Verkehrswende

Flaneure und Frust an der Friedrichstraße

Auf der Friedrichstraße proben Senat und Bezirk die autofreie Zukunft Berlins. Händler sorgen sich eher um fehlende Kundschaft.

Wochenendspaziergang auf der Fahrbahn: Die Friedrichstraße zeigt sich autofrei.

Wochenendspaziergang auf der Fahrbahn: Die Friedrichstraße zeigt sich autofrei.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE FOTO SERVICE / FUNKE Foto Service

Berlin. Ein bisschen Rokoko darf sein. Beim Anblick von herbeigeschafften Obstbäumen in Kübeln hätte Friedrich der Große wohl der Annahme zugestimmt, dass sich Anrainer und Politiker an der Friedrichstraße um mehr Aufenthaltsqualität bemühen. An diesem Wochenende stehen diese Bemühungen im Zeichen eines besonderen Experiments: Auf dem wohl wichtigsten Einkaufsboulevard des Berliner Ostens soll möglichst viel Platz für Flaneure bleiben. Und kein Platz für Autos.

Die Friedrichstraße ist zwei Tage lang Fußgängerzone, ein Asphaltband, auf dem Cafés Stühle platzieren und Modedesigner gläserne Schaukästen. Ein Ort, an dem Künstler des Staatlichen Akademischen Tanzensembles Dagestans tanzen und die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihre neue Verkehrsapp „Jelbi“ bewirbt. Gesperrt ist allerdings nur ein 300 Meter kurzer Abschnitt zwischen Französischer und Mohrenstraße.

Kaufhaus Galeries Lafayette bekennt sich zum Standort

Am Sonnabendvormittag steht Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) auf der Fahrbahn zwischen den Obstbäumen und spricht einmal mehr von der autofreien Zukunft Berlins. Was der Hauptstadt im Großen bevorstehen soll, proben der Senat und das Bezirksamt Mitte hier im Kleinen. „Es geht um ein neues Lebensgefühl auf der Friedrichstraße. Familien sollen spazieren gehen können, ohne die Angst, dass Kinder permanent gefährdet sind“, sagt Günther. Diese Gefährdung bringt sie mit Autos in Verbindung – „aber Straßen könnten auch anders genutzt werden“. Um das zu zeigen, dafür tauge dieses Pilotprojekt namens „Friedrich, the Flâneur“. Aber schon beim Grußwort zur Eröffnung der temporären Fußgängerzone hat sich der erste Skeptiker eingefunden. „Wo sollen die ganzen Autos denn hin, wenn das ein Dauerzustand wird?“, fragt Fußgänger Gert Würtz dazwischen. „Die fahren dann außen rum“, antwortet Günther – und wendet sich den Schaukästen zu, in denen Berliner Designer herbstliche Kleidung präsentieren. Würtz geht weiter und ruft: „Wenn Autos in Nebenstraßen ausweichen müssen, ist das doch auch eine Umweltbelastung. Es ist hier nie so voll, dass Fußgänger nicht mehr wüssten, wo sie hin sollen.“

Doch neben Ablehnung hört die Senatorin am Sonnabend auch viele zustimmende Worte – zum Beispiel von Seiten des Russischen Hauses und besonders von Vertretern des Kaufhauses Galeries Lafayette. „Die Straße müsste viel grüner werden“, sagt Abteilungsleiter Can Ergen mit Blick auf die Pflanzenkübel. Ansonsten sei die Friedrichstraße zu grau und zu karg. „Wir wünschen uns, dass es mehr Cafés und Restaurants gibt. Dann würden sich auch die Geschäfte wieder mit Leben füllen.“ Als größtes Handelsunternehmen Frankreichs werde man Berlin treu bleiben, widerspricht Ergen den Mutmaßungen, dass die Berliner Niederlassung der Kaufhauskette schließen könnte. „Die Gründerfamilie der Galeries Lafayette hat vor 110 Jahren beschlossen, nach Berlin zu kommen. Vor 24 Jahren haben wir ihren Plan in der Friedrichstraße umgesetzt. Und wir bleiben hier“, stellt Ergen klar. Rund um das Kaufhaus zeigt sich das Ausmaß der Probleme recht deutlich. Mehr als 20 Prozent der Ladenflächen sind laut des Gewerbeimmobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle (JLL) kurzfristig für Mieter verfügbar.

Bezirksamt Mitte will Modelabels mit Schaukästen Raum geben

Wachsender Leerstand, starke Konkurrenz in anderen Teilen der Stadt – das gehört für alle Gewerbetreibenden an der Straße zur Realität. Ein Punkt, auf den sich auch Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) mit dem Projekt „Friedrich, the Flâneur“ beruft. Er sagt: „Wir sehen hier, wie die Friedrichstraße ganz anders sein kann mit Blick auf Verkehr, Aufenthaltsqualität und nachhaltige Mode. Heute kann man miteinander reden, ohne gegen den Verkehr anzubrüllen.“ Die Schaukästen für die Modelabels habe der Bezirk nicht einfach geliehen, sondern gekauft. So sollen die Vitrinen in verkehrsberuhigten Straßen künftig dauerhaft Akzente setzen und Händlern Fläche bieten, die sich hohe Gewerbemieten nicht mehr leisten können.

Zur Vorgeschichte der jetzigen Aktion gehört aber auch ein Streit darüber, ob die Verbannung von Autos eher Nutzen bringt oder Schaden. So hatte die Anrainervertretung Mitte e.V. den ursprünglichen Plan, die Friedrichstraße bereits in Sommer für den motorisierten Verkehr zu sperren, durchkreuzt. Bei einer Versammlung im Vorfeld stellten sich Vertreter des Einzelhandels, der Gastronomie und der Immobilienbesitzer gegen die Idee. Neben den Galeries Lafayette und dem Russischen Haus fanden sich kaum Unterstützer.

Mit dem Projekt „Friedrich, the Flâneur“ wird die Reihe von Protestveranstaltungen gegen die autogerechte Gestaltung Berlins in diesem Jahr um eine Episode reicher. Zum Tag der Verkehrssicherheit Anfang Juni hatte ein Bündnis von Verkehrsaktivisten bereits eine Sperrung der Schönhauser Allee erwirkt. Im August blockierte die Initiative Offene Mitte Berlin die stark befahrene Kreuzung Spandauer Straße und Karl-Liebknecht-Straße, um auf die Zerteilung des historischen Zentrums durch allzu breite Straßen hinzuweisen. Und Anfang September verwandelten Aktivisten die Mühlendammbrücke aus Protest gegen einen zu autofreundlichen Neubau der Spreequerung in eine Bühne für aufblasbare Dinosaurier.

Verkehrssenatorin will Kritiker unter den Geschäftsleuten überzeugen

Dass der Plan, Berlin bis 2030 von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren zu befreien, gerade bei Gewerbetreibenden auf Widerstand stößt, hat Senatorin Regine Günther in ihre Überlegungen mit einbezogen. „Es soll nicht gegen die Menschen, die hier ihre Geschäfte haben, geschehen, sondern mit ihnen“, sagt sie am Rande ihres Spaziergangs auf der gesperrten Friedrichstraße.

Christoph aus Kreuzberg hat Günther überzeugen. Der Rollstuhlfahrer will sich im Verkehr nicht mehr gegen Autos behaupten müssen. An diesem Wochenende kommen ihm auf der Friedrichstraße nur Spaziergänger in die Quere. „Von mir aus kann hier eine Fußgängerzone eröffnen“, meint Wolfgang. „Auf der Wilmersdorfer Straße in Charlottenburg klappt es doch auch.“