Stadtbild

Weniger Werbung am Alexanderplatz

Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel will weniger Durcheinander am Alexanderplatz. Ein Großteil der Werbetafeln soll verschwinden.

Der Alexanderplatz ist beileibe keine Augenweide. Das soll sich ändern.

Der Alexanderplatz ist beileibe keine Augenweide. Das soll sich ändern.

Foto: David Heerde

Berlin. Er ist nicht zum Genießen, sondern eher zum Davonlaufen, der Alexanderplatz. Bunte Stühle, die aus einem 70er-Jahre Klassenzimmer stammen könnten, zieren die Außenbestuhlung des einen Lokals. Darauf folgen Holzbank-Garnituren des angrenzenden Betriebs, und dahinter stehen wiederum Korbstühle. Blinkende knallbunte Lichterketten entlang von Sonnenschirmen ragen zwischendrin in die Höhe. Für Besucher des Alex bietet der Platz ästhetische Stilbrüche im Fünf-Meter-Takt. Einladend wirkt das nicht.

Händler stellen Mülleimer als Sichtschutz auf

Da helfen auch die Werbeaufsteller vor den Stuhlreihen wenig. Manche versuchen es erst gar nicht und stellen gleich ihre Mülleimer auf – quasi als Sichtschutz. Zwar darf jeder Gewerbetreibende einen Werbeaufsteller vor das Geschäft stellen. Am Alexanderplatz nehmen diese Regelung nur die wenigstens ernst, sodass die Fußwege besser als Slalomparkour für E-Scooter-Fahrer genutzt werden könnten als zum Flanieren.

Abgerundet wird das Bild des Chaos an dem stark frequentierten Platz von weiterer Werbung: kleine Tafeln an den Hausfassaden, große unterhalb des Alexanderplatz-Schriftzugs und an der S-Bahn-Brücke, Bewegtbilder an der Straßenbahn-Haltestelle. Wäre diese optische Reizflut nicht schon genug, gibt es da auch noch die Marktbuden, die den historischen Platz fast ein Drittel des Jahres zu einem Rummelplatz verwandeln. Wohlfühlen, heimisch, Aushängeschild – der Berliner fühlt davon nichts mehr, läuft er über den Asphalt des Alex.

Schirme verdecken aus bestimmten Winkeln Blick auf die Weltzeituhr

Eines der bekanntesten Symbole der Stadt Berlin ist nur noch ein großer Name, nicht mehr als ein Schatten seiner selbst. Seit 2019 soll Alexanderplatz-Koordinator Andreas Richter helfen, die Situation zu verbessern. Deshalb dokumentierte er über mehrere Monate die Zustände. Die entstandene Bilderstrecke präsentierte Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) am Donnerstag und lässt kaum etwas Gutes an dem optischen Erscheinungsbild.

Er bewertet die Zustellung des Bürgersteigs als nicht mehr akzeptabel. Ein U-Bahn-Eingang sei nur noch schwer zugänglich und kaum zu erkennen, eben wegen der Tische und Stühle. Schirme verdeckten aus bestimmten Winkeln die Weltzeituhr. „Es ist völlig maßlos geworden“, sagt von Dassel. Doch das sei bei Weitem nicht alles.

Die flackernden Lichter an den Schirmen oder durch Werbung seien „illegal“. Ebenso wie die Werbung an den Steinfassaden. Denn die Gebäude am Alexanderplatz stünden unter Ensembleschutz. „Illegal“ ist nach Angaben von Dassel auch die Werbung an der Brücke oder die Geschwindigkeit der Bewegtbilder. Doch mit dem Durcheinander könnte schon bald Schluss sein.

Neue Satzung soll Außenbestuhlung regeln

Geht es nach von Dassel, soll am Alexanderplatz schon bald Ordnung einkehren. Noch in diesem Jahr soll eine sogenannte Gestaltungssatzung ausgefertigt werden. „Wenn wir noch länger warten, gibt es ein Gefühl des Gewohnheitsrechts, und dann wird alles noch schwieriger“, glaubt von Dassel.

Die Satzung regelt künftig, wie beispielsweise Gastronomen ihre Außenbestuhlung gestalten sollen. Denkbar seien einheitliche Stühle und Tische, sagt von Dassel. Sowohl optisch wie auch farblich. Damit würde sich der Alexanderplatz vom bisherigen „Stuhlpotpourri“ verabschieden. Für dieses Vorhaben will der Bezirksbürgermeister auch die Eigentümer der Gebäude am Alexanderplatz mit ins Boot holen.

Sie sollen Mieter mit Auflagen versehen, die der Gestaltungssatzung am Alexanderplatz entsprechen. Die Außenwerbung am Alexanderplatz soll durch die Verordnung ebenfalls geregelt und entsprechend reduziert werden.

50 Ordnungsamtsmitarbeiter sollen Schilderwald aufräumen

Das große Ziel hinter dem Aufwand heißt: den Alexanderplatz beleben. Am Ende sollen von dem Aufwand alle profitieren: Sowohl die Berliner wie auch die Gewerbetreibenden und die Besucher.

„Was wir aber nicht wollen, ist, dass durch die Belebung das Chaos größer wird“, sagt von Dassel. Ganz so einfach ist es nicht. Denn gerade symptomatisch für das Durcheinander am Alexanderplatz steht die Bürokratie hinter der geplanten Gestaltungssatzung. Denn bislang wissen die Behörden nicht einmal, welche für die Verordnung zuständig ist.

Kümmert sich der Bezirk Mitte um die Gestaltungssatzung, oder ist das doch die Aufgabe des Landes Berlin? Von Dassel versichert, dass die Zuständigkeit derzeit geprüft werde. Doch das kostet Zeit und bessert die Situation am Alex nicht.

Bis die Verordnung in Kraft treten kann, will von Dassel dem unkoordinierten Treiben am Alexanderplatz nicht tatenlos zu sehen. Deshalb hat der Bezirksbürgermeister mehr Kontrollen durch Ordnungsamtsmitarbeiter vor Ort angekündigt. Rund 50 Mitarbeiter sollen beispielsweise den Schilderwald lichten oder die Begehbarkeit der Fußwege im Blick behalten.