Bildung

Die vergessene Schule von Wedding

Berlin tritt für seine Schulbauoffensive ein. Doch das fruchtet nicht überall, wie das Beispiel einer Sekundarschule in Wedding zeigt.

Große Pause in der Ernst-Schering-Schule –  ein Teil der Schüler bleibt in den beiden Freizeiträumen. Eine Stimmung wie im Wartebereich des Busbahnhofes.

Große Pause in der Ernst-Schering-Schule – ein Teil der Schüler bleibt in den beiden Freizeiträumen. Eine Stimmung wie im Wartebereich des Busbahnhofes.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Berlin. Das geschlossene Tor hält die krasse Welt draußen. Aber die Schüler wollen raus, zumindest einige. Sie drängen als Traube gegen die schwere Holztür und versuchen ihr Glück. Die Lehrerin steht mit verschränkten Armen davor und wehrt alle ab. Es ist Pause in der Ernst-Schering-Schule in Wedding, einer Sekundarschule, die bis zur zehnten Klasse geht. Wer es durch das Tor schafft, ist weg. Der taucht an diesem Tag nicht mehr in der Schule auf. Hängt lieber im Kiez rum, im Einkaufscenter, auf der Müllerstraße.

Die Schüler argumentieren. „Ich hab ‘nen Termin.“ – „Ich bin PL-Schüler.“ PL steht für Praktisches Lernen. Oder einfach nur: „Ich will raus!“ – „Nein, nein, nein“, sagt die Lehrerin freundlich, aber bestimmt. „Schulpflicht.“ Sie beißt in ihre Pausenstulle. „Mir ist so kalt, ich will weg“, jammert eine Schülerin. „Mach doch einfach mal die Jacke zu“, empfiehlt die Lehrerin. Geht das jede Pause so? „Jede Pause“, sagt die Lehrerin und lacht.

500 Schüler sind hier angemeldet, alle zwischen zwölf und 18 Jahre alt. 60 Prozent sind Jungen. Sprachprobleme sind chronisch, 90 Prozent der Schüler kommen aus Elternhäusern, in denen nicht oder kaum Deutsch gesprochen wird. Männlich und migrantisch – auch laut der Pisa-Studie 2019 wieder die Bildungsverlierer. Die Ernst-Schering-Schule kämpft mit vielen Problemen, Schuldistanz ist nur eines davon. Die Fehlzeiten lagen im letzten Schulhalbjahr 2018/19 bei 13 Prozent, doppelt so hoch wie der Berliner Durchschnitt. Häufig bleibt das Fernbleiben unentschuldigt, Schulversäumnisanzeigen helfen kaum.

Das neue Motto: „Wir wollen, dass Du es schaffst“

Aber die gute Nachricht ist: Das Kollegium kämpft dagegen an. Sinnbild dafür ist die Aufsicht am Tor, die zu jeder Pause Schüler davon abhält, einfach abzuhauen. Seit einem Jahr hat man endlich wieder eine Schulleiterin, zwei Jahre lang war der Posten verwaist, und der stellvertretende Schulleiter musste kommissarisch alles alleine stemmen. Das ist vorbei. „Wir wollen, dass Du es schaffst“, heißt das neue beherzte Motto, das sich die Schule gegeben hat.

„Die Schule ist wie ein Leuchtturm im Viertel“, so sieht es der stellvertretende Schulleiter Chris Ziesig. „Ein Leuchtturm, wo tagsüber die Zugbrücke hochgeht.“ Zwei Bilder verschmelzen hier ineinander: der orientierende Leuchtturm, dessen Licht weit strahlt. Und die sichere Burg, die jeden Tag ein paar Schulstunden lang vor dem schützt, was in der Umgebung passiert. Vor der Dealerei, der allgegenwärtigen Kriminalität und Gewalt. Eine Klingelanlage verhindert Eindringlinge – das ist hier nötig.

