Stadtschloss

Auf dem Humboldt Forum thront jetzt umstrittenes Kuppelkreuz

Auf die Kuppel des weitgehend fertiggestellten rekonstruierten Stadtschlosses wurde am Freitag das umstrittene Kreuz aufgesetzt.

Berlin. Es ist vollbracht: Auf die Kuppel des weitgehend fertiggestellten Humboldt Forums in Berlin ist am Freitag das umstrittene Kreuz aufgesetzt worden. Laterne mitsamt Kreuz erhöhen das Kultur- und Ausstellungszentrum um 12 auf 68 Meter.

Schon am Vormittag hatten sich ein paar Dutzend Zuschauer auf dem Schinkelplatz und vor dem ehemaligen Staatsratsgebäude versammelt, um bei den Vorbereitungen zuzusehen. Es dauerte aber dann doch bis zum Nachmittag, bis der Kran vor der Westfassade des Humboldt Forums in voller Größe aufgerichtet und einsatzbereit war.

Gegen 16 Uhr wurde zunächst die sogenannte Zenitkuppel angehoben, eine mit Palmwedeln verzierte, 1400 Kilogramm schwere Konstruktion, die den Reichsapfel und das knapp fünf Meter hohe Kreuz trägt. Zahlreiche Fotos wurden gemacht, als das helmartige Element langsam durch die Luft schwebte. Es wurde dann auf die Gruppe von acht Cherubim montiert, die, ihrerseits auf einer Balustrade stehend, die Zenitkuppel auf den Häuptern tragen. Auf der Seite der Webcam der Stiftung Humboldt Forum, die am Freitag alle zwei Minuten ein aktuelles Bild präsentierte, war zu sehen, wie das gesamte Ensemble für den letzten Hub vorbereitet wurde. Bis 18.45 Uhr blieb es jedoch noch am Boden. Gegen 21.30 Uhr war es dann vollbracht: Die Zenitkuppel samt Kreuz ziert nun den Bau.

Kuppellaterne auf Humboldt Forum erhöht Bau auf nun 68 Meter

Die Konstruktion erhöht den 644 Millionen teuren Bau, der vom Spätherbst an schrittweise eröffnen soll, um zwölf auf nun 68 Meter, sie wiegt 17,4 Tonnen. Aber auch ihr symbolisches Gewicht ist beträchtlich. Schon im Jahr 2017 hatte es eine kurze und scharf geführte Debatte um die Frage gegeben, ob das christliche Symbol ein angemessenes Emblem für eine Institution sein kann, das sich als Forum für den Dialog zwischen den Kulturen versteht und in seinen Räumen unter anderem die Exponate des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst präsentiert.

Seit einigen Tagen ist nun auf dem Mauerwerksring direkt unterhalb der Kuppel auch das historisch rekonstruierte Schriftband aus der Zeit Friedrich Wilhelms IV. lesbar. Der Text, gesetzt in goldenen Lettern auf lasurblauem Hintergrund, ist eine Montage aus biblischen Zitaten und lautet vollständig: „Es ist in keinem anderen Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller deren Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ In Kurzform: Dem Christentum hat sich jeder Mensch zu beugen, selbst wenn er bereits gestorben ist.

Debatte um Kreuz auf Humboldt Forum: Dossier zusammengestellt

Dass die Kombination des Zitats mit dem Kreuz als programmatische Aussage des Humboldt Forums missverstanden werden könnte, hat das Team um den Generalintendanten Hartmut Dorgerloh vorausgesehen und deshalb ein umfangreiches Dossier zusammengestellt, das verschiedene Perspektiven auf das Kreuz versammelt und im Internet bereitgestellt worden ist.

Dorgerloh selbst hebt die Notwendigkeit einer Einordnung hervor: „Diese baulichen Elemente gehören in ihrer Mehrdeutigkeit und Entstehung quasi selbst zur DNA des Humboldt Forums. Wichtig sind Kontextualisierung und Vermittlung. Wir als Bauherrin und die Nutzergemeinschaft des Gebäudes entwickeln derzeit geeignete Mittel und Ansätze, um die historisch entstandenen Aussagen der Kuppel und der Fassade einzuordnen – mit Publikationen, digitalen Formaten und speziellen Angeboten zur Geschichte des Ortes.“ Die Vieldeutigkeit des Ortes solle eine Gelegenheit für Diskussionen und temporäre künstlerische Interventionen bieten.

