Baufällige Schulen

Lebensgefahr: Marode Turnhalle in Mitte wird gesperrt

Im Bezirk Mitte muss eine Turnhalle wegen eines möglichen Einsturzes gesperrt werden - Sinnbild für viele Berliner Schulen.

Blick auf die einsturzgefährdete Turnhalle der Charlotte-Pfeffer-Schule in Mitte.

Blick auf die einsturzgefährdete Turnhalle der Charlotte-Pfeffer-Schule in Mitte.

Foto: Jörg Krauthöfer / Funke Foto Services

Das Betonteil krachte von der Fassade, als der Bauzaun schon eine Woche lang den Weg zur Turnhalle versperrte, sagt Mittes Schulstadtrat Carsten Spallek (CDU). Die Sporthalle der Charlotte-Pfeffer-Schule schien nachträglich zeigen zu wollen, wie richtig es war, sie wegen akuter Einsturzgefahr zu schließen. „Das ist der Beleg, dass die Sperrung absolut notwendig ist“, so Spallek. Seit den Herbstferien darf die Turnhalle unweit der Karl-Marx-Allee nicht mehr betreten werden. Zuvor sei bereits der Boden eingebrochen, berichtet der Stadtrat.

Die Turnhalle sollte ohnehin nach Plan noch in diesem Schuljahr abgerissen werden. Wie schlecht ihr baulicher Zustand wirklich ist, war lange dennoch nicht klar. Das Sportgebäude sowie der gesamte Bau der Charlotte-Pfeffer-Schule stehen in jedem Fall beispielhaft für einen beträchtlichen Teil der Berliner Schulinfrastruktur. Egal wie marode manche Bauten auch sind, aus purer Platznot müssen sie bis zum letzten Tag weiter genutzt werden. Eine Situation, unter der Schüler und Lehrkräfte gleichermaßen leiden.

Fällt eine Turnhalle unerwartet aus, ist das für jede Schule ein Problem. Die Charlotte-Pfeffer-Schule trifft es damit besonders hart. Die Bildungseinrichtung hat den Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“. Derzeit werden rund 140 geistig und körperlich behinderte Schülerinnen und Schüler unterrichtet und betreut. „Sportunterricht und Bewegungstherapien können nicht mehr angeboten werden“, sagt Schulleiterin Christina Wagner. Für die Schule sei das „ein fürchterlicher Zustand“.

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Lehrkräfte kommen an ihre Grenzen

Dabei arbeitet die Schule ohnehin seit Jahren an der Belastungsgrenze. Denn baufällig ist nicht nur die Sporthalle. Auch der restliche Schulkomplex ist marode und muss dringend saniert oder abgerissen werden. „Es wird Zeit, dass der Bau fertig wird, da unser Provisorium langsam zusammenfällt“, sagt die Rektorin. Barrierefrei sei es auch nicht.

Zuvor muss jedoch ein Neubau her. Der entsteht gleich nebenan auf dem Schulgelände, dort wird bereits seit 2015 gebaut. „Seit Jahren haben wir hier bei laufendem Schulbetrieb eine Baustelle“, sagt Wagner. Den Kindern und Jugendlichen, besonders jene im Autismusspektrum oder mit komplexen Mehrfachbehinderungen, wie es die Schulleiterin nennt, mache dies enorm zu schaffen. Lärm und Vibrationen der Baugeräte belasteten sie schwer.

Prasselt all das auf die Kinder ein, steigt das Aggressionspotenzial. Die Gewaltfälle nehmen zu. Umso wichtiger war das Sportgebäude, sagt die Rektorin: „Wenn es besonders laut war, konnten wir bisher in die Turnhalle gehen.“ Dort hätten die Kinder motorische Entlastung gefunden. „Das geht jetzt nicht mehr.“ Lärm und Stress belasten längst nicht mehr nur die Schüler. Auch unter den Lehrkräften sind viele an ihre Grenzen geraten. Schulstadtrat Spallek spricht von einem Krankenstand von rund 40 Prozent. „Die Kollegen haben langsam die Geduld verloren“, sagt Wagner.

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Auch Sportvereine leiden unter der Situation

Ausweichen auf andere Turnhallen in der Nähe geht kaum. Die Schulleitung habe sämtliche Schulen der Umgebung angeschrieben, sagt Wagner. Doch dort sind die Räume meist schon belegt. Einmal wöchentlich können sie nun die Halle der Gutsmuths-Grundschule und der Helene-Haeusler-Schule nutzen. Für je eine Stunde. Dafür sei man dankbar, sagt die Schulleiterin. Eine Lösung des Problems ist es nicht.

Fallen Schulhallen plötzlich aus, leidet darunter mehr als der Lehrbetrieb. Auch Sportvereine sind auf funktionierende Hallen angewiesen. Im Fall des gesperrten Sportbaus der Charlotte-Pfeffer-Schule trifft es den Basketballverein Berlin Baskets. Der Klub steht unvorbereitet ohne Halle da. „Wir kommen im Moment nicht an unsere dortigen Trainingsmaterialien“, sagt Jugendwartin Franziska Winckelmann. Etliche Trikots und Bälle lagerten noch in den nicht betretbaren Räumen.

Wie es weitergehen soll, ist bei den Basketballern noch nicht klar. „Da es unsere Haupttrainingshalle war, ist es für uns schwierig“, so Winckelmann. Rund 230 Kinder und Jugendliche hätten dort bisher trainiert. Für diese an anderer Stelle Platz zu organisieren, werde schwer, sagt Winckelmann. „Jetzt eine freie Halle zu finden, ist fast unmöglich, damit hat niemand gerechnet.“ Für eine Lösung sei man im engen Austausch mit den Bezirksämtern. Um dennoch weiter Sport treiben zu können, müssten sie nun in ihrer zweiten Halle in Alt-Hohenschönhausen enger zusammenrücken, erklärt die Jungendwartin. Dort werde die Halle vorerst gedrittelt.

Ein halbes Jahr müssen alle noch aushalten

So hoffen Sportverein wie Schule auf baldige Besserung. Bis Mitte 2020 soll zumindest der neue Schulbau fertig sein, hat Schulstadtrat Spallek angekündigt. Den Abriss der Halle will er vorverlegen, damit der Neubau schneller kommt. Seinen Einsatz hebt Wagner lobend hervor. „Herr Spallek unterstützt uns unendlich. Er macht sehr viel dafür, dass es vorangeht.“

Ein halbes Jahr bis zum Umzug in den Neubau müssten Kinder und Pädagogen jetzt noch irgendwie aushalten. Dabei hilft der Schulgemeinschaft auch ein Motto, das die Lehrer am heruntergekommenen Bau aufgehängt haben: „Wir sind viel mehr als eine Baustelle.“