Google-Tochter

YouTube gibt den Klick-Stars ein neues Zuhause in Mitte

Die Google-Tochter eröffnet einen YouTube Space in Mitte. Wer genug Abonnenten hat, kann dort ab sofort kostenlos filmen.

Die Star-YouTuber Jay Samuelz, Arya Lee und Sally Özcan (vl.) in Studio 2 des neuen YouTube Space.

Die Star-YouTuber Jay Samuelz, Arya Lee und Sally Özcan (vl.) in Studio 2 des neuen YouTube Space.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Ein kleiner Clip, der vor Beginn der Eröffnung über den Monitor läuft, brachte sie alle zusammen: Die Hobbyköche mit ihren irren Rezepten, die schönsten Szenen aus dem jüngsten Fußball-Länderspiel, die Demonstranten mit #metoo- Plakaten und den blauhaarigen Blödel-Entertainer Rezo, der vor der Europawahl mit einem unerwarteten Politrundumschlag die Bundes-CDU alt aussehen ließ. Mit solch unterschiedlichen Facetten ist YouTube zu einer international dominierenden Plattform geworden. Am Dienstag eröffnete die Google-Tochter nach dem Umzug aus Tempelhof ihren neuen Standort in Mitte. Auf 1500 Quadratmetern können etablierte und angehende YouTube-Stars dort jetzt ihre Clips produzieren.

Kulisse im Stil einer TV-Quizsendung

Vom bisherigen Standort an der Oberlandstraße schwärmten bei der Eröffnung Jay Samuelz und Arya Lee. Mit 1,85 Millionen Abonnenten ihres auf Film und Serien spezialisierten Kanals zählen sie zu den erfolgreichsten Anbietern in Deutschland. Für eine Show wurde ihnen dort etwa eine Kulisse im Stil einer TV-Quizsendung zur Verfügung gestellt. „Wer mit Film zu tun hat, weiß, wie teuer es wäre, Ausrüstung und Räume zu mieten“, sagte Jay Samuelz. Im neuen Umfeld hoffe er, für einen Clip ein noch größeres Set bauen zu können. Langfristig werde der Space „vielen jungen Künstlern helfen, ihre Träume zu verwirklichen“, so Samuelz.

Die Hürde, in den drei Studios in schallgedämpften, perfekt klimatisierten Aufnahmeräumen und an Computerschnittplätzen arbeiten zu dürfen – der Service mit Studiozeit und Ausrüstung ist immerhin kostenlos – ist ein großes Publikum. Wer über 10.000 Abonnenten hat, erhält Zugang. Dann gelte es lediglich noch einen Kurs zu Grundregeln von YouTube in den Räumlichkeiten zu absolvieren, „etwa: kein Feuer im Studio“, so Marina Giessler, Managerin des YouTube Musikprogramms für Europa.

Anderthalb Jahre lang wurden das Haus an der Tucholskystraße 2 und das angrenzende Gebäude renoviert. Im Januar zog Google mit seinem Hauptstadtbüro von Unter den Linden nebenan ein. Der für eine nicht genannte Millionensumme geschaffene YouTube Space mit seinen vier Etagen brauchte wegen der technischen Einbauten erheblich länger.

Sieben davon gibt es international, die Berliner Stelle ist jetzt gleichauf mit der bisher größten in London. Themen der Workshops für Besucher sind etwa, wie sie ihr auftreten in Clips optimieren können und was ein sinnvoller Veröffentlichungsrhythmus ist. Bei anderen Events werden sie mit Wirtschaftsunternehmen zusammengebracht. Während Youtuber durch den Space jetzt in den Genuss noch professionellerer Aufnahmemöglichkeiten kommen, sorgt YouTube so für noch ausgereiftere Inhalte, um die der Konzern Werbung – sein eigentliches Geschäft – ranken kann.

Haupteinnahmequelle für die Musikindustrie

Die Pläne für zukünftige Erlösmöglichkeiten skizzierte bei der Eröffnung Lyor Cohen, weltweiter Head of Music bei YouTube. „Wir erwarten, bis 2025 die Haupteinnahmequelle für die Musikindustrie zu sein.“ Dies geschehe dann durch Einsatz von Abonnementmodellen, Werbung und ein Direct-to-Consumer-System, also die Direktvermarktung an Kunden. Mit dem Streamingdienst „Youtube music“ ist das Unternehmen im vergangenen Jahr in den Wettbewerb mit Marktführer Spotify gegangen.

Einvernehmlich betonten die YouTube-Manager, wie wichtig Berlin als Musikstandort sei. Das betreffe nicht nur Unterhaltungsmusik. Der Intendant der Staatsoper Unter den Linden, Matthias Schulz, kündigte eine Partnerschaft an. Via YouTube-Videos erhielten Zuschauer Blicke hinter die Kulissen. Man wolle „junge Nutzer für die klassische Musik und die Staatsoper begeistern“.

Die digitalen Möglichkeiten hatte das Haus auf mutige Weise im Juni genutzt: In der Aufführung von „Tristan und Isolde“ trug Daniel Barenboim beim Dirigieren eine Minikamera am Körper. So konnten Zuschauer unter anderem auf YouTube die Sicht eines General­musikdirektors in Aktion erleben.