Oranienburger Straße

Neue Synagoge: Menschenkette gegen Antisemitismus

Berlin zeigt Gesicht gegen Antisemitismus: Hunderte Menschen bildeten vor der Synagoge an der Oranienburger Straße eine Menschenkette.

Hunderte Menschen demonstrieren vor der neuen Synagoge gegen Antisemitismus.

Hunderte Menschen demonstrieren vor der neuen Synagoge gegen Antisemitismus.

Foto: Nina Kugler

Berlin. Etwa 300 Berliner haben am Sonntagmittag eine lange Menschenkette vor der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße in Mitte gebildet. Sie demonstrierten gegen Antisemitismus und Fremdenhass. Vertreter von Kirche und Gewerkschaft hatten dazu aufgerufen, „Gesicht zu zeigen“. Die Aktion solle „Solidarität in Trauer und Angst“ mit den Juden in Berlin bekunden, erklärte das Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin. Symbolisch schirmten die Demonstranten die Synagoge ab. Auch Vertreter der katholischen Kirche und der muslimischen Gemeinschaft hatten zu der Demonstration aufgerufen.

Die Menschenkette war mehrere Hundert Meter lang und reichte von der Krausnickstraße bis an die nächste Straßenecke an der Tucholskystraße. Die Stimmung unter den Demonstrierenden war ruhig, beinahe schon andächtig. In der Neuen Synagoge fand der Sukkot-Gottesdienst statt, der traditionell zum Abschluss des jüdischen Laubhüttenfestes gefeiert wird. Draußen hielten sich Hunderte Berliner an den Händen oder hatten sich bei ihrem Nachbarn untergehakt. Familien waren gekommen, Eltern mit ihren Kindern, Großeltern mit ihren Enkeln.

Demonstrantin fürchtet sich vor einer starken AfD

„Es ist furchtbar, was zurzeit in Deutschland passiert“, sagte eine 69 Jahre alte Kreuzbergerin. Der Anschlag in Halle und eine starke AfD würden ihr große Sorgen bereiten, erklärte sie. „Letzte Woche war ich schon bei der ,Unteilbar‘-Demonstration dabei. Da hatte ich mir extra meine Gesundheitskarte eingesteckt, dass ich mich ausweisen kann, wenn ich eins auf die Mütze bekomme.

So weit ist es in Deutschland schon gekommen, dass man sich über so etwas Gedanken machen muss, wenn man gegen Rassismus demonstriert“, berichtete sie weiter. Teil der Menschenkette vor der Neuen Synagoge zu sein, sei für sie ein Zeichen von Humanität, erklärte die 69-Jährige.

Während der rund halbstündigen Demonstration überbrachte Rabbinerin Gesa Ederberg den Demonstranten Grüße ihrer Gemeinde. „Gott sei Dank ist uns vor zwei Wochen nichts passiert, als der Mann mit dem Messer versucht hat, uns anzugreifen. Gott sei Dank ist in der Synagoge in Halle nichts passiert. Aber wir trauern als Gemeinde um die beiden Todesopfer“, sagte die Rabbinerin. Sie mahnte aber gleichzeitig auch an: „Öffentliche Zeichen sind wichtig.

Aufstehen und etwas sagen gegen Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Hass. Im Supermarkt, auf der Arbeit, in der Familie. Das ist manchmal schwer. Man darf nichts durchgehen lassen.“ Ihre kurze Ansprache beschloss Ederberg mit der Parole: „Wir dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen.“

Vor knapp zwei Wochen hatte ein Deutscher schwer bewaffnet versucht, in die Synagoge in Halle an der Saale einzudringen, wo rund 50 Gläubige den jüdischen Feiertag Jom Kippur begingen. Als sein Plan misslang, erschoss er auf der Straße eine 40 Jahre alte Frau und kurz darauf einen 20-jährigen Mann in einem Döner-Imbiss. Es gab mehrere Verletzte. Der 27-Jährige sitzt in Untersuchungshaft. Er hat die Tat gestanden und dabei antisemitische und rechtsextreme Motive eingeräumt. Nur wenige Tage zuvor war in Berlin ein 23-Jähriger überwältigt worden, nachdem er über eine Absperrung an der Neuen Synagoge geklettert war und ein Messer gezückt hatte.