Berlin-Mitte

Autofreie Friedrichstraße: Wie Anlieger das Projekt finden

Bis Ende Januar ist die Einkaufsmeile in Mitte nun autofrei. Die Berliner Morgenpost fragte Anlieger nach den ersten Erfahrungen.

Viel Platz für Fußgänge und Radfahrer: Am Sonnabend beginnt der Versuch auf der Friedrichstraße offiziell.

Viel Platz für Fußgänge und Radfahrer: Am Sonnabend beginnt der Versuch auf der Friedrichstraße offiziell.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Bäume in Dreiergrüppchen, Sitzgelegenheiten auf Holzterrassen – und ein Fahrradstreifen mit Geschwindigkeitsbegrenzung: Der vieldiskutierte Modellversuch „autofreie Friedrichstraße“ startet offiziell am Sonnabend. Im Vorfeld wurden bereits Schilder auf dem vorgesehenen Fahrradstreifen montiert: Tempo 20 gilt hier fortan für Radfahrer. So sollen Unfälle mit Fußgängern vermieden werden. Diesen stehen durch die Vollsperrung für Autofahrer, im Abschnitt zwischen Französischer und Leipziger Straße, beidseitig jeweils vier Meter Gehweg zur Verfügung. Für das Projekt wurden zudem mobile Begrünung und Sitzflächen auf der ehemaligen Fahrbahn installiert. Bis Januar läuft der Versuch, der auch wissenschaftlich begleitet wird.

Die Berliner Morgenpost war zu Beginn des Projekts auf der neuen Flaniermeile unterwegs um Passanten und Anlieger nach ihrer Meinung zur „autofreien Friedrichstraße“ zu befragen.

Marc Mühlan, Fachanwalt für Verkehrsrecht arbeitet in einer Kanzlei an der Kronenstraße: „Man verlangt dort was von den Fahrradfahrern, was sie nicht leisten können. Es ist schon seit der Antike ein Prinzip des Staates, nur Regeln aufzustellen, die von den Bürgern überhaupt befolgt werden können. Hier ist es so, dass man davon ausgehen muss, dass so gut wie keiner ein Tachometer am Fahrrad hat und keiner überprüfen kann, wie schnell er fährt – das heißt, alle verlassen sich auf ihr Gefühl. Eine Höchstgeschwindigkeit für einen Fahrradfahrer festzusetzen, ist einerseits für den Radfahrer gar nicht einzuhalten. Und zum anderen ist das große Problem: Es kann auch nicht sanktioniert werden, weil die Polizei keine Messgeräte hat, mit denen sie Geschwindigkeitsüberschreitungen von Fahrradfahrern gerichtsfest einschätzen kann. Es gibt die beiden Möglichkeiten: entweder die Standgeräte, im Volksmund Blitzer genannt, oder eben die Laserpistolen, für den mobilen Einsatz.

Bei den Standgeräten ist es so, dass hier natürlich nicht davon auszugehen ist, dass man eine Blitzersäule installiert wird. Dieses Gerät, das in den Säulen typischerweise drin ist – da gibt es auch diesen klassischen Anhänger – das funktioniert mit Licht oder Lasermessung. Das heißt, dass Strahlen ausgesendet werden und dann aus dem Zeitunterschied, bis die Strahlen von dem gemessenen Objekt zurückgeworfen werden, die Geschwindigkeit abgeleitet wird. Und dafür braucht man eben eine ausreichend große Reflektorfläche an dem Objekt. Das ist bei Motorrädern schon immer ein Problem. Ich habe große Zweifel, dass das bei Fahrrädern, mit diesen Anhängern funktionieren wird. Wo es definitiv nicht funktioniert, ist mit Laserpistolen. Da ist eine Zieleinheit drin, was sich auch technisch einfach nicht ändern lässt, für die man ebenfalls eine ausreichend große Reflektorfläche finden muss. Die fehlt beim Fahrrad einfach.

Damit ist es so, dass mit den heutigen Mitteln, zumindest mit denen, die mir aus der Praxis bekannt sind, insbesondere im Bestand des Landes Berlin, die Geschwindigkeit nicht gerichtsfest bestimmt werden kann.“

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Sandra Garcia Martin, arbeitet in dem Café „Auf die Hand“ an der Friedrichstraße: „Ich bin von der autofreien Friedrichstraße begeistert. Es ist viel ruhiger. Ohne das ganze Gehupe versteht man sich beim Bestellen endlich gut. Auch der Gestank ist weniger, das ist sehr angenehm. Zwar gibt es ein, zwei Kunden, denen es nicht so gut gefällt – überwiegend sehen die Gäste es aber positiv. Es kommen gefühlt mehr Leute, Touristen, aber auch Berliner. Mich überzeugt die Idee!“

Adda Grauert und Lutz Lammers sind aus Potsdam gekommen und machen am Freitag zu Fuß einen Bummel durch Mitte: „Wir sind gerade erst angekommen. Der erste Eindruck ist eigentlich gut, also es sieht alles nett aus. Allerdings ist es noch etwas verwirrend. Uns ist nicht ganz klar, wo genau jetzt die Wege für Fahrradfahrer sind und wo für Fußgänger. Da wären deutlichere Markierungen sicherlich hilfreich. Gerade eben sind wir auch von einem Fahrradfahrer fast umgefahren worden. Es sieht außerdem lustig aus, da die Leute ja eigentlich doch nur den Bürgersteig nutzen.“

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Die Berlinerin Anna Behr ist mit dem Fahrrad auf der Straße unterwegs: „Ich finde es angenehm, dass nicht mehr überall Autos sind. Die Geschwindigkeitsbegrenzung stört mich nicht. Ich bin mir sicher, dass ich langsamer als 20 Stundenkilometer fahre. Ich finde generell, dass man mit dem Fahrrad nicht so heizen muss.“

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