Schrott auf den Straßen

Der ewige Kampf gegen Sperrmüll: So gehen die Bezirke vor

Mit Sondersammlungen will Mitte das Sperrmüllproblem eindämmen. Auch andere Bezirke gehen gegen den Schrott vor. Mit mäßigem Erfolg.

Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel kämpft gegen den Sperrmüll im Bezirk.

Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel kämpft gegen den Sperrmüll im Bezirk.

Foto: Christian Latz / BM

Berlin. Kreuz und quer liegen die Reste eines Furnierregals auf der Straße an der Putlitzbrücke in Moabit. Dazwischen verstreut gebrauchte Kleidungsstücke, Leuchtstoffröhren und ein kaputter Kinderwagen. „Das sieht schrecklich aus“, sagt ein Passant im Vorbeigehen. „Früher war es hier im Kiez nicht so.“ Mittlerweile ist es für die Anwohner jedoch ein gewohnter Anblick, die Gegend um die Brücke ist ein Moabiter Sperrmüll-„Hotspot“ – beileibe nicht der einzige im Bezirk Mitte.

Moabit, Wedding und Gesundbrunnen sind Sperrmüll-„Hotspots“

Auch in Wedding oder Gesundbrunnen stapeln sich an vielen Stellen kaputte Fernseher, Matratzen und anderer Unrat auf den Straßen und in Gebüschen. „Es ist da einfach dreckig“, sagt Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne). Die Menschen führen nicht zur Berliner Stadtreinigung (BSR), sondern stellten ihren Müll oft nur ein Haus weiter auf die Straße und warteten, bis jemand deshalb das Ordnungsamt rufe. Beim Bezirk gingen dadurch im Jahr rund 14.000 Meldungen wegen Abfalls ein, so von Dassel.

Für den Grünen ist der herumliegende Sperrmüll in seinem Bezirk seit langem ein Ärgernis. Nun versucht er, dem Problem mit einer neuen Strategie Herr zu werden: Der Bezirk Mitte organisiert gemeinsam mit der BSR in diesem Herbst neun Sperrmüllsonderabholungen. Jeweils sonnabends können Bürger alte Möbel oder Elektrogeräte an wechselnden „Hotspots“ für illegal abgeladenen Müll in Wedding, Moabit, Gesundbrunnen und Tiergarten an Wagen der BSR abgeben.

Sperrmüll in Berlin - Erste Sammelaktion mit mäßiger Resonanz

Von Dassel bezeichnet die Aktion als Versuch. „Wir wollen gucken, ob die Straßen im Umfeld danach länger sauber bleiben.“ Wenn ja, sei es vielleicht günstiger, den Sperrmüll regelmäßig abholen zu lassen. Die Mittel für die Sondersammlungen stammen aus dem Aktionsprogramm „Saubere Stadt“. „Die sind dazu da, solche Dinge mal auszuprobieren“, sagt der Bezirksbürgermeister.

Die erste Sammelaktion fand am Sonnabendvormittag an der Putlitzbrücke statt – mit mäßiger Resonanz. Rund acht Kubikmeter Sperrmüll sammelte die BSR ein. Nicht alle Stücke davon brachten Anwohner in den Morgenstunden vorbei, vieles vermüllte schon zuvor die Straßen ringsum. „Da haben wir uns mehr erhofft“, sagt Pascal Zimmer von der BSR. Möglicherweise habe es an Werbung und Informationen durch den Bezirk gefehlt. Die Reaktionen aus der Nachbarschaft seien jedoch „durchweg positiv“ gewesen, so Zimmer. Er plädiert trotz der spärlichen Ausbeute für eine Wiederholung. „Damit da für die Menschen eine Gewohnheit reinkommt, wäre es schön, wenn das Bezirksamt das einmal im Quartal bezahlen würde.“

Der Bezirk Mitte hat indessen den Versuch aufgegeben, notorische Sperrmüllsünder mit Privatdetektiven zu überführen. Zwar gelang dadurch Ende 2018 ein Treffer in der Moabiter Zwinglistraße. „So richtig nachhaltig war das aber nicht“, erklärt von Dassel.

Viele Sperrmüllsünder werden nicht erwischt

Vermüllte Straßen sind nicht nur in Mitte ein Problem. Mindestens 223 Buß- und Verwarngelder verhängten die Bezirksämter 2018 und im ersten Halbjahr dieses Jahres, wie aus der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck hervorgeht. In einer weit größeren Zahl der Fälle wurden die Verfahren eingestellt, da kein Schuldiger ermittelt werden konnte.

