Islamismus

Dialog über Religionen – Henkel besucht Schule in Rudow

Innensenator Henkel hat angekündigt, „große Anstrengungen“ bei der Islamismus-Prävention zu unternehmen. Dass die Programme aber noch am Anfang stehen, zeigt sich bei seinem Besuch in einer Schule.

Foto: Krauthoefer / Jörg Krauthöfer

Die Leibwächter tragen dunkle Anzüge, an ihren Ohren sieht man die Kabel der Funkgeräte, mit denen sie Verbindung zueinander halten. Sie sorgen für die Sicherheit von Frank Henkel. Auch wenn er eine Schule in Neuköllns Süden, in Rudow, besucht. Als Henkel das Klassenzimmer betritt, wirken die Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse des Hannah-Arendt-Gymnasiums dann auch beeindruckt. Aber Henkel kann nicht sicher sein, ob die 13- und 14-Jährigen wirklich wissen, wer er ist. Und so begrüßt der CDU-Politiker sie mit den Worten: „Ich bin Innensenator und Bürgermeister.“ Dann sagt er, dass das Zusammenleben in einer Stadt, in der die Bewohner aus mehr als 180 Nationen kommen und unterschiedlichen Religionen haben, nicht immer ganz leicht sei – und dass man, um Vorurteilen zu begegnen, mehr miteinander reden sollte.

Den Dialog zu fördern scheint in Zeiten wie diesen eine gute Idee zu sein. In Hamburg und Celle gingen Kurden vor knapp zwei Wochen auf Salafisten los und Salafisten auf Kurden. In Berlin skandierten Palästinenser nach dem israelischen Angriff auf Gaza im Juli Parolen wie „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“. Und aus ganz Deutschland sind in den vergangenen zweieinhalb Jahren mehr als 450 junge Menschen, teils Deutsche ohne Migrationshintergrund, teils gebürtige Muslime aus Einwandererfamilien, nach Syrien oder in den Irak gereist – einige von ihnen, um an der Seite der Terrormiliz „Islamischer Staat“ all jene zu töten, die sie für „Ungläubige“ halten. Eine gefährliche Entwicklung, die zeigt, wie wichtig Anti-Radikalisierungsprojekte sind.

Die meisten der Schüler haben einen Migrationshintergrund

Die Schüler des Rudower Gymnasiums gehören unterschiedlichen Religionen an. Viele der Neuntklässler sind Muslime, die meisten haben einen Migrationshintergrund – einer der Gründe, warum sie an diesem Tag Besuch vom Innensenator bekommen. Der CDU-Politiker will einen Eindruck von den Präventionsbemühungen bekommen. „Ich bin ja nicht nur für Polizei und Feuerwehr zuständig“, sagt er.

Nina Sedlak-Cinar und Avital Grinberg wissen, dass gewalttätiger Fanatismus bei Jugendlichen nicht von heute auf morgen entsteht. Die 18 und 29 Jahre alten Frauen des mit öffentlichen Mitteln geförderten Projekts „Jung, gläubig, aktiv“ (JUGA) sind gekommen, um verbreiteten Vorurteilen und Ideologien der Ausgrenzung und Abwertung, dem Nährboden also, auf dem extremistische Ideen gedeihen, etwas entgegenzusetzen. Und so stehen sie in der Hannah-Arendt-Schule in Rudow und versuchen, die 22 Neuntklässler zum Reden zu bringen – über ihr Verhältnis zur Religion, über Werte, die ihnen wichtig sind, und darüber, warum es religiös motivierte Konflikte und Kriege gibt.

