Nach dem Pariser Attentat

Vorstand der Neuköllner Sehitlik-Moschee befürchtet Anschläge

Ender Cetin warnt vor wachsenden Vorbehalten gegenüber dem Islam. Als Reaktion fordert er mehr Unterstützung und Geld für die Mitarbeiter der Gemeinde.

Foto: Massimo Rodari

Der Vorstand der Sehitlik-Moschee in Neukölln, Ender Cetin, befürchtet nach dem Attentat auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" in Paris auch Anschläge auf Moscheen. Das hat Cetin am Freitagmorgen in einem Interview im Inforadio des RBB gesagt. Er warnte vor wachsenden Vorbehalten gegenüber dem Islam. Sein Vorschlag zur Bekämpfung von Vorurteilen lautet: Statt einzelner Projekte müsse es langfristige strukturelle Programme geben – mit pädagogisch und psychologisch geschulten Mitarbeitern. Cetin erinnerte daran, dass eine spätere Radikalisierung von Jugendlichen eine Vorgeschichte habe. Meist beginne sie mit Kriminalität und familiären Problemen. Dem könne man vorbeugen.

In der Sehitlik-Moschee herrscht nach dem Anschlag in Paris große Aufregung. "Wir alle sind entsetzt, dass wieder im Namen unserer doch eigentlich friedlichen Religion ein Anschlag passiert ist. Wir machen uns auch Sorgen, dass Pegida jetzt wieder stärker wird und Anschläge auf unsere Moscheen drohen", so Cetin weiter. Er spüre durchaus stärkere gesellschaftliche Vorbehalte gegen den Islam, "in der Gesellschaft, unter Arbeitskollegen, teilweise auch in der Nachbarschaft".

Struktur der Attentäter – ähnliche Vorgeschichten auch in Berlin

Als Reaktion forderte er in dem RBB-Interview mehr Unterstützung und Geld für hauptamtlich Tätige in der Gemeinde: "Wir erwarten zu viel von den Muslimen, die sich ehrenamtlich engagieren. Wir brauchen dringend eine strukturelle und institutionelle Unterstützung, die über temporäre Projekte hinausgeht. Wir benötigen dringend Langzeitmitarbeiter, die pädagogisch und psychologisch langfristig aktiv sind. Denn natürlich spüren auch wir eine zunehmende Radikalisierung unter Jugendlichen", so Cetin.

Einiges gleiche dem Muster der französischen Attentäter: "Bei einem der Attentäter fand statt, was wir auch hier in Berlin beobachten: Oft führen solche jungen Männer zunächst ein ausschweifendes Leben mit Drogen, mit familiären Problemen, dann laufen sie Rattenfängern in die Arme und werden von denen religiös radikalisiert. Dem müssen wir dringend entgegenwirken", fordert Cetin.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.