Brückenneubau

Bezirk Mitte fordert kleinere Mühlendammbrücke

Wie eine Autobahn wirkt die Mühlendammbrücke. Auch nach dem Neubau soll die Dimension beibehalten werden. Gegen den Willen des Bezirks.

Autobahngleich führt die achtspurige Mühlendammbrücke durchs Berliner Zentrum. Ab 2022 soll sie neu gebaut werden.

Autobahngleich führt die achtspurige Mühlendammbrücke durchs Berliner Zentrum. Ab 2022 soll sie neu gebaut werden.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin. Einer Autobahn gleich führt die Mühlendammbrücke durch Berlins Zentrum. Gleich neben dem Nikolaiviertel, dem historischen Kern, schlägt der Stahlbetonbau eine 46 Meter breite Schneise des Verkehrs durch die Stadt. Nicht nur das marode Bauwerk, die ganze Dimension der Konstruktion scheint in die Jahre gekommen zu sein. Ein Relikt des städtebaulichen Ideals einer „Autogerechten Stadt“.

Rundherum wird sich in Berlins Mitte in den kommenden Jahren vieles ändern: Die Leipziger Straße wird im Zuge des Trambaus komplett neu konzipiert, am Molkenmarkt entsteht ein neues Stadtquartier.

Auch am Rathausforum und Unter den Linden träumen Politiker und Initiativen von weniger Autoverkehr. Nur an den Dimensionen der Mühlendammbrücke wird sich wenig ändern – obwohl das marode Bauwerk in den nächsten Jahren neu errichtet wird. Ist das noch zeitgemäß? Mit seiner Haltung zumindest stößt der Senat auf breite Kritik.

Mühlendammbrücke soll auf 34 Meter verkleinert werden, fordert Baustadtrat Gothe

Die Mühlendammbrücke soll ab 2022 neu gebaut werden. Wie aus den Unterlagen des anstehenden Realisierungswettbewerbs hervor geht, sieht das vorgegebene Verkehrsprofil neben den Fußwegen eine separate Straßenbahntrasse in der Mitte, zwei Kfz-Spuren je Richtung, sowie Busspuren vor, die dereinst zu breiten Radwegen werden sollen, wenn die Tram auf der Strecke ihren Betrieb aufnimmt.

Die Brücke soll dadurch eine Gesamtbreite von 42 bis 44 Metern bekommen. Viel zu breit, sagt Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD). In einem Brief an Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese (Grüne) fordert er die Senatsverkehrsverwaltung auf, die Gesamtbreite auf 34 Meter deutlich zu reduzieren.

In dem Schreiben, das der Berliner Morgenpost vorliegt, geht Gothe auf die Ausmaße der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Spreequerung an dieser Stelle ein. „Hätte diese 26,50 Meter breite Brücke den Zweiten Weltkrieg überlebt, würde heute niemand die Idee aussprechen, sie durch eine 44 Meter breite Brücke zu ersetzen.“

Dabei habe auch auf dieser bereits eine Tramstrecke Platz gefunden, so der Baustadtrat. Da es sich bei dieser um den ältesten Spreeübergang Berlins handele, erwarte er „ein besonderes Maß an öffentlicher Diskussion über die Bedeutung der Brücke in ihrer stadtgestalterischen wie in ihrer verkehrlichen Dimension“.

Mühlendammbrücke in Mitte: Eine Spur für Autos soll künftig ausreichen, fordert der Stadtrat

Gothe verweist auf den Flächennutzungsplan für das Zentrum. Dieser sehe an Mühlendamm und Leipziger Straße keine Hauptverkehrsachse vor. Demnach sollten Kraftfahrzeuge künftig nur noch 20 Prozent des Verkehrs auf der Strecke ausmachen. „Wenn man das ernst nimmt“, so Gothe auf Nachfrage, „kann man nicht so eine Brücke bauen“. Eine Spur für Autos müsse künftig ausreichen. In Verkehrsfragen müsse man „mit mehr radikalem Willen vorangehen“.

Auch die grundsätzliche Gestalt des Baus sähe der Baustadtrat gerne verändert. Er empfiehlt, den Architekten im Wettbewerb „ein artifizielles Brückenhaus mit einem Aussichts-Café vorzugeben“. Auch Mittelpfeiler müssten diskutiert werden. Der Brückenbau würde dann nicht so hoch werden, was „eine elegantere Ansicht zuließe“. Zudem könnten dann auch Gebäude auf der Brücke errichtet werden – wie es bei der historischen Konstruktion der Fall war.

Bündnis aus 14 Vereinen und Initiativen gegen breite Mühlendammbrücke

Auf Anfrage wollte sich die Senatsverkehrsverwaltung nicht konkret zu den Plänen äußern. Die Unterlagen befänden sich in der Schlussphase der Vorbereitung für den Realisierungswettbewerb, den die von Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) geführte Senatsverwaltung für Stadtentwicklung federführend organisiere, sagte ein Sprecher. „Bei diesem Stand werden wir keine Einzelheiten kommentieren, schon um den ausstehenden Wettbewerb zu schützen.“

Gothe ist nicht der einzige, der die Pläne für den Neubau der Mühlendammbrücke kritisch sieht. Bereits im vergangenen Jahr hatte sich ein Bündnis aus 14 Vereinen und Initiativen zur „Allianz für einen neuen Mühlendamm“ zusammengeschlossen, darunter der Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin und die Gesellschaft Historisches Berlin (GHB), aber auch Verkehrsinitiativen wie der Berliner Fahrgastverband IGEB und die Fußgängervereinigung Fuss e.V. In einem offenen Brief hatten sie Lompscher und Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) aufgefordert, die Planungen für den Brückenneubau zu stoppen und das Bauwerk kleiner zu dimensionieren. Eine Umplanung lehnte Verkehrssenatorin Günther jedoch ab.

Leipziger Straße könnte einspurig werden

Auf die Bündnis-Anregungen sei nie reagiert worden, bemängelt Gerhard Hoya, Vorstandsvorsitzender der GHB. Die Pläne für den Neubau hält er noch immer für falsch. „Wir brauchen diesen großen Straßenquerschnitt nicht. Die Verkehrsbelastung wird sich verringern, wenn man die Straßenbahn baut.“ Der Bau sei auch für das Umfeld vollkommen überdimensioniert. „Wir wollen den Petriplatz zur Altstadt zurückbauen und dann bauen wir völlig maßstabslos so ein riesiges Ingenieursbauwerk da hin“, klagt Hoya. Das mache keinen Sinn.