Verkehr in Berlin

"Flaniermeile Friedrichstraße" bleibt autofrei

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Jessica Hanack und Charlotte Bauer

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Die Verkehrsverwaltung und der Bezirk verständigten sich darauf, dass ein Teil der Friedrichstraße dauerhaft autofrei bleiben soll.

Der Modellversuch, die Friedrichstraße zwischen Französischer und Leipziger Straße für den Autoverkehr zu sperren, läuft offiziell noch bis Ende des Monats. Schon jetzt ist aber klar: Aus dem Test soll eine dauerhafte Regelung werden. Das haben der Bezirk Mitte und die Senatsverkehrsverwaltung entschieden. Wie sie am Freitag mitteilten, soll es in dem Teil der Friedrichstraße auch in Zukunft keinen Autoverkehr mehr geben. Dafür werde die Verkehrsverwaltung eine sogenannte Teileinziehung, also das Schließen des Straßenabschnitts für bestimmte Verkehre, beim Bezirk beantragen. Rund sechs Monate soll das Verfahren dauern, auch währenddessen bleibt der Straßenabschnitt für Autos gesperrt.

Das Projekt autofreie Friedrichstraße war von Beginn an umstritten. Einige Händler sorgten sich um wegbleibende Kunden und Probleme mit Lieferungen und fühlten sich nicht ausreichend in das Vorhaben einbezogen. Andere kritisierten, dass das Konzept einer Flaniermeile trotz aufgestellter Bäume und zusätzlicher Sitzmöglichkeiten nicht aufging, weil statt Autos nun Fahrradfahrer durch die Straße rasten.

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Friedrichstraße ist faktisch "eine Fahrradzone geworden"

Diese Beobachtung schildern auch Händler an diesem Freitag. „Eigentlich sollte es ja eine Fußgängerzone werden, aber faktisch ist es eine Fahrradzone geworden“, sagte Bettina Müller, Verkäuferin in der Galerie Mensing. Grundsätzlich befürworte sie, dass der Verkehr für mehr Klimaschutz beruhigt werde, „aber nicht so ad hoc“, sagte sie. „Es müssen auch Kompromisse geschaffen werden, dass man den Anrainern zum Beispiel die Möglichkeit gibt, auch ihre Autos parken zu können.“ Man müsse die Entscheidung nun so hinnehmen, sie würde sich jedoch wünschen, dass man tatsächlich in Ruhe flanieren kann, ohne „vorbeisausende Gefährte“.

Auch Christoph Lindenau hätte sich als Anrainer mehr von der autofreien Friedrichstraße gewünscht: „Das ganze Konzept war einfach nicht bis zu Ende gedacht“, meint der 38-jährige Restaurantleiter von Seaside. Vor allem, weil der Verkehr sich nun in den Nachbarstraßen staue. Mehr Kunden hätten sie dadurch auch nicht bekommen. Was bleibt, ist Enttäuschung. „Ich hätte mir allgemein mehr Attraktivität auf der Straße gewünscht, zum Beispiel mit Kunst oder Straßenmusikern“, sagt Lindenau. Ob ihn die Entscheidung nun überrasche? „Von der Politik überrascht mich gar nichts mehr.“

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Verkehrsverwaltung und Bezirk stützen sich bei ihrer Entscheidung auf eine Zwischenauswertung des Projekts, wonach dieses erfolgreich verlaufen sei. „Die Ergebnisse des Verkehrsversuchs zeigen, dass die überwältigende Mehrheit der Passantinnen und Passanten eine autofreie Friedrichstraße bevorzugen“, erklärte Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) in einer Mitteilung. Der Auswertung zufolge haben rund drei Viertel der befragten Passanten erklärt, dass ihnen die „Flaniermeile Friedrichstraße“ gut gefalle. Mehr als 80 Prozent wünschten sich eine dauerhafte Verkehrsberuhigung – betonten aber vielfach, so heißt es weiter, „dass Anpassungen nötig wären“.

Zudem wird darauf verwiesen, dass sich die Luftqualität verbessert habe. Etwa sei die Stickstoffdioxid-Belastung gesunken – allerdings ist sie dafür an der Glinkastraße und der Charlottenstraße, die beide parallel zum gesperrten Abschnitt verlaufen, leicht gestiegen. Ähnliche Auswirkungen gab es mit Blick auf den Straßenlärm. Insgesamt seien 90 Parkplätze und fünf Lieferzonen weggefallen, dafür habe sich aber das Angebot in den Seitenstraßen verdreifacht. „Der Lieferverkehr war jederzeit gesichert“, heißt es. Aber: Eine detaillierte Auswertung der Befragung von den Gewerbetreibenden fehlt bislang.

Friedrichstraße soll mit Berlinern und Anrainern neu gestaltet werden

Sobald die Teileinziehung erfolgreich abgeschlossen sei, wollen Bezirk und Verkehrsverwaltung Konzepte für die künftige Gestaltung der Friedrichstraße entwickeln und weitere Beteiligungsverfahren organisieren. Der prominente Ort solle mit den Berlinern sowie Anrainern neugestaltet werden, so Senatorin Günther, „angepasst an die Klimaerhitzung, sehr gut erreichbar, aber ohne private Autos“. Erste Vorschläge zur Optimierung des Lieferverkehrs oder für die Führung des Fahrradverkehrs, etwa über eine Vorrangroute durch die Charlottenstraße, gebe es bereits. Denn auch in der Zwischenauswertung des Verkehrsversuchs wird festgestellt, dass die bisherige Radverkehrsroute „nicht konfliktfrei“ sei, „obwohl im Projektverlauf zwei Zebrastreifen eingerichtet wurden“. Auch Einbahnstraßen in umliegenden Straßen sind als Reaktion auf den verlagerten Autoverkehr möglich.

Seit Beginn des Verkehrsversuchs hat auch die Opposition im Abgeordnetenhaus die „Flaniermeile Friedrichstraße“ kritisch gesehen. Henner Schmidt von der FDP kritisierte am Freitag vor allem, dass die Verkehrssenatorin die Entscheidung verkündet habe, ohne die öffentliche Diskussion zur Begleitforschung abzuwarten. Und Oliver Friederici (CDU) forderte „Befragungen und Auswertungen durch unabhängige Experten und Institute“. Vorher dürften keine vollendeten Tatsachen geschaffen werden.