Stadtgeschichte

150 Jahre alt - Das Rote Rathaus feiert Jubiläum

Im diesem Jahr wird die erste Tagung der Stadtverordneten im Rathaus im Jahr 1870 gefeiert. Für das damalige Berlin ein großes Symbol.

Der Turm des Roten Rathauses Berlin

Der Turm des Roten Rathauses Berlin

Foto: Reto Klar

Manches zeichnet Berliner Bauprojekte nicht erst seit der Kostenexplosion am BER aus: Sie werden teurer als geplant. Dieses Schicksal ereilte schon Berlins Rathaus im 19. Jahrhundert. Für den Bau der neuen Stadtverwaltung waren ursprünglich einmal 880.000 Thaler vorgesehen. 1,8 Millionen Thaler genehmigten später die Verordneten. Am Ende jedoch betrugen die Baukosten mehr als 2,2 Millionen Thaler. „Das war auch damals schon typisch Berlin“, sagt die Stadthistorikerin Martina Weinland vom Berliner Stadtmuseum mit einem Lachen.

„Typisch Berlin“ ist längst auch das Gebäude selbst, das wegen seiner charakteristischen Backsteinfassade überall nur Rotes Rathaus genannt wird. Am Montag vor genau 150 Jahren, am 6. Januar 1870, trat die Berliner Stadtverordnetenversammlung erstmals im neugebauten Rathaus zusammen. Das Land Berlin nimmt diesen Termin zum Anlass, ein Jubiläumsjahr samt Feierlichkeiten und Veranstaltungen einzuläuten.

Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD): „Das Haus aller Berliner.“

„Seitdem der Grundstein des Roten Rathauses gelegt worden ist, verbindet sich mit diesem Gebäude im Herzen der Stadt der Gestaltungsanspruch ihrer Bürgerschaft“, teilte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) anlässlich des Jahrestages mit. „Wir nutzen das Jubiläumsjahr, um das Rote Rathaus noch mehr zum Haus aller Berlinerinnen und Berliner zu machen.“

Lange bevor das Backsteingebäude dereinst entstehen sollte, mangelte es Berlins Stadtverwaltung vor allem an einem: Platz. Die Situation im alten Berliner Rathaus war seit Beginn des 19. Jahrhunderts immer weniger haltbar gewesen, schreiben die Autoren des gerade erschienen Buchs „Das Rote Rathaus in Berlin – Eine politische Geschichte“, veröffentlicht vom Landesarchiv Berlin in Verbindung mit der Historischen Kommission zu Berlin.

Der kleine, etwas windschiefe Bau war marode und genügte den Ansprüchen der aufstrebenden Hauptstadt des Staats Preußen in keiner Weise. Auch die Stadtverordneten beklagten sich, mussten sie doch aus Platzmangel im alten Cöllnischen Rathaus tagen. Verwaltung und Politik waren sich ab Mitte der 1850er-Jahre mehr und mehr einig: Ein Neubau musste her.

Kritikern galt der Bau als „in Stein verewigte Mißgeburt“

Da in einem ausgelobten Architektur-Wettbewerb alle eingereichten Entwürfe durchfielen, wurde schließlich der königliche Bauinspektor Friedrich Waesemann mit Konzeption und Bau des neuen Rathauses beauftragt. Auf ungeteilte Zustimmung stießen jedoch auch seine Entwürfe nicht.

Teile der Presse droschen (typisch Berlin) darauf ein. Von einer „monumentalen Blamage“ und „in Stein verewigte Mißgeburt“ war damals die Rede. Tatsächlich wurden auch Waesemanns Pläne überarbeitet, erst so kam das Gebäude zu seinem mächtigen Turm. Das Interesse der Öffentlichkeit am neuen Rathausbau war zu diesem Zeitpunkt bereits immens. Zur feierlichen Grundsteinlegung am 11. Juni 1861 im Beisein des späteren Kaisers, König Wilhelm I., kamen fast 3000 Gäste.

