Stadtentwicklung

Hansaviertel: Wo sich Nachbarn kaum noch begegnen können

Im Hansaviertel fehlen öffentliche Räume zur Begegnung. Was die Menschen vor Ort dagegen unternehmen.

Das Hansaviertel mit den markanten Wohnhäusern. In seiner Entstehung galt das Viertel als „Stadt der Zukunft“ - heutzutage machen sich Probleme, wie fehlender Raum zur öffentlichen Nutzung bemerkbar.

Das Hansaviertel mit den markanten Wohnhäusern. In seiner Entstehung galt das Viertel als „Stadt der Zukunft“ - heutzutage machen sich Probleme, wie fehlender Raum zur öffentlichen Nutzung bemerkbar.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Trotz Supermarkt, Theater und Imbiss, belebt ist der Hansaplatz im Hansaviertel nicht. Drei junge Frauen – geschminkt, Abendgarderobe – steigen aus einem schwarzen Wagen vor dem Platz mit Anschluss an die U-Bahn. Henrik Adler beobachtet, wie eine der Frauen zwei goldene Ballons nach sich aus dem Auto zieht. Auf ihnen jeweils eine Zahl: Eine Zwei und eine Null. „Vielleicht findet ein 20. Geburtstag auch irgendwann einmal hier drin statt“, sagt Adler und zeigt auf ein leeres Schaufenster hinter ihm.

Er engagiert sich seit einigen Jahren im Kiez, will helfen, ihn lebenswerter zu gestalten. Deshalb will er hinter den großen Scheiben eines Tages Espresso anbieten, während Nachbarn über neue Ideen für den Kiez diskutieren. Doch auf einem Spaziergang durch das Hansaviertel an diesem heißen Nachmittag im August scheint die Idee nahezu unvorstellbar. Die drei Frauen laufen derweil in die andere Richtung, und die Ballons tanzen hinter ihnen im Wind.

Wer das Hansaviertel, eingeschlossen von der Spree im Norden und dem Großen Tiergarten im Süden, verstehen will, muss auch seine Geschichte kennen. Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) erzählt zu Beginn des Spaziergangs, dass das Hansaviertel einst die architektonische Antwort auf die Bauten an der Karl-Marx-Allee, damals noch Stalinallee, im Osten der Stadt waren. Auf der Ausstellung „Interbau“ im Jahr 1957 wurde das Hansaviertel als „Schaufenster des Westens“ angepriesen – es galt damals als Vorzeigeobjekt moderner Stadtplanung. Mittlerweile ist das überholt. Zu Beginn der 2000er Jahre wehrten sich Anwohner aber gegen Nachverdichtungen. Nun steht das Viertel mit seinen großen mehrstöckigen Wohnhäusern, die vereinzelt umgeben sind von großzügigen Grünflächen, unter Denkmalschutz.

Es sollte im Jahr 2012 zusammen mit der Karl-Marx-Allee als Symbol für das Kräftemessen der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik Weltkulturerbe werden. Eine Jury lehnte den Antrag allerdings ab. Was dem Viertel das Visionäre geraubt hat, sind allerdings alltäglichere Dinge. Trotz Grünflächen und angrenzendem Tiergarten fehlen vor allem sogenannte dritte Räume. Das Hansaviertel braucht auch heute, 63 Jahre nach seiner Entstehung, Orte, an denen Anwohner und Nachbarn aufeinandertreffen, einander begegnen können.

Statt Spätkauf ein Café als Ort der Begegnung

An sich könnte der Hansaplatz funktionieren, wären da nicht die Bausünden der Vergangenheit. Gerade wegen der Bartningallee 3, in der das sogenannte Interbau-Infocafé entstehen soll, hat der Ruf des Platzes inmitten des Viertels gelitten. Anwohner fühlten sich zunehmend gestört von häufig alkoholisierten Menschen auf dem Platz. Ein umstrittener Spätkauf sorgte in den Räumlichkeiten zudem für ausreichend Nachschub zu jeder Tageszeit. Ohne es zu wollen, wurde an dieser Stelle ein idealer Platz für Menschen geschaffen, die oft kein Zuhause mehr haben. Während die Obdachlosen den Platz in den vergangenen Jahren mehr und mehr für sich vereinnahmen, fühlen sich Anwohner nicht mehr sicher, wenn sie auf dem Weg zum Supermarkt oder zur U-Bahn-Haltestelle über den Hansaplatz laufen. Obwohl der Spätkauf schon längst Geschichte ist.