Die Schüler an der Ernst-Schering-Schule können beides gebrauchen: Orientierung und Schutz. Denn ihr Leben draußen ist voller Härten. Die meisten Familien sind arm, leben von Sozialtransfers. Viele haben viele Geschwister, die Wohnungen sind überfüllt, an ein eigenes Zimmer ist nicht zu denken. Zum Lernen gibt es keinen Rückzugsort. Bildung, wird zu Hause vermittelt, sei keine Perspektive, sondern Hartz IV. Zu Sprechtagen tauchen Eltern nur selten auf. Auch Fälle völliger Verwahrlosung kennt man hier.

An dieser Schule werden nicht alle Abitur machen

Die Schule könnte für diese Schüler der Ort sein, wo die Welt besser ist. Wo aufgezeigt wird, was alles möglich ist: im Kopf, aber auch mit den Händen. Hier werden am Ende nicht alle das Abitur machen, was völlig in Ordnung ist. Das Handwerk braucht dringend gute Auszubildende. Lange hatte die Ernst-Schering-Schule üppig ausgestattete Werkstätten, in denen Schüler sich ausprobieren konnten. Doch das ist Geschichte.

Denn die Schule, die aus dem Jahr 1913 stammt, ist in baufälligem Zustand. Wäre sie tatsächlich ein Leuchtturm oder eine Burg, niemand würde mehr in so einem heruntergekommenen Ort leben wollen. Der riesige Keller, in dem früher die Holz- und Keramikwerkstatt lagen, ist seit Jahren gesperrt. Schimmelbefall. Der soll jetzt angeblich weg sein, nachdem eine Firma mit großen Entlüftern kam, doch freigegeben wurden die Räume trotzdem nicht. Weil, laut Behörde, die Ursache des feuchten Kellers ja nicht beseitigt worden sei. „Betreten verboten“, die Warnung prangt alarmrot an den Kellertüren. Was unten im Keller lagerte, musste weggeschmissen werden. Schulmaterial und Werkstattausstattung im Wert von 280.000 Euro landeten in Müllcontainern.

In den Etagen darüber sieht es nicht besser aus. Die Klassenzimmer sind stark sanierungsbedürftig, im dritten Stock finden sich tiefe Löcher in den Wänden, Kabel hängen frei, Steckdosen liegen offen. Die Elektrik ist eine Katastrophe, auch deshalb gibt es nur sechs funktionierende Whiteboards, der Rest nutzt die gute alte Tafel. Wlan funktioniert mehr schlecht als recht durch eine abenteuerliche Anlage des Hausmeisters. Das Mobiliar ist zusammengewürfelt. Eine Lehrerin zieht eine Drehtafel vor, dahinter klaffen tiefe Risse in der Wand. Trotzdem wird hier unterrichtet, nur ein Klassenraum ist gesperrt. Da ging es wirklich nicht mehr. Ansonsten wird jeder Quadratmeter gebraucht. Die Schule platzt aus allen Nähten.

Schulleiterinn schämt sich für Zustand ihrer Schule

„Das hat hier den Charme zwischen Gefängnis und Krankenhaus“, sagt die Schulleiterin Friederike Beyer, während sie durch die kahlen Schulflure geht. „Ich schäme mich.“ Unten wurden zwei Klassenräume zum Freizeitbereich umgebaut, mit Billardtisch und Sofas. Es ist Pause – und unglaublich voll hier. Überall Schüler, manche sichtbar übermüdet. Es ist so eng, ein Wunder, dass sich niemand an die Gurgel geht.

Elementare Dinge funktionieren nicht. Die provisorisch eingerichtete Mensa, das gibt auch der Bezirk zu, sei nicht funktionstüchtig. Zu klein geplant, mehr als gut 70 Schüler können hier nicht gleichzeitig essen. Doch was sollten sie auch essen? Es gibt nichts Warmes, alle Caterer winkten ab. In der Küche darf keine Spülmaschine aufgestellt werden, weil der Fettabscheider fehlt. Passt bei der Enge nicht rein. Die Schüler haben ihre Versorgung nun selbst organisiert, sie schmieren Brötchen, die auf Papptellern serviert werden. Doch es gibt Schüler, die bräuchten dringend ein warmes Essen, zu Hause ist der Kühlschrank leer. Trotzdem passiert nichts. Warum? Es werde ja bald eine neue Mensa gebaut, argumentiert der Bezirk.

