Neuer Standort

Das traditionsreiche „SchwuZ“ zieht nach Neukölln um

Der Traditionsklub „SchwuZ“ zieht vom Kreuzberger Mehringdamm nach Neukölln. Angst vor Homophobie im Rollberg-Kiez haben die Betreiber nicht. Die erste Party soll schon im November steigen.

Foto: Marion / Marion Hunger

Thomas Sielaff vom Klub „SchwuZ“ will das Thema Homophobie in Neukölln gar nicht so groß sehen. „Neukölln ist nicht anders als andere Stadtteile“, sagt er, „in den letzten fünf bis zehn Jahren hat sich hier viel verändert.“ Homophobie und homophobe Attacken gebe es leider überall: in Kreuzberg, Schöneberg. „Aber das Klischee gibt es eher über Neukölln.“ Was solle also passieren, wenn sich abends unter einer Laterne zwei Jungs oder zwei Mädchen küssen. Thomas Sielaff sagt: „Wir sind nicht in den Rollbergkiez gekommen, um damit ein Zeichen zu setzen.“ Es sei einfach der beste Ort für den Umzug gewesen.

In den vergangenen Jahren war es den Betreibern in dem Klub im Mehringdamm 61 sehr eng geworden. Die Gäste standen so an der Garderobe an, dass sie den Eingangsbereich und den Weg zur Toilette verstopften. Außerdem wurden sie sich mit dem Betreiber des Cafés „Melitta Sundström“ nicht einig, ob sie dessen Räume als Klubeingang weiter nutzen können. Mit vergifteter Stimmung kommt keine gute Feieratmosphäre auf, auch wenn der Streit dank Sondereingang inzwischen beigelegt ist. Der neue Ort verspricht eine Verdoppelung der Fläche auf 1500 Quadratmeter und einen doppelt so breiten Garderobentresen.

Mitte November ist erste Party im neuen „SchwuZ“ geplant

Schon in einem Monat, am 16. November, soll die erste Party in den neuen Räumen starten. Im Partyraum gibt es noch fünf Meter tiefe Löcher im Boden, die geschlossen werden, die Wände müssen gemalt und Fenster eingesetzt werden, aber in den Köpfen der Mitarbeiter ist alles geplant: Hier der Tanzraum für Raucher, dort die Bühne – und da hinten der kleine „Klo-Dancefloor“. So heißt zumindest derzeit der Raum in der Nähe der Toiletten. Drei Tanzflächen gab es auch im alten „SchwuZ“, aber im neuen sind alle Flächen größer.

Die Sache hat sozusagen nur einen Haken. Die ehemalige Kindl-Brauerei liegt in einem Viertel, über das Zeitungen noch vor zwei Jahren die Überschrift schrieben: „Wohnen, wo niemand wohnen will“ – auch wenn das ein Text über ein gelungenes Integrationsmodell war. Denn dieser Kiez rund um die Hermann-, Karl-Marx-, Flughafen- und Rollbergstraße ist eben nicht nur für Integrationsprojekte bekannt, sondern für eine hohe Rate an Analphabeten, an Eltern, die lieber ihre Sozialhilfe in Alkohol als in die Ausbildung der Kinder investieren, und soziale Spannungen zwischen verschiedenen Migrantengruppen. Wie der Soldiner Kiez in Wedding galt das Rollbergviertel auch lange Zeit als „rechtsfreie Zone“, in der auch die Polizei nicht viel ausrichten kann.

Schallschutzmaßnahmen im neuen „SchwuZ“

Um Problemen mit den Anwohnern vorzubeugen, hat sich der „SchwuZ“-Chef Marcel Weber vorher extra mit Hausverwaltungen getroffen, damit diese wissen, dass es einen Ansprechpartner gibt. „Probleme“, sagt Sprecher Thomas Sielaff wiederum, „das heißt aber vor allem Ärger wegen möglichen Lärms außerhalb des Klubs auf der Straße.“ Sie arbeiten gerade an vielen Schallschutzmaßnahmen und wollen mit Personal dafür sorgen, dass es vorm Klub am neuen Standort möglichst wenig Lärm gibt. Dass homophobe Attacken hier im Kiez zu befürchten sind, davon will hier derzeit niemand etwas wissen.

Gilles Duhem vom Jugendbildungsprojekt „Morus 14“ ist da anderer Meinung, auch er hat sich mit Marcel Weber getroffen. „Zunächst finde ich es toll, dass das „SchwuZ“ hierherzieht“, sagt er, „weil ich alles gut finde, was zur Veränderung von Neukölln beiträgt.“ Vielleicht könnten einige der „SchwuZ“-Mitarbeiter auch nebenbei noch Nachhilfe in seinem Projekt geben, das würde ihn freuen. Dass aber auch Gewalt hier im Kiez vorkommt, könne er sich schon vorstellen. Sollte das geschehen, so hofft Gilles Duhem, dass dann sofort die Gegenreaktion greife: „Polizei, Anzeige, Verurteilen, Knast – dann sehen die, dass ihr Verhalten in Berlin nicht funktioniert.“ Duhem macht sich aber um die „SchwuZ“-Gäste wenig Sorgen: „Die können auch im Zweifelsfall gut zurückschlagen, sind ja nicht wenige.“

„SchwuZ“-Umzug als Beitrag zur Entwicklung Neuköllns

Letztlich, das weiß auch Thomas Sielaff, ist das „SchwuZ“ ein Teil einer Gentrifizierung, einer Aufwertung der Gegend. „Wir kommen nicht hierher, um den Leuten zu zeigen, wie sie zu leben haben“, sagt er, „sondern wie man auch leben kann, denn wir haben auch einen gesellschaftlichen Auftrag.“ Als homosexuelle Institution soll das „SchwuZ“ deshalb auch sichtbar sein – nun eben in Neukölln. „Verstecken werden wir uns jedenfalls nicht.“

Mit dem Umzug ändere sich nicht nur die Adresse, sondern auch inhaltlich noch etwas: Das Team rund um die 72 Vereinsmitglieder wolle den Donnerstag als Partytag etablieren. Bisher gab es nur Partys am Mittwoch, Freitag und Sonnabend. Aber am Konzept der Feste soll sich vorerst nichts verändern. Von „Madonnamania“ über „Populärmusik“ bis zur „Schlagnacktparty“ wird es auch zukünftig ums Tanzen und Trinken gehen. Abschied wird am 9. November gefeiert, 24 Stunden lang, unter dem Motto „Tschüss, Kreuzberg“.

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