Berlin-Wedding

Neues Pissoir auf Leopoldplatz ärgert Café-Betreiber

Hüseyin Ünlü hat Angst um sein Café Leo auf dem Leopoldplatz in Wedding. Gäste schauen nun in ein neues Toilettengebäude.

Am Freitag sollen die Holzvorrichtungen wegkommen, dann hätten Gäste des Café Leo den direkten Blick in das Pissoir.

Am Freitag sollen die Holzvorrichtungen wegkommen, dann hätten Gäste des Café Leo den direkten Blick in das Pissoir.

Foto: Julian Würzer

Berlin. Seit wenigen Tagen haben Gäste des Café Leo auf dem Leopoldplatz in Wedding einen ganz besonderen Ausblick. Wer dort Kaffee oder Tee trinkt, sieht direkt auf den Eingang des Pissoirs der neuen Toiletten an der Ecke Müllerstraße/Nazarethkirchstraße. Bis zur Eröffnung Ende der Woche versperren noch große Holzbretter die Sicht auf den Innenraum, dann aber schützt nichts mehr vor unangenehmen Einblicken.

Eigentlich fällt das quaderförmige, graue Gebäude an der Ecke kaum auf, schaut man von der Straßenseite darauf. Von hier verleiht es dem Platz sogar einen sauberen und aufgeräumten Eindruck. Aber eben nicht aus der Perspektive von Hüseyin Ünlü. Er betreibt das Café Leo und kann nur den Kopf über die Berliner Behörden schütteln. „Da entscheiden Leute, ohne mit den Beteiligten hier auf dem Platz zu sprechen und stellen das einfach so auf“, sagt er und rührt etwas heftiger als nötig mit einem kleinen Holzstab in seinem Kaffee.

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Cafe-Betreiber am Leopoldplatz: „Es sind die Junkies, die in die Toilette gehen“

Ünlü kennt die Eigenheiten des Leopoldplatzes wie kaum ein anderer. Er verkauft seit zehn Jahren an seinem provisorisch wirkenden Imbiss-Café Brötchen, Köfte, Tee und auch Hotdogs zu fairen Preisen. Das führt Menschen aus fast allen Bevölkerungsschichten zusammen. Davor stehen Händler an ihren Marktständen. Und weiter hinten auf Höhe der alten Nazarethkirche treffen sich Trinker und Obdachlose.

„Es sind die Junkies, die in die Toilette gehen“, sagt Ünlü und führt weiter aus. „Sie spritzen sich, ziehen dort Koks oder haben Sex.“ So sei es bereits in dem Toilettengebäude zugegangen, das bis vor rund einem Monat dort stand – allerdings ohne Pissoir und nur mit verschließbarem Eingang. Den gibt es nun auch auf der Straßenseite zum normalen WC und kostet Geld. Durch den offenen Zugang zum Pissoir befürchtet Ünlü, dass seine Gäste das Treiben künftig mitansehen müssen.

Um das den Besuchern doch zu ersparen, hätte Ünlü das Gebäude fünf Meter weiter in Richtung Nazarethkirchstraße gesetzt. „Man hätte hier zusammen eine Lösung suchen können.“ Am vergangenen Freitag sei er aber vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Daher hofft er wenigstens auf Linderung durch einen Sichtschutz vor dem Eingang der Toilette. Ünlü stellt sich eine kleine Wand vor oder eine L-förmige Konstruktion. Dafür habe er bereits dem zuständigen Quartiersrat geschrieben. Jemand wolle vorbeikommen und sich die Sache anschauen, so Ünlü.

In der Bezirkspolitik ist das Problem um das Café mit Blick auf die Toilette bereits angekommen. Die Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung in Mitte (BVV) hat einen Antrag für die bevorstehende BVV-Sitzung in der kommenden Woche eingebracht. Demzufolge soll das Bezirksamt aufgefordert werden, eine Lösung zu suchen und mit den Beteiligten zu sprechen. Auch ein provisorischer Sichtschutz solle geprüft werden, heißt es in dem Antrag weiter. Der Sozialpolitische Sprecher Taylan Kurt sagt auf Nachfrage der Berliner Morgenpost: „Niemand setzt sich in ein Café, das auf ein Pissoir schaut.“ Er halte die Planung für die Toilette für „unprofessionell, dilettantisch und geschäftsschädigend“. Er erwarte nun eine schnelle Lösung vom Bezirksamt.

Bezirksamt erhofft sich gegenteiligen Effekt

Doch danach sieht es im Bezirksamt nicht aus. Einer Pressemitteilung zufolge erwarte man sich im Bezirksamt sogar den gegenteiligen Effekt, den Ünlü fürchtet. Die fest installierte öffentliche Toilette müsse wegen „Fehlnutzung durch Drogenkonsum“ weiterhin geschlossen bleiben. „An ihrer Stelle könnte bald eine sogenannte Pissoir-Schnecke aus Edelstahl installiert werden, um der Fehlnutzung vorzubeugen“. Auf Nachfrage unserer Redaktion gibt es bislang im Bezirk auch keine Überlegungen, um den Konflikt mit dem Café Leo zu beseitigen. „Baulich war laut Firma keine andere Ausrichtung möglich“, sagt Bezirksamtssprecherin Laura Sander. Das habe mehrere Ursachen gehabt. An der Stelle habe es bereits Anschlüsse wegen der früheren Toilette gegeben, die wiederverwendet werden. Zudem befinde sich unter der Toilette ein Tunnel der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Daher sei auch eine Abstimmung wegen der Traglast erfolgt. Zudem sagt Sander, dass Anwohner bei einer Vor-Ort-Begehung den Wunsch eines Pissoirs äußerten.

Hüseyin Ünlü steht vor dem Gebäude, das ihm seit Tagen Sorgen bereitet. „Da geht doch niemand zwischen Kondomen und Spritzen auf die Toilette“, sagt er und zeigt auf den hinteren Teil des Leopoldplatzes. Vor knapp einer Woche stellte das Bezirksamt dort eine mobile Ecotoilette auf, die ohne Chemikalien auskommt und zur Sauberkeit auf dem Platz beitragen soll. Die sei doch ausreichend.