Wahlkampf in Mitte

Die CDU auf der Suche nach ihrer Mitte

Joe Chialo und Ottilie Klein wollen für die Union im Jahr 2021 in den Bundestag einziehen. Wer hat die besseren Chancen?

Will in den Bundestag: Joe Chialo (50) setzt sich für die Kreativen in Berlin-Mitte ein. Hat Chancen: Ottilie Klein (36) fordert vor allem bezahlbares Wohnen in Mitte.

Will in den Bundestag: Joe Chialo (50) setzt sich für die Kreativen in Berlin-Mitte ein. Hat Chancen: Ottilie Klein (36) fordert vor allem bezahlbares Wohnen in Mitte.

Berlin. Mehr Spektakel geht kaum. Mit einem knapp zwei Minuten langen Video, das nach wenigen Tagen rund 40.000 Mal aufgerufen worden ist, gibt Joe Chialo per Twitter und Facebook seine Kandidatur für das Bundestagsmandat der CDU im Bezirk Mitte bekannt. Chialo streift seine Bandagen um, als aus dem Off seine Stimme zu hören ist. „Ich habe ein Ziel“, sagt er in dem Video. „Nach 30 Jahren den Wahlkreis Berlin Mitte für die CDU wieder direkt zu gewinnen.“ Das Video seiner parteiinternen Konkurrentin Ottilie Klein schafft es bislang nur auf 6000 Aufrufe. Trotz dieses großen Echos in den sozialen Netzwerken gilt Chialo als Außenseiterkandidat.

Joe Chialo setzt sich für die Kreativen in Mitte ein

Chialo sagt es gleich selbst, wenn man ihn trifft: „Ich bin ein klassischer Seiteneinsteiger.“ Er hatte bislang kein politisches Amt inne, weder in der Bezirksverordnetenversammlung noch im Abgeordnetenhaus. Er ist im Vorstand des Ortsverbands Bernauer Straße. Doch auch die CDU hat es schwer in Mitte: Ein Direktmandat für den Bundestag zu erringen, ist zuletzt Christian Neuling (CDU) im Jahr 1990 mit rund 45 Prozent der Erststimmen gelungen.

Einen Tag, nachdem das Video in den sozialen Netzwerken viral gegangen ist, läuft Chialo (50) den Bordstein am Weinbergsweg in Mitte hinauf. Er trägt einen grauen Mantel, eine rote Mütze und Kopfhörer. Er nimmt sie ab, als der Schlagzeuger der Band Juli („Die perfekte Welle“), Marcel Römer, seinen Weg kreuzt und ihn in ein kurzes Gespräch verwickelt. Nach der Unabhängigkeit Tansanias gehörte Chialos Vater zur ersten Studentengruppe, die nach Deutschland geschickt worden ist. Joe Chialo selbst ist 1970 in Bonn geboren. Er absolvierte sein Abitur in einem Ordensinternat in der Nähe von Köln und machte anschließend eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker in Nürnberg, ehe er sich als Musiker versuchte.

Auf dem Spaziergang durch den Kiez holt Chialo sein Smartphone aus der Manteltasche, öffnet Youtube und tippt den Namen seiner ersten Band ein: „Blue Manner Haze“. Er war Sänger zu Beginn der 1990er-Jahre. Die Musik klingt ein wenig nach „Rage Against the Machine“. Der kommerzielle Erfolg bliebt zwar aus, aber so habe er erste Kontakte zur kreativen Szene geknüpft. Heute ist Chialo Senior Vice President für Europa und Afrika bei „Universal Music“ und arbeitet mit Bands wie „Santiano“ und „The Kelly Family“ zusammen.

Die Kreativwirtschaft sei für ihn eine Herzensangelegenheit – ein „perfect match“, wie er sagt. „Die Kreativen haben so viel für die Stadt getan und fühlen sich während der Pandemie oft alleingelassen“, sagt er. „Ich will zum Beispiel vor dem Hintergrund der Corona-Krise versuchen, Bundesmittel für die Kreativwirtschaft genauso wie für andere relevante Branchen in Mitte zu sichern.“ Die Musik- und Clubszene ist ein großer Wirtschaftsfaktor in Berlin. Laut einer Studie im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft setzt die Branche jährlich 623 Millionen Euro um.

Ottilie Klein bezahlbares Wohnen in Mitte

Parteiintern muss sich Chialo zunächst gegen Ottilie Klein, die in der Berliner CDU deutlich bekannter ist, behaupten. Sie hat ihre Kandidatur nicht weniger spektakulär vor eineinhalb Wochen bekannt gegeben. Klein setzt bei ihrem Wahlkampf ebenfalls auf die sozialen Netzwerke. In einem Video ist die CDU-Politikerin am Brandenburger Tor zu sehen, als sie sagt: „Egal zu welchem Mitte man gehört, ich möchte, dass es für alle lebenswert ist.“

Kleins Eltern sind Anfang 1980er-Jahre aus der damaligen Sowjetunion in die frühere DDR ausgereist. Ende 1983 zogen sie nach Westdeutschland, wo Ottilie Klein geboren wurde. Nach dem Abitur studierte sie Geschichte, Politik- und Literaturwissenschaft in Bonn, in den USA und Oxford. Sie ist ebenso wie Chialo seit vier Jahren Mitglied der CDU, gehört aber zum Kreisvorstand und ist darüber hinaus Mitgliederbeauftragte der Berliner CDU.

„Seit meinem Parteieintritt habe ich mich aktiv in die politische Arbeit eingebracht, Anträge geschrieben, Plakate aufgehängt, Bürgergespräche geführt und Flyer verteilt“, sagt sie. Sie setzt bei ihrer Bewerbung auf die Themen Sicherheit, Arbeiten und Wohnen. „Neben bezahlbaren Mieten ist mir auch die Förderung von Wohneigentum wichtig“, sagt die 36-Jährige. „Ich möchte, dass es auch für den Busfahrer aus Mitte möglich ist, sich Wohneigentum für sich und seine Familie leisten zu können.“

Entschieden wird der Kampf um die CDU-Bundestagskandidatur in Mitte Ende November bei einem Kreisparteitag, an dem rund 50 Delegierten ihre Stimme abgeben. Zuvor haben die Kandidaten die Möglichkeit, bei einer digitalen Veranstaltung der CDU ihre Positionen vorzutragen. Hört man sich dort um, betrachtet man den Wahlkampf von Chialo und Klein mit Argwohn. Mitglieder monieren, dass die sozialen Netzwerke nicht das geeignete Mittel seien, um die Delegierten zu überzeugen.

Joe Chialo rechnen einige CDU-Mitglieder trotz seiner medialen Präsenz nur Außenseiterchancen ein. Er solle einen Schritt nach dem anderen machen und nicht „von Null auf 1000 gehen“, heißt es in der Partei. Zudem berichten Mitglieder, sie hätten Chialo zum ersten Mal Ende September bei der Benennung des Bezirksbürgermeisterkandidaten gesehen.

Klein hingegen sei in den vergangenen Jahren für die Bundestagskandidatur in Mitte aufgebaut worden. Allerdings gibt es Zweifel, ob sie sich gegen die Kandidaten der anderen Parteien behaupten kann. Für die SPD tritt bei der Bundestagswahl die ehemalige Juso-Landesvorsitzende Annika Klose und für die Grünen die Europabeauftragte des Landesverbandes, Hanna Steinmüller, an.