Vorurteilen und Ideologien etwas entgegensetzen

Die „interreligious peers“, die „interreligiösen Gesprächspartner“ also, sollen den Schülern auf Augenhöhe begegnen und eigene Erfahrungen einfließen lassen. Ihre Biografien bieten Anknüpfungspunkte. Nina Sedlak-Cinar ist gebürtige Muslimin. Das Klischee des „Kopftuchmädchens“ bedient die in der Eifel aufgewachsene Frau mit dem blonden Haar und dem hellen Teint aber nicht. Und Avital Grinberg erzählt, dass sie an dem jüdischen Gymnasium, das sie besucht hat, keinen einzigen Muslim kennengelernt habe. „Mir ist klar geworden, wie schade das ist“, sagt sie. Dass sie hier ist, ist für viele der Neuköllner Schüler ein Erlebnis. Ahmed sagt: „Ich habe heute zum ersten Mal in meinem Leben eine Jüdin gesehen.“ Dann fragen Nina Sedlak-Cinar und Avital Grinberg die Schüler, ob sie wegen ihrer Religion einmal diskriminiert worden seien. Eine Schülerin sagt: „Meine Schwester und ich wurden angesprochen, ob wir Terroristen sind, und zwar nur, weil sie ein Kopftuch trägt.“ Auch Frank Henkel meldet sich zu Wort. Im atheistisch geprägten Ost-Berlin sei er als gläubiger Katholik in seiner Jugend gehänselt worden. „Wenn ich nach der Schule in meine Gemeinde zum katholischen Religionsunterricht gegangen bin, haben mir einige hinterhergerufen: Na, gehst du wieder zu deinem Gott beten?“ Das bringt Henkel zu der Frage: „Was bedeutet für euch Religion?“ Ahmed antwortet: „Ich bin Muslim, will aber nicht auf den Islam beschränkt werden.“

In die Tiefe geht es nicht

Doch eine Diskussion kommt, trotz einiger interessanter Eindrücke, nicht recht in Gang, und man spürt, dass Nina Sedlak-Cinar und Avital Grinberg zwar einige Kurse absolviert haben, aber keine Pädagogen sind. Mit ihren teils eher akademischen Fragen können sie die Jugendlichen nur selten aus der Reserve locken. Auf konfliktträchtige Bemerkungen, aus denen sich ein Gespräch ergeben könnte, gehen sie kaum ein. Ahmed, Palästinenser, gläubiger Muslim und einer der aufgewecktesten in der Runde, kritisiert beispielsweise, dass die Berichterstattung der deutschen Medien zum Nahostkonflikt und Gaza-Krieg einseitig sei. Was er damit meint und wie er sich dabei fühlt, bleibt aber im Dunklen.

Enes, ein ebenfalls muslimischer Junge, sagt: „So weit ich weiß, sind die Juden gegen Moslems.“ Er habe das so gehört, sagt er, und er wolle nichts Falsches sagen. Die Moderatorinnen der Runde versuchen zwar, die diskussionswürdige Aussage zu thematisieren. Der Mut, der Entstehung des Vorurteils auf den Grund zu gehen, fehlt beiden aber offenbar. Immerhin: Avital Grinberg bricht die Diskussion auf eine zwischenmenschliche Ebene herunter: „Ich hasse dich jedenfalls nicht“, sagt die gläubige Jüdin und blickt Enes direkt in die Augen. „Und wenn ein Jude dich hasst, dann finde ich das ziemlich daneben.“

Berlin ist mit 550 Anhängern ein Zentrum der Salafisten-Szene

Der an diesem Tag nur in Ansätzen geglückte Workshop zeigt sinnbildlich, dass die Versuche, Auseinandersetzungen zwischen Anhängern unterschiedlicher Religionen mittels Prävention den Nährboden zu entziehen, in Berlin noch in den Kinderschuhen stecken. Wie nötig Präventionsarbeit ist, zeigt die wachsende Bewegung des Salafismus, einer ultrakonservativen Strömung innerhalb des Islams. Nordrhein-Westfalen hat deswegen das bundesweit beachtete Programm „Wegweiser“ initiiert. Ein ähnliches Projekt hat auch die hessische Landesregierung auf den Weg gebracht.

In Berlin, das mit rund 550 Anhängern eines der wichtigsten Zentren der Salafisten-Szene ist, gibt es zwar eine Reihe zivilgesellschaftlicher Initiativen. Die Vereine müssen sich aber von einem Fördertopf zum nächsten hangeln, und ihre Projekte sind meist befristet. Ein auf Landesebene koordiniertes und umfassendes Präventionsprogramm gibt es in der Hauptstadt dagegen nicht. Innensenator Henkel versicherte zwar jüngst, bei der Islamismus-Prävention „große Anstrengungen“ zu unternehmen. In der Innenverwaltung sind bisher aber nur drei Mitarbeiter damit befasst. Pro Jahr bieten sie gerade mal 15 Schulungen an, etwa für JVA-Bedienstete und Polizisten.