Auch an diesem Tag im August wirkt der Platz wenig einladend - neben der Bartningallee 3 hatten Unbekannte erst vor wenigen Tagen das Büro des SPD-Abgeordneten Thomas Isenberg demoliert. Der mit roter Farbe gezogene Satz „Jede Räumung hat ihren Preis“ ist noch auf den Fenstern zu lesen.

Hansaplatz soll ein „Platz für alle“ sein

Ein Platzdienst, der vom Bezirksamt beauftragt wurde, soll für Besserung sorgen. Mit Ansprachen soll er den Besuchern des Platzes das Gefühl von mehr Sicherheit geben. Doch passiert ist in den zwei Jahren, in denen die Mitarbeiter über den Platz laufen nicht allzu viel. Nun soll es einen erneuten Anlauf geben, die Situation zu entschärfen. Die Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Mitte (BVV) fordert in einem Antrag die Situation der Obdachlosen am Hansaplatz zu verbessern und „Nutzungskonflikte“ mit Anwohnern zu minimieren. Dafür sollen beispielsweise dauerhaft Sozialarbeiter vor Ort präsent sein. Auch werde über betreute Aufenthaltsbereiche für Obdachlose nachgedacht. Der Gedanke - niemand soll verdrängt werden, es soll ein Platz für alle sein.

Auf einem Rasen direkt gegenüber des Hansaplatzes schaffte man mit einem etwas unkonventionellen Angebot einen solchen „dritten Raum“. Im Rahmen eines Kunstprojektes ließ ein Schäfer dort seine Schafe weiden. „Kunst im Stadtraum am Hansaplatz“ hieß die Aktion. Für einige Wochen weideten fünf Schafe, die von Anwohnern betreut wurden auf dem Gras. Man wollte herausfinden, was das mit einer Nachbarschaft macht. Tatsächlich, der Kiez veränderte sich. Menschen blieben stehen, redeten miteinander, lernten einander kennen. Passend dazu konnten andere Anwohner in Workshops lernen, wie sie die Wolle der Tiere zu Garn verarbeiteten. Nach vier Wochen brachte der Schäfer seine Tiere wieder zurück zu seiner Herde.

Lesegarten der Hansabibliothek öffnet im kommenden Jahr an Wochenenden

Nebenan leitet Omar Oestreich die Hansabibliothek. Stolz steht er im Lesegarten der Bibliothek. Neben Steinfliesen wachsen kniehohe Sträucher und Blumen. Unordentlich wirkt es nicht. Wege durchtrennen die Beete und finden in der Mitte um einen Baum wieder zusammen. Im Schatten der Baumkrone zeigt Oestreich auf die Fensterfassade der Bibliothek. „Das ist das große Highlight“, sagt er. Die meterlange Front lasse sich öffnen – der Lesegarten wird zur Terrasse. „So stehen nicht mehr die Bücher im Mittelpunkt.“ Es seien vielmehr die Menschen, die auf den Gartenstühlen zusammenkommen. Wäre nicht der neunstöckige Wohnblock mit den orangenen Balkonfronten im Hintergrund, man würde sich in der Bibliothek wie in einem abgeschiedenen Landhaus fühlen.

Das will Oestreich nutzen. Ab kommenden Jahr soll der Lesegarten an Wochenenden für verschiedene Formate genutzt werden können: Lachyoga, gemeinsames Lesen oder Kulturprojekte – das sind nur einige Überlegungen des Bibliothekars. Anhand der Schafweide mitten in der Stadt hat sich jedenfalls gezeigt, dass die Menschen im Kiez solche Orte brauchen, um einander zu begegnen, aber auch damit umgehen können.