Verkehr in Berlin

Glühwein, Bratwurst und keine Autos auf der Friedrichstraße

Mit Glühwein, Bratwurst und Hausordnung – Mitte feiert eine 300 Meter lange Sperrung auf der Friedrichstraße als Pilotprojekt.

Nadine Behrenswerth (r.) und Christian Krippahl mit ihren Töchtern Finja und Marie an der Friedrichstraße

Nadine Behrenswerth (r.) und Christian Krippahl mit ihren Töchtern Finja und Marie an der Friedrichstraße

Foto: Uta Keseling / BM

Berlin. Ein bisschen wirkte die Friedrichstraße an diesem Wochenende wie ein Kennenlern-Spiel: Menschen tun etwas gemeinsam, um sich kennenzulernen. An der Friedrichstraße in Mitte sollte das Thema eigentlich eine Fußgängerzone sein, aber das Motto hätte auch lauten können: „West besucht Ost“.

Knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall saßen auf Sofas und Stühlen zwischen Galeries Lafayette und Russischem Haus vor allem Familien aus Charlottenburg, Steglitz oder auch Hamburg, die sagten: Sie seien lange nicht hier gewesen. Angelockt hatte sie die öffentliche Diskussion und der Streit um die Frage, ob es der Friedrichstraße nützt oder schadet, wenn sie über 300 Meter für Autos gesperrt ist. Was nach außen fast absurd wirkt – schließlich sind in Berlin durch Baustellen und Veranstaltungen ständig Straßen gesperrt, darunter Magistralen wie die Straße 17. Juni oder auch immer wieder auch die Friedrichstraße. Doch das Thema beschäftigt viele Berliner.

„Wie im Skiurlaub“

„Wir hätten gern noch viel mehr autofreie Zonen“, sagen Nadine Behrenswerth und Christian Krippahl, die mit ihren Töchtern aus Charlottenburg gekommen waren. Sie genossen die Sonne auf einem Sofa, das auf der Straße stand, wo sonst der Verkehr brüllt. „Wie im Skiurlaub“, fanden die Kinder. Das Argument mancher Gewerbetreibender, ohne Auto kämen keine Kunden, hält Christian Krippahl für überholt. „Heute funktioniert Einkaufen doch ganz anders.“ Nadine Behrenswert sagt: „Ich bin seit Jahren nicht hier gewesen, man findet nie einen Parkplatz und die Straße ist zu Fuß unattraktiv.“

Auch Bodo und Cordula Krahl aus Steglitz waren ohne Auto da. „Wir wundern uns schon lange, dass Berlin nicht in der Lage ist, eine schöne, zentral gelegene Fußgängerzone zu schaffen“, so Bodo Krahl. In Städten wie Hamburg sei das selbstverständlich, „in Berlin leider nicht.“ Reinhard und Angelika Klippel aus Charlottenburg haben kein eigenes Auto mehr, „wir brauchen es nicht“. Eigentlich würde sich ja der Bereich zwischen zwischen Tauentzienstraße und Kudamm perfekt als Fußgängerzone eignen, sagen sie und lachen. „Aber so etwas klappt in Berlin sowieso nicht.“

Laut Hausordnung ist alles mögliche verboten – außer Autos

Warum, lässt sich ahnen, wenn man den Aufwand sieht, den allein die zweitägige Mini-Fußgängerzone in Mitte erforderte. Für das 300-Meter-Fest mit Wurstbude, Glühwein, Kinderhopse und am Sonntag geöffneten Geschäften hatte der Bezirk monatelang gerungen. Möglich, dass auch die ausführliche „Hausordnung“ eine Folge war, laut der von Waffen und Drogen über E-Scooter und Fahrräder alles mögliche verboten war – außer Autos, ausgerechnet.

Dafür warben Fahrradhändler, E-Scooter-Verleiher und BVG für ihre Fahrzeuge. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) lobte das „Pilotprojekt, mit dem Berlin hier mutig vorangeht“. Gestritten wurde auch, aber nicht mit Autofahrern. Die Gegend ist sonntagnachmittags fast autofrei. Ärger gab es am E-Scooter-Parcours. „Die Dinger gehören verboten und nicht in eine Fußgängerzone“, empörte sich ein Passant.