Coole Nachbarschaft

Eva Högl: „Der Wedding ist eine Premiumlage geworden“

Die Wehrbeauftragte Eva Högl lebt seit Jahren im Sprengelkiez in Wedding. Wo es im Ortsteil noch Nachholbedarf gibt.

Die Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) mag die Lässigkeit in Wedding.

Die Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) mag die Lässigkeit in Wedding.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Der Berliner Ortsteil Wedding gilt laut „Time Out“-Magazin zu den coolsten Nachbarschaften der Welt. Die Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) lebt seit Jahren im Sprengelkiez in Wedding und hat ihr Wahlkreisbüro direkt an der Müllerstraße. Ein Gespräch, weshalb sie Wedding cool findet und was den Ortsteil ausmacht.

Berliner Morgenpost: Das international erscheinende „Time Out“-Magazin hat den Berliner Ortsteil Wedding zu einer der coolsten Nachbarschaften der Welt gekürt. Was finden Sie, Frau Högl, an Wedding so cool?

Eva Högl: Mir fallen zum Wedding zwei Stichworte ein: Die Mischung. Denn anders als in vielen Kiezen in Berlin haben wir im Wedding noch eine richtig gute Mischung. Das zweite, was ich so wunderbar am Wedding finde, ist die Lässigkeit.

Was meinen Sie mit „guter Mischung“?

Ich wohne im Sprengelkiez. Hier lebt die Ur-Weddingerin im Genossenschaftsbau, die ohne Angst durch ihren Kiez gehen und U-Bahn fahren möchte, neben der lebenslustigen Studentin, die an der Beuth-Hochschule studiert, hier leben die türkischen Eltern, die gute Bildung für ihre Kinder wollen, und der Tischler, der Sorge hat, aus seinem Kiez verdrängt zu werden. Diese Gemeinschaft wirkt sich sehr positiv auf den Kiez aus. Hier gibt es gute Nachbarschaft.

Der ehemalige Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück, lebt ebenfalls in Wedding. Treffen sie sich ab und zu?

Klar, er wohnt bei mir im Haus.

Gerade in den vergangenen Monaten während der Pandemie hat das Wort Nachbarschaft an Bedeutung gewonnen. Menschen haben sich gegenseitig unterstützt. Dieses Jahr legte auch das „Time Out“-Magazin mehr Wert auf die Gemeinschaft bei der Auflistung der „coolsten Nachbarschaften der Welt“. Wie war das in Wedding?

Nachbarschaft und Zusammenhalt sind bei uns im Sprengelkiez spürbar. Wir kennen uns hier im Kiez und grüßen uns. Es gibt Treffpunkte, wo Nachbarn sich austauschen können. Ich denke dabei an das Sprengelhaus und das Paul-Gerhardt-Stift. Die Menschen in Wedding kümmern sich um diese Einrichtungen. Und es interessiert sie auch, wie es den Spätis und den türkischen Händlern geht.

Wie geht es ihnen denn?

Viele Menschen kaufen während der Corona-Krise noch mehr im eigenen Kiez ein als ohnehin schon. Das hilft auch den Händlern vor Ort. Der Radius für Einkäufe und Aktivitäten ist oft auf den Ortsteil beschränkt. Im Kiez kennt und hilft man sich. Die gute Nachbarschaft hat sich aber auch in den vergangenen Wochen beim Kampf um den Erhalt von Karstadt am Leopoldplatz gezeigt. Das war eine große gemeinsame Aktion. Das Kaufhaus ist wichtig für den Wedding. Ohne Karstadt am Leo würde viel verloren gehen.

Die Menschen in Wedding zeigen sich solidarisch und hilfsorientiert. Aber zum Wedding gehört auch, eine hohe Arbeitslosenquote, Kriminalität und ein Platz im Herzen des Ortsteils, auf dem es immer wieder Probleme gibt - der Leopoldplatz. Wie tritt man diesen Problemen entgegen?

