehr dafür, dass junge Leute den Weg in die Bibliothek fänden. Aber die Grundregeln müssten eben für alle gelten. „Der Großteil der Nutzer benimmt sich normal. Aber es gibt eben auch immer wieder Auswüchse.“ Aus Taschen und Jacken würden regelrechte Burgen errichtet, die Wege versperrten. Es werde gelärmt und getobt. Auf Ermahnungen reagierten manche Jugendliche beleidigt. „Wir wollen keinen rauswerfen, aber diese Gemengelage schaukelt sich zu oft hoch“, sagt Giffey.

Die Situation in Neuköllns größter Bibliothek – in den drei anderen kleineren in Britz, Rudow und in der Gropiusstadt gibt es diese Probleme so nicht – spiegele sinnbildlich auch die Gesamtsituation und die soziale Lage in Nord-Neukölln wieder. „Viele junge Menschen in Neukölln kommen aus großen Familien, zu Hause ist es eng. Wo sollen sie sich treffen? Da wird die Bibliothek Aufenthaltsort für sie. Wir haben auch schon überlegt, nachmittags die Schulen offen zu halten. Aber das ist erstens schwierig und die Jugendlichen wollen sich ja nachmittags auch nicht gern in der Schule treffen“, sagt Giffey. Abhängen im Einkaufscenter sei ohnehin beliebter bei den jungen Leuten. Sie würde sich wünschen, für die Jugendlichen mehr Raum zu haben. Zusammen mit dem Jugendstadtrat werde jetzt auch nach parallelen Angeboten für die jungen Leute geschaut.

Nord-Neukölln gilt seit Jahren als Problem-Bezirk – und gleichzeitig als beispielhaft für den Umgang mit sozialen Herausforderungen. Ausgerechnet die Bibliothek ist ein gutes Beispiel dafür. Mit Projekten wie dem Quartiersmanagement, den Stadtteilmüttern oder Lernpaten gelingt es, auch Kinder aus „bildungsfernen“ Familien zum Lesen zu bringen. Konkret findet dies an den Bibliothekstischen statt. Und immer wieder kommen auch prominente Autoren zu Lesungen. So war 2013 auch Heinz Buschkowsky hier zu Gast, der sein neues Buch vorstellte. „Neukölln ist überall“ lautete der Titel. Doch der Bezirk machte seinem Ruf damals alle Ehre: Buschkowsky wurde von Gästen niedergeschrieen, die ihm Rassismus unterstellten. Andere forderten ebenso lautstark, den Bürgermeister reden zu lassen. Schließlich wurde die Veranstaltung abgebrochen.

Bürgermeister niedergeschrien

Neukölln ist überall: Buschkowsky beschrieb in seinem Buch, woran Integration seiner Ansicht scheitert. Er beklagte, dass sich Menschen nicht an Regeln halten und kritisierte auf der anderen Seite falsch verstandene Toleranz.

Was er meinte, lässt sich direkt vor seiner Rathaustür beobachten. Seit vor 15 Jahren das Einkaufszentrum direkt am U-Bahnhof Rathaus Neukölln eröffnet wurde, ringen Gewerbetreibende, Wachleute und Polizei mit den sozialen Umständen. Immer wieder haben Jugendbanden Angst und Gewalt verbreitet. Erst vor einem Jahr artete eine Schlägerei über alle Maßen aus, und 200 Schaulustige hinderten die Polizei am Einsatz . Auch die privaten Wachleute im Einkaufszentrum konnten das nicht verhindern.

Zum Alltag draußen gehören bettelnde Roma, gelangweilte Männer mit Hunden und Bierflaschen und schräge Typen wie den Kerl mit dem Handy-Knopf im Ohr, der leise vor sich hinsingt: „Allah-Allah...“ Direkt am Eingang lässt sich beobachten, wie kleine Tüten und Geld diskret die Besitzer wechseln.

Rund um die Kreuzung gibt es immer wieder heftige Gewalt. Ein paar Häuser weiter tötete 2013 an der Flughafenstraße ein Mann in einer Bäckerei seine Frau und deren Schwester mit Kopfschüssen. Vor einigen Wochen gingen sämtliche Schaufenster einer Bank direkt gegenüber dem Rathaus zu Bruch. Die Polizei sucht per Aushang immer noch nach den Tätern, einer „50- bis 60-köpfigen vermummten Personengruppe“. Im Vorraum der Bank wiederum warnen Aushänge vor Tätern, die Kunden an den Geldautomaten bedrängen.

Was hilft? Sozialarbeit ist ein Weg, auch Wachschutz kann eine Lösung sein. Allerdings nicht die einzige und nicht dauerhaft. Das hat man auch in Neukölln erkannt, wo seit 2007 Wachleute rund 13 Neuköllner Schulen schützen. Inzwischen wird der Schutz an vielen Schulen wieder reduziert oder ganz aufgegeben. Der Grund: Die Probleme wurden an der Wurzel gepackt – durch Verhaltensschulungen, Zusammenarbeit mit der Polizei und technische Sicherheitslösungen, die einen Wachschutz überflüssig machen.