Rückgabe

Der Kueka-Stein ist wieder in Venezuela

Der indigene Kueka-Stein im Tiergarten war Teil eines Kunstprojekts. Das Volk der Pemón forderte ihn zurück.

So lag der Kueka-Stein im Tiergarten in Berlin. Doch seit Donnerstag ist er wieder in seiner Heimat Venezuela. Markus Heine/dpa

So lag der Kueka-Stein im Tiergarten in Berlin. Doch seit Donnerstag ist er wieder in seiner Heimat Venezuela. Markus Heine/dpa

Foto: Markus Heine / dpa

Da staunen die Berliner nicht schlecht, wenn sie die leere Fläche im Tiergarten sehen. Über 22 Jahre befand sich an dieser Stelle ein großer rosafarbener und über 35 Tonnen schwerer Sandstein aus Venezuela. Vor knapp drei Monaten, am 20. Januar, wurde der Kueka-Stein, wie die Venezolaner ihn nennen, ohne Ankündigung in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entfernt. Er sollte wieder zurück an seinen Ursprungsort nach Venezuela gebracht werden.

Am Donnerstag war die Freude des indigenen Volks der Pemón aus Venezuela dementsprechend groß: Ihr heiliger Kueka-Stein war wieder in seiner Heimat angekommen. Der venezolanische sozialistische Politiker Nicolás Maduro teilte seine Begeisterung darüber gleich auf Twitter mit: „Kueka ist in Venezuela angekommen! Mit all seiner Schönheit und tausendjähriger Stärke nach 22 Jahren harten Kampfes, um diesen spirituellen, kulturellen und tausendjährigen Wert unserer angestammten und ursprünglichen Völker wiederherzustellen. Willkommen, herzlichen Glückwunsch und eine Umarmung an die Pemón!“

In einem Video auf Twitter des venezolanischen Außenministers Jorge Arreaza sieht man Bilder, wie der riesige Findling mit einem Kran auf einen Laster gehoben, in eine große Kiste gepackt und mit dem Schiff in den Hafen von Bolipuento de Guanta im Süden des Landes transportiert wird.

Der Stein stammt aus dem Canaima-Nationalpark

Damit geht ein jahrelanger Streit zwischen der venezolanischen Regierung, dem indigenen Volk der Pemón, der Bundesrepublik Deutschland und dem Künstler Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld, der den Kueka-Stein als Kunstobjekt nach Berlin brachte, zu Ende.

Ursprünglich stammt der gigantische Findling, auch Stein der Liebe genannt, aus dem Canaima-Nationalpark im Südosten Venezuelas. Medienberichten zufolge überreichte 1998 der damalige venezolanische Umweltminister, Héctor Hernández Mujica, den historischen Stein an den Künstler Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld aus Deutschland. Der Findling sollte eine Spende für sein Projekt „Global Stone“ sein. Der Künstler nahm das Geschenk dankend an, bearbeitete den Sandstein und stellte ihn anschließend mit fünf anderen Findlingen – einen aus jedem Kontinent – im Berliner Tiergarten auf.

„Global Stone“ war ursprünglich als Friedensprojekt des Künstlers geplant. Aus jedem der fünf Kontinente suchte er sich jeweils zwei besonders charakteristische Steine aus - einen davon ließ er im Ursprungsland und den anderen in den Berliner Tiergarten bringen. Anschließend bearbeitete der Bildhauer die Findlinge so, dass die glatten Seitenflächen der Steine alljährlich zur Sommerwende im Juni die Sonnenstrahlen reflektieren. So sollte eine Verbindung zwischen den Steinpaaren entstehen. Damit wollte Kraker von Schwarzenfeld ein Zeichen für Frieden und die Verbundenheit aller Menschen setzen.

Streit um den rosa Findling

Allerdings kann von Frieden nicht die Rede sein. Bereits kurz nach der Ankunft des venezolanischen Kueka-Steins in Berlin gingen die Streitigkeiten los. Die venezolanischen Pemón der Gemeinde Santa Cruz de Mapaurí behaupteten, der rosafarbene Findling sei einer von ihren zwei „Heiligen Steinen“, der ihnen ohne ihre Erlaubnis weggenommen wurde.

Zunächst versuchte das Institut für Kulturerbe mit dem deutschen Außenministerium über eine Rückgabe zu verhandeln. Erfolglos. Es entstanden weitere diplomatische Spannungen: Die Regierung aus Venezuela schaltete sich ein und forderte die Rückgabe des Kueka-Steins von der deutschen Bundesregierung, Indigene protestierten vor der deutschen Botschaft in Caracas und eine venezolanische Delegation reiste 2018 zu einem Unesco-Treffen mit der Forderung, den heiligen Stein für die Pemón-Gemeinde in ihre Heimat in die Gran Sabana zurückzubringen.

Der Künstler Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld wollte den Stein weiterhin in Berlin behalten und wies alle Anschuldigungen von venezolanischer Seite zurück. Der Stein sei ein Geschenk gewesen und somit habe er die Erlaubnis der Regierung dafür bekommen, den Stein nach Deutschland zu bringen.

Jahrelange Verhandlungen um den Kueka-Stein

Nach jahrelangen Verhandlungen und Auseinandersetzungen hat Ende 2019 die Bundesregierung, vertreten durch das Auswärtige Amt, die Rückschenkung mit der Bolivarischen Republik Venezuela vertraglich vereinbart. „Die Rückschenkung erfolgte als Geste an das indigene Volk der Pemón“, so Christoph Kamissek, Sprecher des Auswärtigen Amtes. Die Kosten für Entnahme sowie Transport des Steins wurden von Venezuela übernommen.

Auch der Künstler Wolfgang Kraker von Schwarzenfeld äußert sich nun erleichtert: „Eigentlich bin ich froh, dass dieser Konflikt endlich beendet ist“, sagte er der „B.Z.“. Unklar sei bislang allerdings, was mit der nun kahlen Fläche im Tiergarten passieren soll und ob ein Ersatz für den Kueka-Stein gefunden werden kann, damit das Projekt Global Stone wieder eine Einheit bilden kann. Kraker von Schwarzenfeld will sich auf jeden Fall darum bemühen: „Sobald es geht, will ich nach einem neuen Stein in Südamerika suchen. Dann aber in Brasilien.“