Jugendkriminalität

Wie das Neuköllner Jugendamt gegen Intensivtäter kämpft

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Sabine Flatau

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Neuköllns Stadtrat Falko Liecke will jugendliche Kriminelle stoppen. Der CDU-Politiker spricht über die neue Arbeitsgruppe im Jugendamt, die sich nur um Intensivtäter und Großfamilien kümmert.

Bei der Berliner Staatsanwaltschaft sind 105 junge Neuköllner als Intensivtäter registriert. Die Polizei führt auf ihren Listen weitere 54 junge Serientäter aus dem Bezirk. 91 Prozent von ihnen stammen aus Migrantenfamilien. Neuköllns Jugendstadtrat Falko Liecke (CDU) will diesen Kriminellen Einhalt gebieten. Im Interview mit der Berliner Morgenpost spricht er über die neue Arbeitsgruppe im Jugendamt, die sich nur um Intensivtäter und Großfamilien kümmert.

Berliner Morgenpost: Herr Liecke, warum halten Sie dieses neue Team für nötig?

Falko Liecke: Hintergrund ist, dass wir in Neukölln schon seit Langem sehr viele Intensivtäter haben. Es sind sehr junge Menschen, teilweise noch nicht strafmündig, also unter 14 Jahren. Damit sind sie durch unser Strafsystem nicht erreichbar. Das heißt, wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen. Die Arbeitsgruppe soll als Bindeglied zwischen der Intensivtäterabteilung der Staatsanwaltschaft, Polizei, Jugend- und Familiengerichtsbarkeit und Schule fungieren. Denn dort werden viele Gewaltmeldungen geschrieben. Derzeit gibt es aus meiner Sicht kein optimales System, diesen Gewaltmeldungen nachzugehen.

Was sind typische Straftaten der jungen Intensivtäter?

Intensivtäter sind junge Leute, die Raub, Rohheitsdelikte, Eigentumsdelikte oder in mindestens zehn Fällen Straftaten von einigem Gewicht begangen haben. Diebstahl, Kfz-Diebstahl, Überfälle. In Neukölln kommt all das vor. Auch in Schulen oder in ihrem Umfeld werden Jugendliche gewalttätig, nehmen anderen das Handy oder die Jacke ab. Deshalb ist es so wichtig, dass die Schule eng in unser Konzept eingebunden wird. Damit wir diese Informationen bekommen und mit in unser System einspeisen können.

Woher stammen die Jugendlichen?

Etwa 50 Prozent von ihnen leben in Familien, die aus arabischen Ländern stammen, 24 Prozent aus der Türkei.

Wo gibt es so eine Arbeitsgruppe schon?

Wir haben uns kürzlich Anregungen in Essen geholt. Dort gibt es ein ähnliches Problem: viele junge Straftäter aus Großfamilien. Die Essener haben es durch so eine Arbeitsgruppe geschafft, einen anderen Zugang zu den Familien zu finden. Und sie haben es geschafft, dass sich die beteiligten Behörden untereinander abstimmen. Das heißt, sie können nicht ausgetrickst werden. Das ist das Entscheidende, dass junge Menschen merken: Die reden ja miteinander. Ich kann nicht in der Schule das Eine erzählen, und in der Jugendeinrichtung etwas anderes, und zu Hause noch etwas anderes. Das funktioniert dann nicht mehr.

Dazu müssten die Behörden eng zusammenarbeiten …

Mein Ziel ist eine sehr schnelle Intervention, wenn Gewalttaten auftreten, in Schulen, im Umfeld der Schulen, in Freizeiteinrichtungen. Ich denke, dass wir diesen jungen Tätern dadurch auch sehr früh Einhalt gebieten können. Sobald die Polizei die Straftaten erfasst hat, wird das an die anderen beteiligten Behörden kommuniziert. Natürlich gibt es Bedenken, dass man diese Dinge nicht weitergeben darf, wegen des Datenschutzes. Das stimmt auch. Aber dafür gibt es eine relativ simple Methode, die – zumindest in Essen – funktioniert. Wir nehmen Kontakt mit den Familien auf, führen Gespräche mit ihnen. Ein Ergebnis ist, dass die Eltern eine Einwilligungserklärung unterschreiben, die den Datenaustausch ermöglicht.

Und das funktioniert?