In einem lesenswerten Beitrag erinnert die Kunsthistorikerin Laura Goldenbaum noch einmal an die kurze und scharfe Debatte aus dem Jahr 2017, als die Stiftung Humboldt Forum die Rekonstruktion der Schlosskuppel mitsamt Laterne und vergoldetem Kreuz ankündigte. Aufmerksame Beobachter mochte sie verblüffen, war doch schon zwei ­Jahre zuvor, mit dem Eingang der Großspende Inga Maren Ottos in Höhe von einer Million Euro, die wichtigste Weiche dafür gestellt worden.

Inzwischen aber war das inhaltliche Konzept des Großprojekts in Berlins historischer ­Mitte bereits viel breitenwirksamer kommuniziert worden – unter anderem durch die drei Gründungsintendanten Neil MacGregor, Horst Bredekamp und Hermann Parzinger. Nun lag es näher, schreibt Goldenbaum, dieses Konzept „mit der Symbolik und Ideologie des Baukörpers in Zusammenhang zu bringen. Der Baukörper hatte sein Gegen­gewicht, den Inhalt, als neuen Dreh- und Angelpunkt – und dies bot Reibungs­fläche.“

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) kritisiert das Kreuz

Aus der nun, wo das Kreuz angebracht wird, Funken für eine neue Debatte fliegen könnten. Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) zum Beispiel sieht im Kreuz „eine falsche ,Überschrift‘ über dem Humboldt Forum“: „Das Kreuz ist ein eindeutig religiöses Zeichen, seine Inhalte klar definiert. Seine Alleinstellung konterkariert nahezu alles, was wir mit dem Humboldt Forum wollen: Zeigen, wie mehrdeutig, vielfältig, verschlungener, breiter und tiefer unsere Wurzeln tatsächlich sind.“

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, nimmt eine andere Perspektive ein: „Das Kreuz auf der Kuppel gehört als kultu­relles und historisches Erbe dazu, und ich empfinde dabei kein Gefühl des Störens, zumal man diesen Kontext nicht verschleiern oder zwanghaft abschaffen will.“

Ein Blick auf die preußische Geschichte

Dorgerloh erinnert an den Bundestagsbeschluss von 2002 und den Architekturwettbewerb aus dem Jahr 2008, aus dem sich eine historisch detailgetreue Rekonstruktion der Fassaden mitsamt Kuppel ergeben habe. Dazu „gehören eben auch die Inschriften auf den Portalen und an der Kuppel sowie das gesamte ikonografische Programm mit Adlern, Wappen und Kronen“. Diese gelte es nun einzuordnen. „Wichtig sind Transparenz, Kontextualisierung und Vermittlung.“

Dazu gehört ebenfalls ein Blick auf die preußische Geschichte und auf die Frage, warum sich auf dem Dach des Berliner Schlosses überhaupt ein christliches Symbol befand. Die Beantwortung solcher Fragen fällt in den Bereich des Kunsthistorikers Alfred Hagemann, der bei der Stiftung Humboldt Forum den Bereich „Geschichte des Ortes“ leitet.

„Ein Denkmal der christlichen Herrschaft der Dynastie“

Im Dossier erinnert er an die doppelte Motivation Friedrich Wilhelms IV., die Kapelle mitsamt Kuppel zu errichten. Diese sei, zum einen, „ein Denkmal der christlichen Herrschaft der Dynastie“ gewesen, die ganz selbstverständlich als Teil der Heilsgeschichte der 2000-jährigen Dynastie dargestellt wurde.“ Zum anderen ging es dem Herrscher aber auch – angesichts der revolutionären Unruhen 1848 – um stabilisierende Symbolik, „um die christliche Religion als Prinzip der gesellschaftlichen Ordnung.“

Von innen wird die Kuppel übrigens von den Besuchern nicht vollständig betrachtet werden können, das Ausstellungskonzept erzwingt den Einzug einer Zwischendecke auf 14 Metern Höhe. Doch es wird eine spannende Frage bleiben, ob die Nachbarschaft der Exponate des Museums für Asiatische Kunst im obersten Stock und der preußischen ­Repräsentationsarchitektur sinnstiftend und inspirierend verlaufen wird. Am ­Ende des Jahres, wenn erste Bereiche des Humboldt Forums öffentlich zugänglich sein sollen, wird man das besser beurteilen können.