Stadtentwicklung

Europacity wartet auf den Bahn-Anschluss

In der Europacity entsteht ein Viertel für Tausende Bewohner. Doch einen benötigten S-Bahnhof hat der Senat bis heute nicht bestellt.

Mit der Europacity entsteht mitten in Berlin ein ganz neues Viertel.

Mit der Europacity entsteht mitten in Berlin ein ganz neues Viertel.

Foto: Christian Latz

Die ersten Wohnungsblocks in der Europacity in Mitte sind bereits bezogen. Grundsteine für neue Bürobauten wurden gelegt, und auch die Arbeiten für die künftige Grundschule des Viertels laufen. Nur bei einem, für die Europacity allzu wichtigen Projekt passiert weiterhin nichts: dem S-Bahnhof Perleberger Brücke.

S-Bahnlinie S21 nur zwischen Gesundbrunnen und Hauptbahnhof

Die Europacity ist ein Riesenprojekt. Mitten im Zentrum Berlins entsteht derzeit ein komplett neues Stadtviertel. In wenigen Jahren sollen auf dem Gebiet nördlich des Hauptbahnhofs 6000 Menschen wohnen. Zugleich entstehen neue Schulen, Kitas und Büroflächen für 9000 Arbeitsplätze. Ein Quartier dieser Dimension braucht eine entsprechende Anbindung. Deshalb wurde einst ein S-Bahnhof an der Perleberger Brücke ganz im Westen Moabits geplant.

Dort soll unter anderem die neue S-Bahnlinie S21 halten. In ferner Zukunft soll die Nord-Süd-Strecke vom Bahnhof Gesundbrunnen bis zum Südkreuz führen. Voraussichtlich 2021 geht zunächst nur der erste Bauabschnitt in Betrieb. Er verbindet den Hauptbahnhof über Wedding mit dem Bahnhof Gesundbrunnen. Ab 2026 sollen über die neuen Gleisanlagen auch Züge von der westlichen Ringbahn kommend zum Hauptbahnhof fahren. Nur an der Perleberger Brücke wird die S-Bahn bis auf Weiteres nicht halten können.

Kommentar: Wer die Verkehrswende will, muss die Europacity anbinden

Zwar reichen die Pläne für den S-Bahnhof über ein Jahrzehnt zurück, doch bis heute hat die zuständige Senatsverkehrsverwaltung den Bau nicht bei der Deutschen Bahn (DB) bestellt, teilt das Unternehmen mit. Wann es soweit sein wird, ist unklar.

Auch der Senat hält den S-Bahnhof für sinnvoll – doch bestellt ihn noch nicht

An der Bedeutung der Anbindung aus verkehrsplanerischer Sicht zweifelt auch die von Senatorin Regine Günther (Grüne) geführte Verkehrsverwaltung nicht. Wegen des neuen Stadtquartiers in der Europacity und der zu erwartenden hohen Nachfrage sei ein Bau „aus verkehrlicher Sicht sinnvoll“, teilte die Verwaltung bereits im vergangenen Jahr mit.

Der Bahnhofsbau scheitert jedoch bis heute an Formalien. Für den Doppelhalt an der Perleberger Brücke Richtung Gesundbrunnen und zum Westhafen ist eine aufwendige und entsprechend teure Pfeilerkonstruktion vorgesehen. Ob sich der finanzielle Aufwand lohnt, muss eine Kosten-Nutzen-Untersuchung klären. Laut Verkehrsverwaltung wurde diese 2018 in Auftrag gegeben. Die Ergebnisse lägen jedoch noch nicht vor, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. Immerhin: „Eine formale Bestellung des Bahnhofs bei der DB ist vorgesehen“, sobald alle Voraussetzungen dafür vorlägen, heißt es von der Verkehrsverwaltung. Erste Vorleistungen für den Bahnhof seien beim Bau der S21 bereits berücksichtigt worden.

Immobilienunternehmen kritisieren Senatsverkehrsverwaltung

Bei Investoren in der Europacity sorgt das mangelnde Tempo der Verkehrsverwaltung für Ärger. „Wir halten es für dringend geboten, dass es mit größerer Dynamik als bisher vorangeht, diesen S-Bahnhof zu realisieren“, sagt Markus Diekow, Sprecher von CA Immo. Das Immobilienunternehmen ist der größte Grundbesitzer in der Europacity und baut eine Vielzahl von Gebäuden im Quartier. Dort zögen künftig viele neue Bewohner hin, so Diekow. Für die müsse es eine vernünftige, öffentliche Verkehrslösung geben. „Wir alle wollen zusätzlichen Individualverkehr vermeiden. Das geht nur, wenn weitere ÖPNV-Angebote geschaffen werden.“ Man wünsche sich, dass der Halt so schnell wie möglich kommt.

Auch vom Bezirk Mitte gab es immer wieder kritische Stimmen zur Hängepartie. Der neue Halt wäre neben der Europacity ebenfalls für die per ÖPNV nicht gut erschlossenen Gegenden in Moabit-Ost wichtig, sagte Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) wiederholt.

Auf lange Sicht heißt es auch dort: warten. Sollte die Verkehrsverwaltung der Deutschen Bahn tatsächlich irgendwann den Auftrag erteilen, mit dem Bau zu beginnen, wird es noch rund ein weiteres Jahrzehnt dauern, bis wirklich ein S-Bahn-Zug an der Perleberger Brücke hält. Solange veranschlagt die Deutsche Bahn nach Auskunft, um den Bahnhof zu planen und anschließend zu bauen. Was jetzt schon klar ist: Der Bau der Station wird die wohl ab 2021 fahrende Kurzlinie der S21 massiv beeinträchtigen. Möglicherweise muss die neue Verbindung dann erstmal wieder unterbrochen werden.

S21 entfaltet erst ab Mitte der 2030er volle Wirkung

Ihre vollständige Bedeutung für den Berliner Nahverkehr wird die S21 wohl ohnehin erst Mitte der 2030er-Jahre entfalten. Dann sollen auf der neuen Nord-Süd-Strecke der S-Bahn durch das Stadtzentrum auch der zweite und dritte Bauabschnitt fertiggestellt werden. Nach langen Verhandlungen haben Deutsche Bahn und Bundestagsverwaltung sich nun mit deutlicher Verzögerung auf einen Streckenverlauf unter dem Regierungsviertel geeinigt. Die Fahrt endet damit künftig nicht mehr am Hauptbahnhof, sondern führt über den Potsdamer Platz zu den Bahnhöfen an der Yorckstraße und weiter.

Unterwegs halten die Züge auch am neuen S-Bahnhalt Gleisdreieck. Besonders davon versprechen sich Verkehrsexperten viel. Endlich können Fahrgäste dann von der Nord-Süd-S-Bahn auf die U-Bahnlinien U1 bis U3 umsteigen. Wohl jedoch erst um das Jahr 2035.