Weltzeituhr

Die Weltzeituhr am Alexanderplatz wird 50

Die Weltzeituhr am Alexanderplatz war ein Prestigeprojekt der DDR. Der bis heute beliebte Treffpunkt wird nun 50 Jahre alt.

Die 16 Tonnen schwere Weltzeituhr steht seit 1969 am Alexanderplatz und gilt heute als Design-Ikone. Seit diesem Jahr sind die Vermarktungsrechte freigegeben.

Die 16 Tonnen schwere Weltzeituhr steht seit 1969 am Alexanderplatz und gilt heute als Design-Ikone. Seit diesem Jahr sind die Vermarktungsrechte freigegeben.

Foto: Monika Skolimowska / dpa

Berlin. Die eine Frau mit Mischlingshund, die andere mit Einkaufstüte – beide kommen aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen. An der Weltzeituhr treffen sich die beiden Freundinnen schließlich. Hier wartet auch ein alter Mann mit einem blinden Auge, barfuß im Regen stehend. Er hofft mit seinem Pappbecher auf die Mildtätigkeit der Touristen, die das markante Bauwerk bewundern. Und ein Rentner, der im brandenburgischen Templin wohnt, aber bald zu seinem Sohn nach Hamburg zieht, hält zum letzten Mal an dieser Stelle Ausschau nach einem Freund. „Auf die Minute kommt’s nicht an“, schwäbelt er.

Diese und unzählige andere Menschen kommen täglich an der zehn Meter hohen Attraktion vorbei. Das zu DDR-Zeiten als „Symbol des technischen Fortschritts“ gefeierte Wahrzeichen ist nicht zu übersehen und seit 50 Jahren ein beliebter Treffpunkt auf dem Berliner Alexanderplatz.

Erich John kennt zahllose solcher Treffpunkt-Szenen. Der Designer, 1932 in Kartitz in Tschechien geboren, hat die Weltzeituhr einst entworfen. Hin und wieder besucht er sein Lebenswerk. Die 16 Tonnen schwere Weltzeituhr galt auch als ein Identifikationsobjekt für viele DDR-Bürger. Der sozialistische Staat ließ sich das Bauwerk knapp 500.000 Ost-Mark kosten. Nun wurde der runde Geburtstag der Uhr gefeiert. Eine Stunde habe die Einweihungsfeier mit der Schlüsselübergabe an den damaligen Oberbürgermeister von Ost-Berlin 1969 gedauert, erinnert sich Erich John heute.

Auf der sechs Meter breiten Uhr kann man die aktuelle Zeit von 146 Städten auf allen Kontinenten ablesen. Ihre Namen sind in Aluminiumplatten eingraviert. Jede der 24 Seiten an der Uhr entspricht einer der 24 Zeitzonen der Erde, die metallenen Längsstreben fungieren als Uhrzeiger. Darüber kreist ein Mal pro Minute ein vereinfachtes Sonnensystem mit Planeten, dargestellt durch Kugeln. Die Technik für den Antrieb befindet sich unterirdisch.

Das erste Modell der Uhr ist spurlos verschwunden

Für John war die Weltzeituhr eine Riesenherausforderung. In neun Monaten sollte sie fertig sein, pünktlich vor dem 20. Gründungstag der DDR am 7. Oktober. Nach kurzer Bedenkzeit nannte der Erfinder seine Bedingungen, um dem Auftrag zuzustimmen: Ungehinderter Materialkauf, Bereitstellung von Feierabendbrigaden und Platz zum Bauen. Ost-Berlin willigte ein. Gleichzeitig bauen und konstruieren, Probleme bei der Materialbeschaffung lösen, Kugellager für 10.000 D-Mark aus dem Westen kaufen: „Es war das stressigste Jahr meines Lebens“, bewertet der heutige Rentner das Bauprojekt rückblickend. Wie wichtig der DDR die Weltzeituhr als Prestigeobjekt war, lässt sich auch daran erkennen, dass die Arbeiter mit 15 Ost-Mark pro Stunde gut entlohnt wurden. Wichtig war, dass der Alexanderplatz nach dem Zweiten Weltkrieg erweitert wurde und wieder glänzen konnte.

John, heute 87 Jahre alt, hat den Arbeitsprozess dokumentiert. Er hatte Zeichnungen und ein Modell angefertigt. Letzteres sei spurlos verschwunden, bedauert er. Auf einer Fensterbank bei ihm zu Hause steht mittlerweile ein neues handgroßes Modell der Weltzeituhr, das aktuell 30 Euro kostet. In diesem Jahr wurden die Vermarktungsrechte für das Berliner Wahrzeichen freigegeben. Seitdem gibt es zahlreiche Souvenirs. John verfügt aber über die Urheberrechte der Weltzeituhr, die seit 2015 unter Denkmalschutz steht. 1997 wurde das Bauwerk für 245.000 Euro restauriert und um einige Städtenamen erweitert. Tel Aviv und Jerusalem sind seitdem ebenfalls auf der Weltzeituhr vertreten.

Im Sommer sind Touristen beim Blick auf die Uhr verwirrt, weiß die Mitarbeiterin im Info-Kiosk nebenan. Die Sommerzeit ist nur auf den kleinen Uhren am Sockel zu sehen und stimmt nicht mit der großen Uhr überein. „Ich finde die Zeitumstellung umständlich, sie bringt nichts. Meine Empfehlung ist, sie sollen die Physik der Erde übernehmen und nichts anderes“, sagt John.

Das Wohnhaus des Designers am Rande Berlins gleicht einem Museum. Zu sehen sind Momentaufnahmen seiner Schaffensfreude: Von der Erika-Schreibmaschine bis zu Schülermikroskopen und Cocktailshakern, die er entworfen hat. Die Wände sind dekoriert mit Porträts von Menschen, die er mit seiner Frau während etlicher Reisen kennengelernt, fotografiert und dann in seinem Atelier unterm Dach gemalt hat. Auch wenn die Johns viel rumgekommen sind in der Welt – alle 146 Städte der Weltzeituhr bereisen, das werden sie nicht schaffen, bedauert der Designer.