„Dafür müsste die Kontrolldichte vervielfacht werden“, sagt Pankows Ordnungsstadtrat Daniel Krüger (für AfD). Würde man Täter ertappen, hätte dies eine abschreckende Wirkung und wäre dadurch zielführend. Die Fläche des Bezirks sei allerdings zu groß um flächendeckende Kontrollen zu gewährleisten und Täter auf frischer Tat zu erwischen. Besonders häufig werde der Sperrmüll in Gebieten ohne Wohnbebauung, also Bereichen ohne soziale Kontrolle abgeladen, so Krüger. Betroffen davon seien Kleingartenvereine oder Landschaftsschutzgebiete.

Neukölln gilt als Berlins dreckigster Bezirk

Kostenlose Sperrmüllsammlungen würden häufig schon durch Wohnungsgesellschaften selber organisiert werden, so der Stadtrat. Unterstützung gebe es dafür auch durch die BSR. Mit Senatsmitteln der Aktion „Saubere Stadt“ hat der Bezirk im September 2018 zusätzliches Personal eingestellt. Die Ausbildung der Einsatzkräfte konnte jedoch erst in diesem Jahr erfolgen. „Im Spätherbst werden die acht zusätzlichen Einsatzkräfte den Außendienst verstärken und können dann flexibler eingesetzt werden“, sagt Krüger. Insgesamt sei illegal entsorgter Sperrmüll ein Problem in Pankow, so der Stadtrat. Die Lage sei jedoch nicht beunruhigend – und das Problem weniger stark ausgeprägt als in Neukölln.

Neukölln gilt als Berlins dreckigster Bezirk. Nirgends sonst wird so viel Müll illegal abgeladen. Die BSR säuberte vor rund zwei Wochen den Mittelbuschweg an der S-Bahn-Trasse zwischen den Bahnhöfen Sonnenallee und Neukölln. Insgesamt schaffte die Stadtreinigung hier 18 Kubikmeter Unrat fort – das entspricht dem Volumen von rund 120 Badewannen. 3000 Euro kostete die Säuberung. „Wer seinen Müll illegal entsorgt, macht das auf die Kosten der Allgemeinheit“, sagt Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD).

BSR sammelte in Neukölln vergangenes Jahr 9500 Kubikmeter Unrat

Um dagegen vorzugehen, lässt sich der Bezirk einiges einfallen. So gab es hier lange Zeit sogenannte „Müll-Sheriffs“ – Beschäftigte eines Privatunternehmens, die Müll-„Hotspots“ überwachten. Mittlerweile hat der Bezirk den Vertrag auslaufen gelassen. Mitarbeiter des Ordnungsamts haben die Aufgabe der Sheriffs übernommen. Elf neue Mitarbeiter wurden dafür eingestellt. Die Initiative „Schön wie wir“ verteilt Mini-Aschenbecher an Raucher, damit die ihre Kippen nicht mehr auf die Straße werfen. Oder sie säubert den Landwehrkanal.

Einen nachhaltigen Effekt haben die Aktionen kaum. Allein im vergangenen Jahr wurden in Neukölln insgesamt 9480 Kubikmeter illegaler Sperrmüll entsorgt. Auch am Mittelbuschweg sind rund 14 Tage nach der großen Putzaktion die Straßen und Gehwege schon wieder dreckig: Matratzen, alte Kühlschränke und Farbeimer stehen am Straßenrand.

Ordnungsamt - Mitarbeiter dürfen in Zivil auf Streife gehen

Hoffnungen setzt der Bezirk nun auf eine neue Maßnahme: Seit Freitag dürfen Mitarbeiter der Berliner Ordnungsämter während ihrer Schicht Zivilkleidung tragen. Dies würde dem Ordnungsamt einen ganz neuen Handlungsspielraum eröffnen, sagt Hikel, der die Regelung initiiert hat. „Nur ohne Uniform hat das Ordnungsamt überhaupt eine Chance, gegen die Verwahrlosung des öffentlichen Raums erfolgreich vorzugehen. Denn wer die Streifen schon aus der Ferne sieht, verhält sich meistens gesetzestreu“, erklärt der Bezirksbürgermeister.

Lesen Sie auch:

Hundebesitzer werden diese Woche stärker kontrolliert

Ohne Uniform zum Erfolg

Mitarbeiter der Ordnungsämter dürfen Zivilkleidung tragen

Betriebshof der BSR in Pankow: Klagen über Lärm und Gestank