1865 wurde der erste Bauabschnitt fertig

1865 konnte der erste Bauabschnitt fertiggestellt werden. Ab nun hielt die Stadtregierung hier ihre Sitzungen ab. Das Gebäude wurde schließlich 1869 vollendet. Plötzlich stach ein mächtiger, hundert Meter hoher Turm aus Berlins Zentrum heraus. „Zum ersten mal gibt es damit eine Repräsentanz für die Stadtgesellschaft“, sagt Historikerin Weinland. Mit einiger Symbolkraft, denn der neue Bau überragte die Kuppel des nahen Schlosses deutlich. „Das hat ja Wilhelm den II. enorm geärgert“, erklärt die Stadtgeschichtskundlerin.

Mit Jahresbeginn 1870 konnte auch die Stadtverordnetenversammlung dort tagen. „Dieses Gremium war die gewählte Vertretung der Berlinerinnen und Berliner“, betont Michael Müller. Wie sehr schon diese Stadtverordnetenversammlung für Demokratie gekämpft habe, zeige die Durchsetzung der Öffentlichkeit ihrer Sitzungen, so der Regierende Bürgermeister. „Das war unter den autoritären Bedingungen des Kaiserreichs ein mehr als nur symbolischer Erfolg.“

Der Turm überragte das Schloss, zum Ärger des Kaisers

Erstaunlich ist, wie stark manche Themen der damaligen Zeit den Debatten im heutigen Berlin ähneln: Über die neue „Verordnung über den Lastwagenverkehr“ diskutierten die Stadtverordneten in ihrer Sitzung im März 1874. Neun Straßen und vier Brücken sollten nach dem Entwurf der neuen „Fahrordnung“ zwischen 11 und 20 Uhr für den Lastverkehr gesperrt werden.

Die Regelung greife „sehr tief in alle geschäftlichen und Verkehrsverhältnisse unserer Bürgerschaft ein“, kritisierte der Verordnete Bertheim in der Sitzung. Würden die Brücken gesperrt, würden die Lastwagen „große Umwege machen müssen“. Straßensperrungen für Transportwagen im Zentrum? Die Debatte erinnert stark an die Diskussion um die 2019 eingeführten Dieselfahrverbote.

Bürger waren durch die Stadtverordneten kaum wirklich vertreten

Auch durch die Stadtverordnetenversammlung waren die Berliner wegen des preußischen Drei-Klassen-Wahlrechts jedoch nur bedingt vertreten. Ohnehin klafft zwischen dem symbolischen Anspruch durch den mächtigen Bau und der tatsächlichen Macht von Magistrat und Stadtverordneten zur damaligen Zeit eine große Lücke. Preußen und das Kaiserreich hatten letztlich weiterhin in vielen Punkten das Sagen. Als „extrem ambivalent“ bezeichnet der Stadthistoriker Benedikt Goebel den Bau. Er repräsentiere einerseits den Bürgerstolz, gleichzeitig aber auch Preußen und das Deutsche Reich selbst.

Der Fokus der Feierlichkeiten im Jubiläumsjahr wird dennoch auf der Bedeutung des Ortes für Demokratie und Stadtgesellschaft liegen. Mit einer eigens produzierten Serie auf den Social-Media-Kanälen der Senatskanzlei werde ab Februar jede Woche ein besonderes Thema rund ums Rathaus vorgestellt, teilt Müller mit. Zudem findet im Sommer auf dem Rathaus-Forum ein großes Bürgerfest statt.

Das werde kaum reichen, um das Haus der Stadtgesellschaft wieder näher zu bringen, befindet Historiker Goebel. „Die Berliner haben mit dem Roten Rathaus nichts am Hut.“ Er fordert, Standesamt und Meldestelle im Sitz des Regierenden Bürgermeisters einzurichten. „Dann hätten die Berliner eine Verbindung dazu.“ So bleibt der Blick der Berliner auf das Rathaus wohl distanziert: Ein roter, großer Turm, aus der Ferne.