Trotz Schäden

Ausgebrannte Neuköllner Kita „Tabaluga“ ist wieder geöffnet

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Steffen Pletl

Foto: Steffen Pletl

Vor drei Wochen legten Unbekannte Feuer in der Kindertagesstätte „Tabaluga“ in der Gropiusstadt. Der Betrieb geht dennoch weiter – auch wenn die Einrichtung aus allen Nähten platzt.

Die Prophezeiungen von Heike Heibeck zur weiteren Arbeit der Kindertagesstätte Tabaluga am Zwickauer Damm in Neukölln sind nicht eingetroffen. Wie berichtet, hatte die Chefin der Kindertagesstätte in der Gropiusstadt befürchtet, dass nach der Brandstiftung Anfang des Jahres viele Kinder für längere Zeit nicht mehr betreut werden könnten. Doch wie sich nun zeigt, haben die Mitarbeiter alle Reserven ausgeschöpft, um den Kindern und auch den Eltern dieses Szenario zu ersparen.

Die nutzbaren Räume wurden umgestaltet, die älteren Kinder, die bislang in der oberen Etage untergebracht waren, können sich um die Kleinen kümmern. Zwar platzt die Kita derzeit aus allen Nähten. Doch die kleinen Tagesgäste scheint das nicht zu stören. Im Erdgeschoss des zweistöckigen Hauses sind im Flur die Kleiderhaken an den Wänden mit dicken Jacken und Pudelmützen doppelt belegt. Die Spielwiesen in den Gruppenräumen sind überfüllt.

Kinder rücken nach Kita-Brand enger zusammen

Am 3. Januar waren bislang unbekannte Täter in die Kita eingedrungen, hatten die Räume verwüstet und anschließend Feuer gelegt. Anwohner alarmierten in den frühen Morgenstunden die Feuerwehr. Nun, fast drei Wochen später, kuscheln Große und Kleine gemeinsam in der unteren Etage. Viele der bis zu sieben Jahre alten Kinder gehen mit den seit Anfang des Jahres ungewollten Gegebenheiten scheinbar spielerisch um. Ab und zu drängeln sie sich an die großen Scheiben, um einen Blick auf den Hof zu erhaschen. Denn dort steht ein großer Sperrmüllcontainer, gefüllt mit den Ascheresten des Feuers. Und während die Erzieher versuchen, in der unteren Etage das quirlige Treiben der Kinder in geordnete Bahnen zu lenken, stehen im ersten Stock die Räume leer.

Seit Anfang des Jahres können Gruppen- und Sanitärräume dort nicht mehr genutzt werden. Doch dieser Zustand soll bald ein Ende haben. „In den nächsten Tagen wird mit der Sanierung der obersten Etage begonnen“, sagt Heike Heibeck. Doch dafür muss das Stockwerk komplett entkernt werden. Mindestens ein halbes Jahr werden die Arbeiten an der Kindertagesstätte, die der Kinder in Bewegung gGmbH (KiB) gehört und deren einziger Gesellschafter der Landessportbund ist, andauern. Besonders schwierig wird die Sanierung des Sanitärtraktes. Mit Ruß überzogene Wände, zerborstene Fensterscheiben, abgerissene Stromleitungen prägen derzeit das Bild.

Kita-Leiterin spricht von „sinnlose Verwüstung“

Die Leiterin ist fest davon überzeugt, dass bislang unbekannte Täter zum Jahresbeginn in die Kindertagesstätte eingestiegen sind und dort sinnlos gewütet haben. „Warum sonst wurden alle Schränke aufgerissen, lagen die Sachen von den Kindern auf dem Fußboden, waren Handtücher von den Kleiderhaken in den Bädern gerissen?“, fragt die Kita-Leiterin. In einem Gruppenraum ist ein Aquarium umgerissen und zerschlagen worden. „Es wird Tage dauern, bis hier alles wieder in Ordnung ist“, sagt Heike Heibeck. Zudem hatten die Brandstifter alle Wasserhähne aufgedreht. Das Wasser stand überall zentimeterhoch. Auch in ihrem Büro ist alles ramponiert worden. Überall waren die verbrannten Überreste des Mobiliars und der Akten auf dem Fußboden verteilt. Der Computer mit allen wichtigen Daten war ebenfalls zerstört. Eine schnelle Information an die Eltern, dass sie ihre Kinder eventuell in den kommenden Tagen anderweitig unterbringen müssen, war dadurch erschwert. „Doch wie in einer großen Familie hat die Flüsterpropaganda wunderbar funktioniert, und alle wussten sehr bald Bescheid und haben nach Alternativen gesucht“, sagt Heike Heibeck.

Trotzdem, ein derartiges Szenario möchte sie nicht noch einmal erleben. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei zur Brandstiftung und dem Vandalismus sind noch nicht abgeschlossen, die Täter nicht identifiziert. Sie hatten nicht nur die Räume zerstört. Auch im Garten der Kindertagesstätte hatten die Täter gewütet. Die Tür zu einem Geräteschuppen war aufgerissen und ausgehängt worden. Gartengeräte lagen vor dem Schuppen herum.

Höhe des Sachschadens noch unklar

Wie hoch der entstandene Schaden ist, kann Heike Heibeck auch noch nicht sagen. Das Gutachten der Versicherung stehe noch aus. Doch viel wichtiger sei, dass niemand verletzt wurde und dass alle 136 Sprösslinge, wenn auch mit etwas Verzögerung, bereits in der ersten Januarwoche wieder in der Kita Tabaluga betreut werden konnten. Die Eltern können ungestört ihrer täglichen Arbeit nachgehen. Nur in Einzelfällen war es notwendig, Kinder für ein bis zwei Tage in anderen Einrichtungen unterzubringen oder auch zu Hause zu betreuen. Auch Anwohner aus dem Kiez hatten sofort nach Bekanntwerden der Brandstiftung ihre Bereitschaft zur Hilfe angeboten. So auch Leser der Berliner Morgenpost. Mit Sachspenden für Kuschelecken oder auch Spielsachen konnte der Sachschaden zumindest teilweise kompensiert werden. „Bislang haben wir zehn Kubikmeter verbrannte Spielsachen, Einrichtungsgegenstände und Lernmaterialien aus den Räumen entfernt“, sagt die Chefin.

Der beißende Geruch des Feuers hatte sich im gesamten Gebäude festgesetzt. Über mehrere Tage sind ihm die Mitarbeiter der Kita mit Lüftern entgegengetreten. Der Gestank ist inzwischen verschwunden und die Kinder blicken, in ihre Winterjacken gehüllt, mit großen Kulleraugen vom Spielgarten aus neugierig nach oben – zu den mit Spanplatten vernagelten Fenstern.