Neukölln

Tarzan und Isolde suchen ein neues Zuhause

Die kleine Kita „Tarzan und Isolde“ muss aus ihren Räumen in Neukölln ausziehen. Eltern und Betreuer suchen dringend nach einem neuen Standort. Doch angesichts der Wohnungsnot stehen die Chancen schlecht.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

"Tarzan und Isolde" heißt die kleine Kita an der Friedelstraße 28, mitten im Neuköllner Reuter-Kiez. Zur Zeit werden dort 25 Kinder von sechs Erzieherinnen betreut. Alle sind gern dort. Sie haben schöne Räume und einen sonnigen Garten. Doch jetzt steht der 1997 gegründete Kinderladen vor dem Aus. Eltern und Erzieher sind entsetzt. "Völlig überraschend ist uns im Frühjahr der Gewerbemietvertrag gekündigt worden", sagt Julia Lemke, deren Sohn die Kita besucht. Man habe den Vertrag zwar um ein Jahr verlängern können, allerdings bei deutlich höherer Miete. Mehr sei aber nicht möglich gewesen. Verzweifelt suchen die Eltern nun nach einem neuen Standort für ihre Kita. Doch in dem Szenekiez geht gar nichts mehr. "Wir haben auch in Alt-Treptow geguckt und in Kreuzberg, ohne Erfolg", sagt Julia Lemke. Es gebe einfach keine geeigneten Räume.

Der Fall "Tarzan und Isolde" ist kein Einzelfall. Roland Kern vom Dachverband Kinder- und Schülerläden (DaKS) sagt, dass sich derartige Kündigungen häufen. "In der ersten Hälfte dieses Jahres haben wir etwa 15 Fälle registriert, während es früher höchstens ein bis zwei pro Halbjahr gab." Betroffen seien vor allem Kitas und Schülerläden in Innenstadtbezirken wie Neukölln oder Kreuzberg. Diese Bezirke seien sehr gefragt. Das wirke sich auf den Wohnungsmarkt aus. Vermieter würden sich mit der Umwandlung von Gewerberäumen in Wohnungen höhere Einnahmen versprechen.

"Andererseits hat die Zahl der Neugründungen von Kitas in den letzten Monaten deutlich zugenommen", sagt Kern. Das zeige, wie groß der Bedarf sei, hänge aber auch mit der Förderung zusammen, die es seit Kurzem gebe. "Elterninitiativen werden von der Jugendverwaltung mit 1000 Euro pro neu geschaffenem Kitaplatz unterstützt. Das hat einen Gründungsboom ausgelöst."

Kinderläden müssen Wohnungen weichen

Die Neuköllner Eltern fordern nun Hilfe vom Senat. "Das ist ein strukturelles Problem", sagt Julia Lemke. Die Mietverträge von Bildungs- und sozialen Einrichtungen würden gekündigt, weil Wohnungen gerade teuer auf den Markt geworfen werden könnten. "Das führt dazu, dass Kinderläden und andere soziale Einrichtungen plötzlich auf der Straße stehen." So könne es nicht weiter gehen.

Ilja Koschembar, Sprecher von Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD), sagt, dass es seiner Verwaltung in den vergangenen Monaten gelungen sei, in ähnlichen Fällen zusammen mit dem Bezirk Ausweichmöglichkeiten zu finden. In den Innenstadtbezirken werde das allerdings immer schwieriger. Gegen den freien Wohnungsmarkt, der sich über Angebot und Nachfrage regele, könne man wenig tun. Für Koschembar gibt es deshalb nur eine Lösung: "Wir müssen so viele Kitaplätze schaffen wie möglich", sagt er. 2012/13 hätten Träger und Bezirke bereits 14.000 neue Plätze eingerichtet. Bis 2016 würden weitere 11.200 gebraucht. Wahrscheinlich sogar mehr, da die Zahl der Kinder stärker wachse als angenommen.

Rolf Groth vom Stadtentwicklungsamt Neukölln kann bestätigen, dass es seit einigen Monaten immer mehr Anträge auf Kita-Neugründung gibt. "Der Druck auf die zur Verfügung stehenden Flächen nimmt zu", sagt er. Viele Erdgeschossräume seien allerdings nach wie vor schwer als Wohnungen vermietbar, trotz des Booms auf dem Wohnungsmarkt. Anders sei das mit Erdgeschosszonen in ruhiger Lage und einem schönen Hof. Die seien attraktiv genug, um sie als Wohnungen zu vermieten.

"Die Eltern sind dem Gewerbemarkt ausgeliefert"

Bei "Tarzan und Isolde" scheint das der Fall zu sein, so sehen es jedenfalls die Eltern. Roland Kern vom DaKS macht ihnen allerdings wenig Hoffnung auf Hilfe. "Die Eltern sind dem Gewerbemarkt ausgeliefert. Sie können nur rumlaufen und nach passenden Räumen Ausschau halten", sagt er. Bisher habe das noch immer geklappt. Kern räumt allerdings ein, dass sich die Lage zuspitze. "Wir verhandeln deshalb mit der Jugendverwaltung über einen Notfalltopf", sagt er. Aus dem könnten zum Beispiel Umzugskosten bezuschusst werden.

Ilja Koschembar bestätigt diese Verhandlungen. Die Verwaltung habe allerdings Vorbehalte gegenüber einer solchen Notfallhilfe, sagt er. "Das könnte dazu führen, dass die Vermieter erst recht die Mieten für Kitas erhöhen, wenn sie wissen, dass es staatliche Zuschüsse gibt." Zudem würden vor allem Einrichtungen in den Innenstadtbezirken in den Genuss solcher Gelder kommen. Das wäre ungerecht gegenüber anderen Kitas.

Lisa Mille, sie ist eine der sechs Erzieherinnen in der Kita "Tarzan und Isolde", sagt, dass das Problem ihrer Kita bezeichnend sei für den derzeitigen Wandel im Bezirk. "Wir werden trotzdem alles versuchen, um unsere Kita zu erhalten. Wir sind ein gutes Team, die Eltern sind zufrieden und die Kinder kommen gern zu uns." Ein solches Erfolgsmodell dürfe man nicht so einfach aufgeben. "Wir bleiben dran, suchen nach neuen Räumen, hoffen aber auch auf Hilfe vom Senat", sagt Mille.

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