Coole Nachbarschaft

Oliver Tautorat: Der Wedding ist wie Rocky Balboa

„Prime Time Theater“-Chef Oliver Tautorat lebt seit 20 Jahren in Wedding. Was den Ortsteil für ihn so cool macht.

Den besten Blick über den gesamten Wedding hat man von dem Flakturm Humboldthain.

Den besten Blick über den gesamten Wedding hat man von dem Flakturm Humboldthain.

Foto: Joerg Krauthoefer / FUNKE Foto Services

Berlin. Für ein gewöhnliches Interview hat Oliver Tautorat, Mitgründer des „Prime Time Theater“ in Wedding, keine Zeit. Es sind Herbstferien und er möchte einiges mit seinen beiden Töchtern unternehmen. Später müsse er mit ihnen noch zum Kieferorthopäden und Theateraufführungen gebe es ja auch wieder. Tautorat lebt seit 20 Jahren in der laut „Time Out“-Magazin „sechstcoolsten Nachbarschaft der Welt“ und kennt sich in dem Kiez aus. Eigentlich sitzen sich Journalist und Interviewpartner gegenüber oder telefonieren zumindest miteinander. Das ist in diesem Fall anders: Fragen und Antworten kommen als Sprachnachricht.

Herr Tautorat, wenn der Berliner Ortsteil Wedding eine Person wäre, wie sähe sie aus und welche Charaktereigenschaften hätte sie?

Oliver Tautorat Wenn der Wedding eine Person wäre, wäre das für mich der fiktive Boxer Rocky Balboa. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich mit Sylvester Stallone und Rocky groß geworden bin. Aber er hat sich einfach durch das Leben geboxt.

Wo im Wedding würde man Rocky Balboa antreffen und weshalb an diesen Orten?

Den Weddinger Rocky würde man sicher im Herzen des Wedding sehen, nämlich am Leopoldplatz. Er kann aber auch in einem türkischen Café sitzen oder am Abend in einer typischen Weddinger Kneipe am Tresen. Bestimmt ist er aber auch oft in den Rehbergen und trainiert dort.

Wie hätte sich der „Wedding alias Rocky Balboa“ in den vergangenen Jahren und in den vergangenen Monaten während der Coronavirus-Pandemie verändert?

Wie sich die Person in den vergangenen Jahren oder Monaten verändert hätte, sind zwei unterschiedliche Sachen. In den vergangenen Jahren hätte Rocky sich wahrscheinlich kaum verändert, weil das Durchboxen schon immer eines der Hauptmerkmale der Weddinger war und bleibt. In den vergangenen Monaten hätte Rocky wohl weiterhin in den Rehbergen trainieren können. Ansonsten würde er sich sehr viel um die Nachbarschaft kümmern. Das ist auch etwas, das die Menschen in Wedding auszeichnet.

Das Wort Nachbarschaft hat laut „Time Out“-Magazin durch die Pandemie eine neue Bedeutung bekommen. Was würde denn „der Wedding“ dazu sagen?

So ein „Mister Wedding“ würde sagen: „Das kriegen wir hin“, „da müssen wir durch“, „das schaffen wir“ und „das schweißt uns noch mehr zusammen“. Denn die Menschen hier sind vor allem solidarisch miteinander.

Wie viel von diesem Mister Wedding steckt denn in Ihnen, Herr Tautorat?

Viel. Ich spiele in der Theatersitcom „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ Kalle den Postboten. Ich glaube, er wie Rocky, nur nicht so sportlich. Er lässt sich nicht von anderen unterkriegen, kümmert sich viel um andere Menschen und um seinen Kiez. Er macht den Kiez auch stolz. Insofern steckt da schon viel in mir, außer eben der nicht-vorhandenen Sportlichkeit, wenn man von „Mister Wedding“ ausgeht.

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Sie haben zu Beginn des 21. Jahrhunderts ihre Ausbildung am Schauspielhaus in München abgeschlossen und sind danach nach Wedding gezogen. Weshalb ausgerechnet dorthin?

Das war mehr Zufall als eine bewusste Entscheidung. Ich hatte damals einen Kumpel, der in Wedding gewohnt hat. Zu dieser Zeit war der Ortsteil noch überhaupt nicht „hip“ und „in“. Aber immer wenn ich in Berlin war, besuchte ich den Kumpel und kannte dadurch eben auch den Wedding besser als die anderen Gegenden. Ich habe mich da von Anfang an richtig wohlgefühlt. Mittlerweile will ich in überhaupt keinem anderen Kiez der Welt mehr leben. Wedding ist der richtige Kiez für mich und für das, was ich mache.

Was macht für sie den Ortsteil Wedding so cool und ist man als Weddinger stolz auf eine der „coolsten Nachbarschaften der Welt“?

Wenn man jemanden als cool bezeichnet, der entspannt ist, sich nicht aus der Ruhe bringen lässt und authentisch bleibt – dann ist das der Wedding. Er ist eben nicht angesagt und egoistisch. Die Menschen fahren hier keine Ellenbogen aus, sondern wissen, dass es darum geht, zusammenzuhalten. Gerade in diesen Zeiten. Das hat sich auch mit dem Theater im Sommer am Strandbad Plötzensee gezeigt, als wir dort spielen konnten. Im Kiez arbeiten die Leute mit dem Kiez zusammen.

Was unterscheidet den Wedding zu anderen vermeintlich angesagteren Ortsteilen wie Kreuzberg oder Prenzlauer Berg?

Der Wedding bleibt stabil, würde man in der Jugendsprache sagen. Der Wedding bleibt einfach rau und behält seinen Charme. Es ist einfach immer noch ein Altwest-Berliner Kiez und das gibt es so nicht mehr. Ich wünsche mir, dass es so bleibt.

Sechs Orte, die Wedding so cool machen

Zum Wedding gehört allerdings auch eine hohe Kriminalität. Wie nehmen Sie das wahr und fühlen Sie sich sicher im Kiez?

Natürlich hat ein Ortsteil, der arm ist und nicht viel Geld hat, eine hohe Kriminalität, wobei da auch viel hochgekocht wird. Aber da ich einen guten Stand in Wedding habe, fühle ich mich sicher.

Das Theater hat schwere Wochen hinter sich. Wie sah die Unterstützung aus dem Kiez aus?

Es gab viele Menschen, die Gutscheine gekauft haben und viele, die, obwohl sie wenig Geld haben, keine Rückerstattung von Tickets verlangt haben. Das war für mich unglaublich. Auch wenn die Menschen hier wenig haben, es wird trotzdem geteilt.