In Essen hat es funktioniert. In den meisten Fällen. Nicht alle Großfamilien sind schwerst kriminell. Es gibt einige, in denen mehrere Familienmitglieder kriminell sind und die kleineren mit anstiften. Viele Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder auf die schiefe Bahn geraten, sie die Schule schwänzen, sondern dass aus ihnen etwas Vernünftiges wird. Deshalb kooperieren sie und unterschreiben diese Einwilligungserklärung.

Funktioniert das auch, wenn die Eltern kriminell sind?

In Essen hat es funktioniert. Denn der Respekt vor den Jugendämtern ist groß, oft größer als vor der Polizei. Weil die Ämter auch Kinder aus den Familien nehmen können. Das wird als großer Gesichtsverlust und als Ehrverletzung verstanden. Denn auch zwischen den Großfamilien besteht eine Konkurrenz. Wenn sich herumspricht, dass ein Kind vom Amt herausgenommen und woanders untergebracht wurde, dann heißt das, die Familie funktioniert nicht. Das ist nach außen ein ganz schlechtes Zeichen. Und damit möchte ich arbeiten.

Wann soll das Berliner Team beginnen?

Wir sind jetzt in der Konzeptphase. Noch in diesem Jahr möchte ich die vier Kollegen einstellen. Wir brauchen erfahrene Sozialpädagogen. Es ist hilfreich, jemanden dabei zu haben, der diese Qualifikation hat und zudem noch arabischstämmig ist, denn die meisten Großfamilien stammen aus Arabien. Auch jemand, der schon beruflich mit der Polizei zu tun hatte, könnte hilfreich sein. Ein halbes oder Dreivierteljahr wird es mindestens dauern, bis das Team an den Start geht.

Wie soll der Umgang mit den jungen Intensivtätern sein?

Die Sozialarbeiter reden mit den Jugendlichen. Sie besuchen die Familien zu Hause. Damit wir einen Eindruck vom Umfeld haben, in dem der junge Mensch lebt. Wenn die Familie groß ist, hat er oft keinen eigenen Raum oder eine Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Dann ist er oft draußen, geht häufig weg. Das ist keine Entschuldigung, das sind die Rahmenbedingungen in großen Familien. Die Jüngeren gehen mit den größeren Brüdern mit. Und machen Unsinn.

Was bewirken Besuche und Gespräche ?

Wir brauchen die Kooperation mit den Familien. Das erreichen wir notfalls auch durch Druck. Etwa dadurch, dass wir sagen, wenn es keine Verbesserung gibt, dann kommt ein Verfahren vor dem Familiengericht. Das kann zum Beispiel zur Konsequenz haben, dass das Kind für ein halbes Jahr in eine Einrichtung nach Niederbayern kommt. Spätestens dann lenken viele Familien ein. Denn sie wollen ihr Kind nicht verlieren. Wir machen das nicht, um Repressionen auszuüben, sondern um etwas für den Jugendlichen zu erreichen. Wenn ein Minderjähriger zum Intensivtäter wird, heißt das auch, dass es Opfer gibt. Mein Anspruch ist, das zu vermeiden. Ich möchte keine Opfer haben, keine Geschädigten. Wir müssen den jungen Leuten unsere Grundwerte klar machen, denn die werden massiv beeinträchtigt.

Wie wollen Sie diese Werte vermitteln?

Durch Druck, aber auch durch Erziehung. Das ist das Prinzip der Jugendhilfe. Es gibt immer eine Einzelfallprüfung, was angemessen ist. Ein Antigewalttraining, eine stationäre Unterbringung oder ein Arrest als Warnschuss. Das soll in einem Gremium besprochen werden, dem Staatsanwalt, Schule, Jugendrichter, Polizei und Jugendamt angehören. Alle überlegen sich gemeinsam eine Strategie. Das Antigewalttraining wird von freien Trägern angeboten, die auch türkisch- oder arabischstämmige Mitarbeiter haben. Die arbeiten mit den Jugendlichen ganz gezielt auf, warum sie gewalttätig sind, was sie dazu veranlasst, anderen Schmerzen zuzufügen oder ihnen etwas wegzunehmen. In manchen Fällen besucht ein Sozialpädagoge regelmäßig eine Familie. Es geht auch darum, dass die Kinder Zugang zu Freizeiteinrichtungen bekommen.