Bei allem Stolz wie cool der Wedding ist, gibt es natürlich auch einige Probleme: Armut, Wohnungslosigkeit, Kriminalität und Drogen . Wir müssen dafür sorgen, dass sich Weddinger und Weddingerinnen sicher fühlen – in der Wohnung und im Kiez, dass sie Perspektiven haben. Rund um den Leopoldplatz gibt es gute akzeptierende Drogensozialarbeit und Platzmanagement. Es werden Räume geschaffen, wo Menschen sich treffen können. Der Bezirk engagiert sich da sehr.

Das „Time Out“-Magazin hob bei der diesjährigen Auflistung die Umbenennung von Straßen im Afrikanischen Viertel besonders hervor. Wie wird das in der Nachbarschaft diskutiert und verändern neue Straßennamen den Kiez?

Ich bin eine absolute Befürworterin dieser Straßenumbenennungen im Afrikanischen Viertel und halte sie für wichtig und richtig. Als Politikerin, die den Wedding im Bundestag vertreten hat, habe ich mich dafür eingesetzt. Leider ist der Prozess noch immer nicht abgeschlossen und das führt bei allen Nachbarinnen und Nachbarn, ob von den Umbenennungen überzeugt oder nicht, zu Unmut. Die Umbenennungen sind ein wichtiger Teil der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte. Viele Schwarze Menschen leben hier im Wedding und setzen sich aktiv dafür ein.

Ist der Wedding anderen Ortsteilen einen Schritt voraus?

Ich finde schon. Wir haben im Wedding mehrere zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für die Interessen Schwarzer Menschen einsetzen. Solche Diskussionen können nicht nur von Weißen geführt werden. Es muss ausgehen von den Anliegen und Bedürfnissen der Menschen, die noch immer Rassismus erfahren. Das ist im Afrikanischen Viertel gelungen. Darauf können wir im Wedding stolz sein.

Ein Problem, das den Wedding seit Jahren umtreibt, ist die Gentrifizierung. Auch in dem „coolen“ Ortsteil steigen die Mieten, obwohl gerade rund um den Leopoldplatz oder der Seestraße Milieuschutzgebiete entstanden sind. Macht der Bezirk da zu wenig?

Gentrifizierung ist seit Jahren ein Thema im Wedding. Wenn wir die gute Mischung erhalten wollen, müssen wir die Entwicklung sorgfältig und aufmerksam beobachten und handeln. Der Wedding ist mittlerweile eine Premiumlage geworden. Er ist stadtnah mit einer guten Verbindung zum Hauptbahnhof. Wir wollen nicht, dass sich Großinvestoren breit machen. Ich bin dafür, alle Instrumente, die wir haben, zu nutzen, um den Kiez zu bewahren. Dazu gehört, Milieuschutzgebiete ausweiten, Vorkaufsrechte zu nutzen und Gebäude, die wirklich kiezrelevant sind, auch vom Bezirk aufzukaufen. Diese Maßnahmen sollten weiter ausgebaut werden. Außerdem sollte man das Umwandlungsverbot von Miet- in Eigentumswohnungen in das Baugesetzbuch schreiben. Und wo man im Bezirk noch ein bisschen genauer hinschauen sollte, ist das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnungen. Da haben wir Nachholbedarf.

Nachholbedarf gibt es auch beim Thema Verkehr in Wedding. Würde eine für Radfahrer sicherere Müllerstraße, Wedding noch cooler machen?

Natürlich würde das den Kiez cooler machen. Die Müllerstraße ist ehrlich gesagt lebensgefährlich für Radfahrer und Radfahrerinnen. Erstens durch das Parken in zweiter Reihe und weil es zweitens keine gut gesicherten Fahrradstreifen gibt. Die Müllerstraße muss dringend verkehrsberuhigt und attraktiver werden.

Wo kann man Sie denn in Wedding antreffen?

Im „Prime Time Theater“, das jetzt unter Coronabedingungen wieder öffnen kann. Es ist eine wunderbare Oase im Kiez. Hier wird viel Wedding gespielt, gesprochen und gesungen.

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