Bauarbeiten

Mitte: Eine der ältesten Straßen Berlins entdeckt

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Der mittelalterliche Bohlendamm in der Stralauer Straße in Mitte stammt ungefähr aus dem 13. Jahrhundert.

Der mittelalterliche Bohlendamm in der Stralauer Straße in Mitte stammt ungefähr aus dem 13. Jahrhundert.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Bei Grabungen am Molkenmarkt sind Forscher auf einen Bohlendamm aus dem 13. Jahrhundert gestoßen. Er ist erstaunlich gut erhalten.

Berlin. Die Begeisterung über das, was in der Stralauer Straße ausgegraben wurde, war allen Beteiligten anzumerken. Kultursenator Klaus Lederer (Linke) nannte die Entdeckung „einen richtigen Knaller“, Landeskonservator Christoph Rauhut sprach von einem „wirklich bedeutsamen Fund“ und Matthias Wemhoff, Landesarchäologe von Berlin, bezeichnete ihn sogar als „echte Sensation“. Es geht um einen mittelalterlichen Bohlendamm, der, obwohl er fast 800 Jahre alt sein soll, noch erstaunlich gut erhalten ist.

Seit 2019 ist das Landesdenkmalamt im Bereich des Molkenmarkts mit Ausgrabungen beschäftigt, um diesen mittelalterlichen Teil Berlins zu untersuchen – Landeskonservator Rauhut zufolge ist es sogar eine der „größten Innenstadtgrabungen, die es bundesweit gibt“. In den vergangenen Jahren wurden bereits vielfältige Entdeckungen gemacht, von mittelalterlichen Holzkellern über barocke Gewölbe bis hin zu einem gründerzeitlichen Elektrizitätswerk. Nun kommt also noch der Bohlendamm aus dem 13. Jahrhundert hinzu, eine „riesige Infrastrukturmaßnahme“, wie Landesarchäologe Wemhoff sagte. „Das ist wirklich die älteste Straße von Berlin.“ Datiert wird sie, unter Berufung auf das Alter bisher untersuchter Hölzer, um das Jahr 1238. Die Entstehung der historischen Befestigung der Stralauer Straße geht damit bis in die Gründungszeit Berlins zurück.

Entdeckung kann am Fundort nicht liegen bleiben

Der Fund zeigt für Wemhoff auch, mit welcher Dynamik die Stadt im 13. Jahrhundert ausgebaut worden sei – „und zwar mit einer guten Infrastruktur“, sagte er. Das bestätigt sich durch den Zustand, in dem der Bohlendamm heute noch ist. Ein Punkt, der die Experten besonders beeindruckt hat. „Ich habe selbst nicht damit gerechnet, dass wir in Berlin einmal eine so fantastische Holzerhaltung haben und tatsächlich organisches Material finden“, sagte Wemhoff. Wie der Landesarchäologe erklärte, sei in Berlin meistens auf Sandinseln gebaut worden. „Davon ist kaum etwas erhalten, aber an dieser Stelle ist es anders.“

Dafür, warum es an dieser Stelle anders ist, sieht Michael Malliaris, der wissenschaftliche Leiter der Grabung, vor allem zwei Anhaltspunkte. Dabei spielt einerseits die Lage eine Rolle. „Wir haben hier so etwas wie eine feuchte Senke, die Spree liegt in der Nähe und der Grundwasserspiegel ist etwas höher“, sagte er. Zum anderen sei im 13. Jahrhundert auch der Mühlendamm angelegt worden. „Der hat dazu geführt, dass die Spree angestaut wurde, um die Mühlen anzutreiben, und das kann den Grundwasserspiegel hier in diesem spreenahen Bereich angehoben haben.“ Beides würde aus Malliaris’ Sicht erklären, wieso das Konstrukt, das außerdem noch von einer mächtigen Torfschicht luftdicht abgedeckt wurde, besonders gut erhalten und damit auch einmalig ist: In dieser Form habe man an keiner anderen Stelle Berlins eine Straße nachweisen können, betonte er.

