Interview

„Wir löschen keine Geschichte, wir bringen sie in Sicht“

| Lesedauer: 6 Minuten
Birgit Lotze
Myaka Sururu Mboro, Gründer von Berlin Postkolonial

Myaka Sururu Mboro, Gründer von Berlin Postkolonial

Foto: Berlin Postkolonial / BM

Im Afrikanischen Viertel wurden Straßen unbenannt. Kolonialisten wurden abgehängt, geehrt werden jetzt die, die sich dagegen wehrten.

Berlin.  Mnyaka Sururu Mboro ist Tansanier und Mitbegründer der NGO Berlin Postkolonial e.V., die derzeit am Projekt Dekoloniale beteiligt ist. Er setzt sich seit den 80er-Jahren für eine kritische Aufarbeitung der deutschen Kolonialzeit ein und leitet Rundgänge im „Afrikanischen Viertel“ in Berlin. Mboro engagierte sich vehement für die Umbenennung der „Mohrenstraße“ in Berlin-Mitte. Auch die Namensänderungen im Afrikanischen Viertel gehen mit auf ihn zurück. Doch das Abhängen von Kolonialisten und die Ehrerweisung gegenüber den Opfern mit einem Straßenschild ist für Mboro nur ein Anfang. Lesen Sie auch: Afrikanisches Viertel: Freiheitskämpfer statt Kolonialherren


Berliner Morgenpost: Wer war Gustav Nachtigal?

Mnyaka Sururu Mboro: Er war Afrikaforscher, Mediziner, ein sehr guter Afrikakenner, er wurde von Bismarck nach Kamerun und Togo geschickt, um sie als Kolonien zu sichern. Denn die Afrikaner wollten das nicht, wurden gar nicht gefragt. Nachtigal hat dann in Togo gekidnappte Geiseln an Bord seines Schiffes behalten und damit die Afrikaner erpresst.

Nachtigal galt als jemand, der gegen Sklaverei war.

Das stimmt, er hat sich gegen Sklaverei ausgesprochen und der Handel mit Versklavten wurde später auch verboten. Aber die Deutschen brauchten die Menschen als Zwangsarbeiter auf den Baumwoll- und Zuckerrohrplantagen, faktisch blieben sie Sklaven.

Wer war der zweite, dem die Straße aberkannt wurde: Adolf Lüderitz?

Lüderitz war ein Bremer Kaufmann, er hat unter anderem mit Tabak gehandelt. Er hat seine Leute in das spätere Deutsch-Südwestafrika geschickt, heute ist das Namibia, hat ein Stück Land gekauft. Er war schon vor der Koloniegründung 1884 da und hat dann das Land weiterverkauft. Allerdings ein Landstück, was etwa fünfmal so groß war, wie die Nama-Verkäufer dachten, er hat englische und deutsche Meilen vertauscht, also betrogen. Lüderitz wurde als Gründer bezeichnet von Deutsch-Südwestafrika. Auch die Menschen dort, neben den Namas auch das Volk der Herero, wurden später gezwungen, ohne Lohn zu arbeiten.

Wer war Manga Bell, der einen Platz im Kiez bekommen hat?

Rudolf Duala Manga Bell war ein Kameruner, der während der Kolonialzeit hierher kam zur Fortbildung. Hier hat er gesehen, dass die Deutschen ganz anders behandelt werden als die Menschen in den Kolonien. Nachdem er zum König der Duala ernannt worden war, hat er in Kamerun versucht, dass dort die Menschen auch so behandelt werden. 1914, wenige Wochen vor dem ersten Weltkrieg, wurde er vom deutschen Kolonialregime verhaftet und exekutiert. Er hat viel unternommen – vor allem juristisch – um sich gegen die deutsche Unrechtsherrschaft in Kamerun zu wehren.

Cornelius Fredericks wurde ebenfalls mit einer Straße geehrt. Wer steckt hinter dem Namen?

Cornelius Fredericks war ein Nama-Kämpfer während des deutschen Völkermordes, er war einer der Führer, die ab 1904 einen Guerillakrieg gegen die Deutschen führten. 1906 wurde Fredericks verhaftet und ein Jahr später im Konzentrationslager auf der Haifischinsel in der sogenannten Lüderitzbucht exekutiert. Die meisten Gefangenen, Angehörige der Namas und der Herero, starben in diesem Konzentrationslager, an Seuchen, am kalten Klima, bei der schweren Arbeit in Ketten und an Unterernährung. Die Kolonisatoren sollen seinen Leichnam geköpft und den Kopf für rassistische Forschungen oder als Trophäe nach Deutschland gebracht haben. Auch deshalb haben wir ihn für die Ehrung vorgeschlagen.

Sie fordern den Kopf zurück?

Wir versuchen die menschlichen Gebeine von allen wieder zu bekommen. Die Menschen in Afrika warten, sie wollen die Gebeine ihrer verstorbenen Angehörigen nach afrikanischen Ritualen begraben. Auch seinen Kopf haben wir versucht, zurückzubekommen – in Museen, in Kliniken, in Universitäten. Wir waren auch bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, alleine sie hat mehrere Tausend sogenannte Schädel.

Wie viele menschliche Gebeine oder sogenannte Schädel werden denn in Berlin vermutet?

Die genaue Zahl ist niemandem bekannt, aber es dürften über 10.000 sein. Sie stammen nicht allein aus Afrika, auch von indigenen Völkern aus Amerika, Aborigines aus Australien und auch ein kleiner Teil von Deutschen.

Wie viele Schädel ihrer verstorbenen Vorfahren haben sie zurückgekriegt?

20 hat die Charité 2011 an Namibia zurückgeben, 20 weitere 2014. 2018 gingen noch mal 257 von der Charité und anderen Einrichtungen in Deutschland nach Namibia. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Betreiber des Humboldtforums ist, hat bisher so gut wie noch gar nichts zurückgegeben, obwohl es dort allein aus meiner Heimat Tansania Gebeine von mehreren Hundert Menschen gibt.

Wie haben Sie die Versuche, die Umbenennung der Straßen zu verhindern, erlebt?

Ich mache seit Jahren Rundgänge im sogenannten Afrikanischen Viertel. Ich werde dort immer wieder beschimpft, es wird gepöbelt, einige Anwohnende drehen die Musik auf, wenn ich komme, benehmen sich unzivilisiert. Ich wurde schon mit Eiern beworfen, bespuckt. Studenten mussten, als ich mit ihnen einen Rundgang gemacht habe, die Polizei rufen. In letzter Zeit sind die Leute wahrscheinlich deshalb etwas zurückhaltender, aktuell sprechen sie davon, dass wir die Geschichte auslöschen. Dabei sehen wir die Straßen als Erinnerungsort, mit Infotafeln, auf denen die Person hinter dem neuen Namen, aber auch die hinter dem alten Namen erklärt ist. Wir löschen also keine Geschichte, wir bringen sie in Sicht, aber kritisch. Bislang steht da nichts.

Eine Straße im Afrikanischen Viertel heißt nach wie vor nach einem Kolonialisten. Peters bleibt.

Das wird sich noch ändern. Da ist zurzeit noch eine Anwohnerklage offen. Es gibt in Berlin auch noch weitere Straßen, die Verbrecher aus der deutschen Kolonialzeit und Sklavenhändler ehren. Zum Beispiel: Walderseestraße, Lahnsstraße und Nettelbeckplatz.