Angst vor Verdrängung

Wie es mit den Uferhallen in Wedding weitergeht

Bislang war die Rede von zwei Hochhäusern, die entstehen sollen. Davon rücken die Investoren ab. Was mit den Künstlern passieren soll.

Raum für Kreativität: Uferhallen in Wedding

Raum für Kreativität: Uferhallen in Wedding

Foto: David Heerde

Berlin.  Die Glastür des Café Pförtner öffnet und schließt sich in kurzen Abständen. Menschen stapfen hinein, streifen ihre Jacken ab. Die Kellnerin grüßt freundlich mit Namen. Die Besucher schütteln Hände mit anderen Gästen an jenen Tischen nahe der großen Ladenschaufenster. Sie führen Gespräche und lachen, ehe sie bestellen.

Wer im Café Pförtner ein und ausgeht, der kennt sich. Es ist das Herz des Künstlerareals Uferhallen in Wedding. Ein Idyll in der Großstadt. Hier treffen sich Kunstschaffende zur Mittagspause, zum Kaffeetrinken oder nach Feierabend. Doch bald könnten alle weg sein: das Café mit dem alten Schulbus vor der Tür, die Künstler und ihre Werke, die freundliche Atmosphäre - zumindest nach Ansicht der Künstler.

Hansjörg Schneider sitzt zusammen mit Peter Dobroschke und Matthias Galvez an einem der Holztische. Die drei Künstler sorgen sich um ihre Heimat, die roten Backsteingebäude an der Panke.

Die Samwer-Brüder mischen an den Uferhallen mit

Seit die Investorengruppe Augustus Capital, die eng mit den Samwer-Brüdern verwoben ist, das Areal 2017 gekauft hat, fürchten die Mieter um ihre Ateliers. Damals hätten die Anleger versprochen, das Gelände zu entwickeln. Es hatte den Anschein, als ginge das nur mit den Künstlern. Ihnen sei sogar eine Art Bestandsgarantie gegeben worden, sagt Hansjörg Schneider.

Doch drei Jahre später, in denen noch rein gar nichts auf dem Gelände passiert ist, geht die Angst bei den Mietern um. Sie sagen, ihr Verbleib sei alles andere als gesichert. Zu viele negative Beispiele der neuen Investoren hätten den Glauben an eine Zukunft in den Uferhallen erschüttert.

Das jüngste Beispiel ist das Haus der Gesundheit an der Karl-Marx-Allee. Eine Investorengruppe um die Samwer-Brüder hat sich einem Bericht des „Spiegel“ zufolge als Mieterschreck entpuppt. Verträge wurden gekündigt oder nicht verlängert, die Mieten seien in die Höhe geschellt.

Ähnliches könnte den Mietern der Uferhallen widerfahren. Das glauben jedenfalls die drei Künstler an dem Holztisch im Café. Gentrifizierung auf Kosten der Kultur. Schneider sagt, dass sie künftig fast den dreifachen Quadratmeterpreis zahlen sollen. Bislang habe er bei 3,50 Euro gelegen. „Der Deal vor 13 Jahren war, Teile unserer Ateliers selbst auszubauen. Deshalb sind die Räume noch günstig“, erklärt Peter Dobroschke im Gespräch.

Mietpreise an den Uferhallen steigen stark

Das wird sich ändern. Dass die Mietpreise am Standort steigen, dementiert Felix Fessard, Vorstand der Uferhallen AG und Vertreter der Investoren, nicht. Die Berechnungen seien derzeit noch nicht abgeschlossen, sagt er der Berliner Morgenpost. Der künftige Preis für die Künstlerateliers hänge von den „notwendigen Investitionskosten für den Ausbau der Ateliers“ ab. Für den Quadratmeter sollen die Künstler aber weniger als zehn Euro zahlen. Was das genau heißt, lässt er offen.

Und es ist nicht nur die Miete, die den Künstlern zu schaffen macht. Nach ihren Informationen sollen Räumlichkeiten umstrukturiert werden. Die Ateliers wie sie derzeit bestehen, soll es nicht mehr geben. „Für viele ist das schlimmer als eine Hausauflösung“, sagt Schneider. Sollten sich diese Pläne an den Uferhallen bewahrheiten, könnten es das Aus für den Kulturstandort in Mitte bedeuten.

Das ist nach Aussagen von Felix Fessard aber nicht im Sinne der Investoren. Ein Ziel sei es, eine gemeinsame Lösung zu finden. Künstler zu halten und zu fördern, aber auch neuen Wohnraum zu schaffen. Fessard betont, bislang sei keinem Künstler gekündigt worden, es seien sogar neue Verträge abgeschlossen worden.

Die gemeinsame Lösung, darum geht es seit fast zwei Jahren. Vertreter der Investoren verhandeln mit Ephraim Gothe, Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, den Architekten des Büros Ortner + Ortner, der Senatsverwaltung für Kultur und den Künstlern für diese Lösung.

Künstler startet Petition zum Verbleib des Standorts

Dabei fehlt gerade den Künstlern eigentlich jeglicher Verhandlungsspielraum. Zwar gibt es bestehende Mietverträge, ein Recht darauf, dauerhaft zu bleiben, hat allerdings keiner der Künstler. Das wissen sie. Deshalb versuchen sie anders Druck auszuüben. Mit einem offenen Brief wandten sich die Künstler an die die Abgeordneten des Landes Berlin und die Aktionäre der Uferhallen AG.

Darin fordern sie die Politik auf, sie „weiter mit allen Mitteln zu unterstützen“. Der Eigentümer hingegen soll den „Fortbestand des Kulturstandortes“ gewährleisten. Gestärkt wird das mit einer Petition zum Erhalt des Kulturstandortes. Stand 28. Januar haben mehr als 2900 Menschen unterschrieben.

Die drei Künstler im Café Pförtner erhoffen für sich und ihre Kollegen eine ähnliche Lösung wie auf der anderen Seite der Uferstraße. Die Tanzstudios haben sich 2012 mit den damaligen Anteilseignern der Uferhallen AG auf einen Erbpachtvertrag geeinigt, der über 196 Jahre läuft. „Das wäre eine dauerhafte Lösung“, sagt Dobroschke. Diese Lösung ist für Felix Fessard keine Option. „Das Areal soll ganzheitlich und langfristig zusammen leben und nicht in Stücke aufgeteilt werden.“

Planungen an Uferhallen sind Thema im Bauausschuss

Am Mittwoch soll Fessard den aktuellen Stand der Planungen des Areals im Ausschuss für Stadtentwicklung vorstellen. Vorab gewährt er der Berliner Morgenpost Einblicke in das Vorhaben. Bislang war von zwei Hochhäusern die Rede, die auf dem Gelände entstehen sollen. Davon sei man mittlerweile abgerückt. Die aktuelle Planvariante beinhalte lediglich einen Hochpunkt.

Die Uferhallen werden Entscheidungsträger auch in den kommenden Wochen weiter beschäftigen. Wie die Berliner Morgenpost erfuhr, will sich Kultursenator Klaus Lederer (Linke) Anfang Februar vor Ort ein Bild machen. Die Uferhallen seien prägend und unverzichtbar für Berlin als Kulturstadt, heißt es aus der Presseabteilung der Senatsverwaltung. Ephraim Gothe wollte sich aus Termingründen bislang nicht zu den aktuellen Entwicklungen äußern und verwies auf die Sitzung des Ausschusses.

Peter Dobroschke sieht mit wehmütigem Blick nach durch die großen Schaufenster auf das weitläufige Areal - seine Heimat. „Die Stadt nimmt ihre Rolle als Gestalter nicht wahr“, sagt er.

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