Der Bohlendamm in der Stralauer Straße, der sich etwa zweieinhalb Meter unter dem heutigen Straßenniveau befindet, wurde aus unterschiedlichen Hölzern gefertigt. Eichen-, Kiefer- und Birkenstämme haben die Forscher identifiziert. Verwiesen wird zudem auf die aufwendige Konstruktion der Straße. Das Bauwerk besteht aus drei Lagen: zu oberst befinden sich Hölzer quer zur Fahrtrichtung, darunter liegen sie längs zur Fahrtrichtung. Und unter dieser Schicht wiederum gibt es dicke Stämme als Lagerhölzer. „Das ist eine Konstruktion, die in vielen mittelalterlichen Städten in Norddeutschland so üblich ist“, erklärte Malliaris.

Der Aufwand lässt sich aus Sicht der Experten mit der Bedeutung der Stralauer Straße in der damaligen Zeit erklären. Ebenso wie die Spandauer Straße und der Mühlendamm sei sie eine wichtige Verbindung gewesen, die Straßen führten zu den Stadttoren und zur Schwesterstadt Cölln. „Deshalb scheute man sich nicht, hier diesen Aufwand zu betreiben“, sagte der Grabungsleiter. Durch die Nähe zur Spree wird außerdem angenommen, dass auf der Fläche viele Waren ausgetauscht wurden.

Bislang konnte der Bohlendamm auf mindestens 50 Metern Länge nachgewiesen werden, die Breite beträgt circa sechs Meter. Am Verlauf lässt sich auch die heutige Straßenführung erkennen: In Richtung des Mühlendamms zeigt sich ein leichter Knick. Erwartet wird, dass der Bohlendamm sich noch weiter in Richtung Jüdenstraße zieht. „Das wollen wir noch herausfinden“, sagte Malliaris. Möglich ist sogar, dass sich unter dem Bohlendamm eine noch ältere Wegestruktur befindet, dafür soll an der Stelle noch tiefer gegraben werden.

Sichtbar ist in jedem Fall schon eine etwas jüngere, gepflasterte Straße, die sich ein paar Sandschichten über dem Bohlenweg befindet. Wobei jung relativ ist: Auch diese Steinstraße stamme aus dem Mittelalter, sagte Malliaris, vermutlich aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Sie sei ein Hinweis darauf, dass das Wasser an der Stelle, möglicherweise durch den Mühlenstau, angestiegen ist, und die alte Straßenoberfläche aufgegeben werden musste. Zugleich sei es ein typisches Phänomen in der Stadt, dass über alte Infrastruktur immer neue Schichten aufgetragen wurden, weshalb Berlin sozusagen zwei bis drei Meter nach oben gewachsen ist.

Trotz seiner Bedeutung kann der Bohlendamm an seinem Standort aber nicht erhalten bleiben. „Wir haben vor, in den nächsten Wochen die Straße abzubauen, dieser Zustand wird also nur noch für kurze Zeit bestehen“, erklärte der Grabungsleiter. Das hängt auch mit dem bevorstehenden Straßenumbau im Zusammenhang mit der geplanten Entwicklung des Molkenmarkts hin zu einem belebten Quartier zusammen. Die Entdeckung werde „leider Strom- und Gasleitungen weichen müssen“, so Malliaris.

Ganz so einfach will Landesarchäologe Wemhoff den Fund allerdings nicht aufgeben. „Wir werden alles prüfen, um Teile dieser Straße zu erhalten, wenn auch nicht an dieser Stelle“, sagte er, wenngleich die Bergung und Trocknung der Hölzer aufwendig sei. Dass es die Mühe wert wäre, davon ist der Landesarchäologe aber durchaus überzeugt. „So ein Fund“, sagte er, „kommt glaube ich nicht noch mal.“

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