Corona-Krise

Das Corona-Protokoll einer Berliner Schule

Eine Grundschule in Mitte hat einen Corona-Fall. Eine Mutter wurde positiv getestet. Die Verwirrung ist groß, auch beim Gesundheitsamt.

Höchste Neuinfektionen seit Mai - kommen jetzt strengere Maßnahmen?

Am Donnerstag meldete das RKI über 1700 Neuinfektionen an nur einem Tag. Es ist der dritte Tag in Folge mit einem Anstieg. Reiserückkehrer und Privatpartys sollen der Grund sein. Merkel sieht keine Möglichkeit zu Lockerungen. Spahn erwägt schärfere Maßnahmen für Veranstaltungen.

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Berlin. Seit Schulbeginn sind an mehr als 40 Schulen in Berlin Coronafälle aufgetreten. Elf verschiedene Bezirke sind davon betroffen – und ganz unterschiedliche Schultypen. Doch was passiert genau, wenn eine Schulleitung von einem Fall erfährt? Inzwischen muss man sagen: Jeder Bezirk handelt anders – die einen testen viel, andere eher weniger. Zuständig ist jedoch immer das Gesundheitsamt.

Der Berliner Morgenpost liegt der Erfahrungsbericht einer Grundschule aus dem Bezirk Mitte vor, aufgezeichnet von Mitgliedern der Schulgemeinschaft. Das Protokoll beginnt am ersten Schultag nach den Ferien, am Montag, dem 10. August. Und klar ist: Die Schule will den Regelbetrieb, denn die Kinder haben ein Recht auf Bildung. Allerdings muss dann bei Coronafällen auch schnell und gut organisiert gehandelt werden. Das Protokoll belegt: Genau das passiert leider nicht.

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Montagmorgen, 10. August: Alle Schüler sind wieder in der Schule, der Regelbetrieb beginnt gemäß des Hygieneplans. Auf den Gängen wird Mund-Nasen-Schutz getragen, die Lehrer achten auf den Abstand. In der Mittagspause gibt es Lunchpakete im Klassenraum, der Hort betreut im Klassenverband. Schon jetzt ist klar: Das Thema Reiserückkehrer spielt auch an dieser Schule eine große Rolle – wie so häufig in der Hauptstadt.

Montagnachmittag, 10. August: Eine Mutter ruft in der Schule an und teilt mit, dass sie positiv getestet wurde. Das Ergebnis vom Abstrich am Flughafen sei nun gekommen. Die Familie werde das Kind, welches am Morgen noch in der Schule war, erstmal zu Hause lassen.

Dienstag, 11. August: Die Klasse des betreffenden Kindes kommt weiter zum Unterricht, die Verunsicherung ist groß. Das Gesundheitsamt nennt einen Termin für eine freiwillige Klassentestung am Freitag. Bis dahin sollen alle Kinder weiterhin zur Schule gehen. Die Schulleitung darf die Klasse nicht prophylaktisch nach Hause schicken. Es gilt die Schulpflicht.

Mittwoch, 12. August: Das Kind, dessen Mutter positiv getestet wurde, hat nun auch ein Testergebnis bekommen. Allerdings Tage später, weil anfangs nur die Erwachsenen am Flughafen getestet wurden. Nun ist es da: negativ.

Freitag, 14. August: Unabhängig vom negativen Testergebnis des Klassenkameraden wird die Klasse trotzdem geschlossen am Freitag getestet. Dafür wird ein kleiner Klassenausflug gemacht: in die Teststelle des Bezirks.

Montagvormittag, 17. August: Die zweite Schulwoche beginnt. Die Klasse kommt ganz normal zum Unterricht.

Montagnachmittag, 17. August: Die Schulleitung erfährt vom Gesundheitsamt, dass ein anderes Kind aus der Klasse positiv getestet wurde. Ein Zufallsbefund, mit dem niemand gerechnet hatte – das erste Kind war ja negativ getestet worden. Die Schule telefoniert alle Familien der Klasse durch und teilt ihnen mit, dass die Kinder ab Dienstag nicht mehr in die Schule kommen dürfen. Allerdings: Sieben Lehrkräfte hatten seit Beginn der Schulöffnung in dieser Klasse unterrichtet. Sieben? Sollte die Zahl der Lehrer, die in einer Klasse unterrichten, nicht möglichst klein gehalten werden, um die Kohortenbildung möglich zu machen? Das ging hier nicht, weil die Klassenlehrerin am Tag vor der Schulöffnung erkrankte (kein Corona). Doch es herrscht Lehrermangel, die Vertretungsdecke ist dünn, sodass man keine durchgehende Vertretung organisieren konnte. Nun sind sieben weitere Pädagogen in Quarantäne und stehen nicht mehr als Lehrkräfte zur Verfügung. Zumindest nicht für Präsenzunterricht.

Dienstag, 18. August: Die Geschwisterkinder der betroffenen Klasse gehen weiterhin zur Schule. Nicht alle sieben Lehrkräfte werden sofort getestet, manche bekommen bei den zuständigen Gesundheitsämtern kurzfristig keinen Termin oder niemanden ans Telefon. Welches Gesundheitsamt für sie zuständig ist, richtet sich nach ihrer Wohnadresse, nicht nach der Adresse der Schule. Das gilt auch für Schüler. So kommen immer neue Gesundheitsämter aus anderen Bezirken ins Spiel. Es wird unübersichtlich. Die Schulleitung protokolliert jeden Anruf, jede neue Entwicklung, um den Überblick zu behalten.

Mittwochvormittag, 19. August: Das Gesundheitsamt teilt der Schule mit, dass man die betroffene Klasse am Freitag, den 21. August, noch einmal testen werde, da die Kinder ja am vergangenen Freitag und Montag noch gemeinsam Unterricht hatten. Die betroffenen Lehrkräfte in der Quarantäne, die bis dahin noch keinen Test bekommen haben, dürfen sich dann mittesten lassen. Diesmal soll ein Testmobil direkt auf den Schulparkplatz kommen.

Donnerstag, 20. August: Alle warten auf den Test. Zumindest das Homeschooling läuft – es haben ja sieben Pädagogen in Quarantäne Zeit. Doch die Endgeräte bei den Schülern bleiben ein ungelöstes Problem. Und: Inzwischen gibt es einen neuen Coronafall an der Schule, in einer ganz anderen Klasse. Ob die am Freitag auch getestet wird? Das weiß noch keiner.