Denn eigentlich sollte ab nächstem Jahr alles besser werden. Für die Ernst-Schering-Schule ist eine Gesamtsanierung vorgesehen, die knapp über zehn Millionen Euro kosten wird. Im nächsten Jahr sollte damit begonnen werden, gerade diese Schule galt als besonders dringlich. Doch dann schaffte es der Bezirk Mitte nicht, pünktlich geprüfte Bauplanungsunterlagen (BPU) bei der Senatsverwaltung für Finanzen einzureichen. Die ersten 500.000 Euro, die im Haushalt 2020 für die Sanierung vorgesehen waren, sind damit weg.

Die Ernst-Schering-Schulew wird tot geschwiegen

Vor der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) musste sich der Schulstadtrat von Mitte, Carsten Spallek (CDU), deshalb erklären. Insgesamt fehlen in seinem Bezirk bei sechs Schulen die Bauplanungsunterlagen. Bei dreien, sagte er den Verordneten, kriege man es bestimmt irgendwie noch hin. Bei zwei anderen Schulen scheint auch noch was möglich zu sein. Die Ernst-Schering-Schule erwähnte er an diesem Abend mit keinem Wort. Sie wird einfach totgeschwiegen.

Niemand scheint rechte Lust zu haben, diese Schule zu sanieren. Mit über zehn Millionen Euro ist das Bauprojekt eigentlich zu groß für den Bezirk. Man habe deshalb um Amtshilfe bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gebeten, damit die übernehmen, hatte Spallek zuvor im Schulausschuss seines Bezirkes behauptet. In der Senatsverwaltung dementiert man das. Von einem Amtshilfeersuchen wisse man nichts. Die Wohnungsbaugesellschaft Howoge, auch auf diesem Feld tätig, zeigt ebenfalls kein Interesse. So vergammelt die Ernst-Schering-Schule im toten Winkel der Berliner Schulbauoffensive.

„Wir erfahren nichts“, sagt Schulleiterin Beyer. Keiner gehe ans Telefon, wenn sie Informationen wollten. Niemand lässt sich hilfreich blicken: weder der Schulstadtrat, noch die Staatssekretärin für Bildung, geschweige denn die Schulsenatorin. Seit Jahren nicht. Dies ist kein Ort, mit dem Politiker sich schmücken können. Die Quote von Abgängern ohne Schulabschluss lag zuletzt bei 38 Prozent. Das ist selbst für Weddinger Verhältnisse extrem hoch. Doch statt sich als Verwaltung gerade um diese Schule zu kümmern, wird das Schmuddelkind gemieden, ist der Eindruck in der Schule.

In dieser Schule wohnt keine Hoffnung

Alles, was die Hauptstadt herausfordert, wird hier aufgefangen. Es gibt Klassen des Praxislernens, wo Schüler ihre Schuldistanz überwinden sollen. Es gibt ungewöhnlich viele Willkommensschüler, ein so hübsches Wort für Jugendliche, die oft viel zu viel erlebt haben und zwischen den Welten hängen. Und es gibt die ganz normale Armut. Bildung ist für diese Schüler die einzige Hoffnung, die einzige Fahrkarte in ein besseres Leben. Ansonsten haben sie nicht viel zu erwarten.

So wie die Ernst-Schering-Schule aber baulich aussieht, wohnt hier keine Hoffnung. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) wird nicht müde, von idealen Schulen zu schwärmen, die „Lern- und Lebensorte“ seien. Das ist ihr Anspruch in Berlin – für alle. Doch hier ist nichts schön, nichts gut gemacht, nichts heil, nichts freundlich. Außer dem Kollegium. Die Schule lebt vom Enthusiasmus der Mitarbeiter. Er ist ihre einzige Ressource.