Mauerfall

Ältester DDR-Grenzwachturm von Berlin soll weichen

Betreiber befürchtet: Eines der letzten Gebäude aus Mauerzeiten in Berlin-Mitte soll abgerissen werden.

Beobachtungsturm Erna-Berger-Straße DDR Grenze Mauer Berlin

Beobachtungsturm Erna-Berger-Straße DDR Grenze Mauer Berlin

Foto: Foto: Jörg Moser-Metius

Täglich kommen Schulklassen und Touristen hierher, um zu verstehen, was Mauer und Teilung für die Menschen bedeuten: Der pilzförmige “Rundblickbeobachtungsturm” vom Typ „B6“ an der Erna-Berger-Straße südlich des Leipziger Platzes gehört zu den letzten seiner Art. Er ist eines der letzten authentischen Zeitzeugen der Grenzanlagen in Mitte. Von der achteckigen Beobachtungskanzel aus wurde ab 1966 rund um die Uhr der Todesstreifen bewacht, auf dem der Schießbefehl galt – für Menschen, die nichts weiter wollten als die Freiheit.

Nun soll der denkmalgeschützte Turm abgerissen und womöglich nie wieder aufgebaut werden. Das befürchtet Jörg Moser-Metius, der den verfallenen Turm vor acht Jahren vom Bezirksamt Mitte pachtete, sanierte und seitdem täglich für Besucher öffnet. Weil der Bund auf dem angrenzenden Grundstück einen Verwaltungsbau plane, solle der Turm entweder an einen anderen Ort verschoben oder für mehrere Jahre mit Holz verkleidet und „eingemottet“ werden, so Moser-Metius. Zuerst hatte die „B.Z.“ darüber berichtet.

Das habe aus dem Bezirksamt Mitte erfahren, so Moser-Metius. Schon Anfang 2020 müsse der Turm weichen. „Es gibt zwar mehrere Ausweichstandorte in der Nähe, doch die Eigentümer dort haben mir gesagt, sie wüssten nichts von der Planung und sähen keine Möglichkeit, dass der Turm so nah wie geplant an ihren Fassaden aufgestellt wird.“

Zudem sei es fraglich, ob sich das fragile Bauwerk überhaupt noch einmal auseinanderbauen und wieder zusammensetzen lässt. Es besteht aus einem runden Schaft, in dessen Innerem zwei Leitern in die Kanzel führen. Der Turm ist der letzte seiner Bauart in Berlin.

Schon im Jahr 2000 ist der Turm einmal umgezogen, so Moser-Metius. Seitdem steht er auf dem Bürgersteig der kleinen Straße. Im Frühjahr hatte die Bezirksverordnetenversammlung von Mitte beschlossen, dass der Turm ein weiteres Mal weichen könne, aber auf einen anderen Standort - etwa auf eine nahe Stadtbrache oder auf den Leipziger Platz.

Turm auf Platz 50 der beliebtesten Sehenswürdigkeiten

Zwar werde seit längerem über eine zweite Verschiebung des Turms verhandelt, unter anderem mit dem Landesdenkmalamt und der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA), die im Auftrag der Ministerien baut, sagt Pächter Moser-Metius. Doch die genannten Plätze nicht nur aus Sicht der Eigentümer ungeeignet. „Außerdem wusste bisher niemand, dass die Bauvorbereitung auf dem jetzigen Gelände des Turms bereits Anfang 2020 beginnen soll.“ Dort, wo heute noch eine umzäunte Freifläche ist, solle ein schmaler Verwaltungsbau des Bundes entstehen.

Vielen Berlinern ist der Turm nicht bekannt, weil er in einer winzige Sackgasse steht, die von der Stresemannstraße abgeht. Rundherum wird seit vielen Jahren gebaut. Zurzeit errichtet unter anderem der Bundesrat ein Besucherzentrum in der Nähe. Doch Touristen finden den Turm immer, sagt Moser-Metius. Er werde auf den meisten Fremdenverkehrsseiten empfohlen „und auf der Touristik-Plattform Tripadvisor steht er auf Platz 50 von 1000 beliebten Sehenswürdigkeiten in Berlin.“ Von einst mehr als 300 Wachtürmen entlang der Berliner Mauer sind heute nur noch sehr wenige erhalten.

Noch sei keine Baugenehmigung erteilt

Das Bezirksamt Mitte bestätigt, dass auf dem Gelände eine „Baumaßnahme“ des Bundesrates werde 2020 beginnen und voraussichtlich bis zu vier Jahre dauern soll, so Christina Stolzenberg, Sprecherin des Bezirksamtes. Für diese Zeit müsse eine Übergangslösung zum Schutz des Turmes gefunden werden. Nach Informationen des Bezirksamtes sei aber noch keine endgültige Entscheidung gefallen. Eine Versetzung des Turmes, so Stolzenberg, sei scheitere bisher an der Zustimmung des Landesdenkmalamtes, dass den Turm lieber an seinem Stadtort belassen wolle.

Auch bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen heißt es, bisher sei keine Baugenehmigung für den Bau erteilt. Der Turm sei aber auch nicht Bestandteil dieser Genehmigung, so Sprecherin Petra Rohland. „Nach unserem Kenntnisstand soll er eingehaust werden und während der Bauzeit dort verbleiben.” Es gebe tatsächlich auch Überlegungen, den Turm zurückzubauen und einzulagern, “um ihn nach Abschluss der Bauarbeiten wieder aufzubauen”.