Berliner Museen

Märkisches Museum bietet Berliner Stadtschichte pur

Von der Eiszeit bis heute: Im Märkischen Museum wird durch die bald 800-jährige Geschichte Berlins geführt. 2022 wird das Haus saniert.

Kinder begutachten eine Ritterrüstung im Märkischen Museum.

Kinder begutachten eine Ritterrüstung im Märkischen Museum.

Foto: Setzpfandt/ Märkisches Museum / Setzpfandt / Märkisches Museum

Mit seinem hoch aufragenden Turm, dem spitz zulaufenden Dach und den detailliert verzierten Fassaden mutet das Märkische Museum, das unweit des S-Bahnhofs Jannowitzbrücke am Rand des Köllnischen Parks in Mitte liegt, wie ein jahrhundertealter Bau an. Tatsächlich ist es ein Relikt des Historismus. Jener Epoche vom Ende des 19. Jahrhunderts, in der es überall in Deutschland en vogue war, neue Gebäude in alten Stilen zu errichten.

Mit der geschichtsträchtigen Gestaltung wollte der Berliner Stadtbaurat Ludwig Hoffmann (1852–1932) den Besuchern schon beim Blick auf das Haus deutlich machen, was sie im Inneren erwartet: Stadtgeschichte, von der ersten Besiedlung Berlins im ausgehenden 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart. 1908 wurde das Museum eingeweiht, bis heute ist es eines der zentralen Ausstellungshäuser der Stiftung Stadtmuseum Berlin, die künftig auch die Berlin-Ausstellung im Humboldt Forum kuratieren wird.

„Das Haus war einst ein moderner Museumsbau. Heute entspricht es nicht mehr dem Zeitgeist. Die Räume sind sehr unterschiedlich, manche sehr groß, manche sehr klein, mal lichtdurchflutet, in anderen gibt es kaum Licht. Das passt heute nicht mehr“, sagt Peter Lummel. Der Kurator der aktuellen Dauerausstellung „BerlinZEIT – Geschichte kompakt“, die es seit Juni 2018 zu sehen gibt, deutet damit bereits die groß geplante Sanierung des Objekts an, die Ende 2022 beginnen soll. 65 Millionen Euro werden hierfür aufgewendet. In etwa drei Jahren Bauzeit sollen aus dem Märkischen Museum und dem vis-à-vis liegenden „Marinehaus“, das bis dato eine Ruine war, das Museums- und Kreativquartier am Köllnischen Park werden – samt Stadtlabor und Begegnungsort. Bis es so weit ist, entschied sich die Stiftung trotz kurzer Laufzeit dafür, eine neue Dauerausstellung zu konzipieren.

Händler Conrad von Beelitz zählt zu den Gründervätern der Stadt

„Willkommen sind alle Gäste, die sich irgendwie für die Stadt interessieren“, so Lummel. Wichtig war dem Kurator ein niedrigschwelliger Zugang. „Wer mag, kann Berliner Stadtgeschichte in einer Stunde erleben. Das zieht auch Menschen an, die stundenlange Museumsbesuche sonst abschrecken.“ Das Konzept ist denkbar simpel: Anhand prägnanter Daten, ausgewählter Objekte und exemplarischer Biografien werden verschiedene Wendepunkte in der Berliner Geschichte beleuchtet.

In einem der ersten Räume sehen Besucher das Skelett eines Hausschweines aus der frühen Besiedlungsphase im ausgehenden 12. Jahrhundert. An der Wand strahlt eine Projektion des ersten bekannten Berliners, Conrad von Beelitz, dessen Statue in der Waffenhalle steht und der einer der wichtigsten Fernhändler der jungen Doppelstadt Berlin-Cölln war, die 1237 erstmals urkundlich erwähnt wurde. In einem anderen Raum geht es um die „Zähmung“ der Berliner, ab 1442 wandelten die Hohenzollern, denen die Mark Brandenburg überlassen wurde, Berlin in eine Residenzstadt um. Eines der spannendsten Objekte neben dem bis Mai dieses Jahres ans Deutsche Historische Museum (DHM) ausgeliehenen, originalen Pferdekopf der Quadriga vom Brandenburger Tor: die Schutzkleidung eines Pestarztes aus dem 17. Jahrhundert, mitsamt der vor allem aus Italien bekannten Schnabelnase.

Der Ritt durch die Stadtgeschichte lässt keine entscheidenden Phasen aus: vom geologischen Erbe der Eiszeit über die Verwüstungen während des Dreißigjährigen Krieges bis hin zum Bevölkerungsboom im 19. und 20. Jahrhundert, als Berlin zum Zentrum des Kaiserreiches und zur Millionenstadt avancierte. In kürzester Zeit erfährt man, wie 1685 infolge des Toleranzedikts die Hugenotten in die Stadt kamen und die Ernährungsgewohnheiten der Berliner beeinflussten. Man sieht, welchen Einfluss Rudolf Virchow auf den Bau der Kanalisation hatte und welcher Fortschritt mit der Vereinheitlichung des öffentlichen Nahverkehrs mit Gründung der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) einherging. Auch die Goldenen Zwanziger, die Machtergreifung der Nationalsozialisten, die Teilung der Stadt sowie der Fall der Mauer und der daraufhin einsetzende Prozess der Wiedervereinigung werden beleuchtet.

Audioguide, Medienstationen, Sonderausstellung

„Unser Audioguide bietet komplexe historische Zusammenhänge einfach durch Storytelling vermittelt“, so der Kurator. Daneben gibt es mehrere Medienstationen sowie „Eingriffe“ verschiedener Berliner, die sich an der Ausstellungskonzeption beteiligten und ihre Sicht auf die Stadt verdeutlichten. Zu sehen etwa bei der Beschreibung von Claire Waldoff als Ikone der Lesbenbewegung. Jungen Besuchern wiederum schildert der Köpenicker Rapper Romano seine subjektive Sicht auf Stadtgeschichte, die ebenfalls mithilfe des Audioguides abrufbar ist.

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens von Groß-Berlin zeigt das Märkische Museum ab Ende April die Sonderausstellung „Chaos & Aufbruch – Berlin 1920 | 2020“. Die zentrale Frage dabei lautet: Wie kann Großstadt gelingen – damals wie heute?

Museums-Info

Adresse: Märkisches Museum, Am Köllnischen Park 5, Mitte, Tel. 24 00 21 62, Karten: 5, erm. 2,50 Euro, bis 18 Jahre Eintritt frei, jeden ersten Mittwoch im Monat Eintritt frei.

Führungen & Workshops unter anderem für Schulklassen können telefonisch unter Tel. 24 00 21 62 oder auf der Website des Hauses unter www.stadtmuseum.de gebucht werden. Öffentliche Führungen finden jeden zweiten und vierten Sonntag im Monat um 14 Uhr statt. Preis: 8, erm. 4,50 Euro inkl. Museumseintritt, Anmeldung ist hierfür nicht erforderlich.

Vorführung: Pianola, Orchestrion, Grammophon und Co. – Vorführung mechanischer Instrumente, jeden Sonntag um 15 Uhr, Treffpunkt im Eingangsbereich