Köpenicker Straße

Party, Touristen, Drogen - und genervte Anwohner

An der Köpenicker Straße ballen sich die Probleme. Der Bezirk erwartet keine kurzfristigen Lösungen.

Anwohner sind über die Dogen- und Partyszene rund um die Köpenicker Straße wenig erfreut.

Anwohner sind über die Dogen- und Partyszene rund um die Köpenicker Straße wenig erfreut.

Foto: David Heerde

Berlin. „Am Wochenende ist es besonders schlimm“, sagt Nurcan Sahin. Sie meint das, was dann gegenüber ihrer Wohnung passiert. Die 28-Jährige wohnt in einem großen Häuserblock aus DDR-Zeiten an der Köpenicker Straße in Mitte. Direkt gegenüber dem ehemaligen Heizkraftwerk Mitte mit einer Eventlocation und dem berühmten Technoclub Tresor. „Wenn hier Partys sind, ist die Schlange ewig lang.“ Während die Feierwilligen auf Einlass in den Club warteten, werde getrunken, laut gelacht, gesungen. Für viele Partygäste sind die Stunden vor und im Club das Highlight ihres Wochenendes, vielleicht auch ihres Berlintrips. Für Sahin ist es der Lärmpegel, der sie und ihre zwei Kinder vom Schlafen abhält. Geht es nach ihr, nicht mehr allzu lange. Für Nurcan Sahin steht die Entscheidung fest: „Ich will hier wegziehen, weil es so schlimm ist.“

Viele Anwohner rund um den U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße und die angrenzende Köpenicker Straße klagen über die Situation. Mehrere Clubs und Feierorte konzentrieren sich in der Gegend auf engem Raum. Doch da sind nicht nur die Partys. Da sind auch die vielen Touristen, die in der Nähe untergebracht sind, mit Reisebussen antransportiert werden und bei ihren abendlichen Streifzügen die Straßen entlanglaufen. Und nicht zuletzt sind da Drogenhandel und -konsum in und um den U-Bahnhof. Zusammen ergeben die Probleme eine Mischung, mit der die Anwohner schwer zu kämpfen haben. Zwar ist die Situation im Bezirk bekannt. Doch auf eine Lösung warten die Anwohner bisher vergebens. Vollständig, heißt es aus dem Bezirksamt, wird man die Probleme wohl niemals lösen können.

Köpenicker Straße in Berlin: Hostel mit 1600 Betten prägt die Gegend

Der Ärger mit dem Lärm beschränkt sich für Nurcan Sahin nicht auf die Wochenenden. „Jetzt in der Ferienzeit ist es auch unter der Woche ständig laut.“ Was die 28-Jährige stört, bekräftigt ihre Nachbarin Martina Fischer. Auch sie wohnt in dem großen Gebäuderiegel, der der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) gehört: „Hier herrscht die ganze Nacht Halligalli.“ Die Touristen liefen nachts grölend durch die Straße. Als laut empfinden die Anwohner die Clubs und ihre Gäste, aber längst nicht nur die. Mit den warmen Monaten kommen die Touristen, die lautstark die Köpenicker Straße entlangziehen.

Untergebracht sind sie im wenige hundert Meter weiter östlich gelegenen A&O-Hostel an der Ecke zur Adalbertstraße. Der riesige, ockergelbe Block dominiert die Kreuzung, hunderte gleichförmige Fenster reihen sich in ihm aneinander. Auf acht Stockwerken stapeln sich fast 1600 Betten. Der Preis pro Nacht beginnt bei wenigen Euro im Acht-Bett-Zimmer. Kaum irgendwo in Berlin kommt man günstiger unter, dafür bietet das Hostel nur das Allernötigste. Doch damit können die Gäste, Schulklassen auf Abschlussfahrt, junge Menschen aus Europa und der ganzen Welt, leben. Viele von denen, die hier absteigen, sind nicht zum Schlafen gekommen. Sie wollen Berlins Nachtleben entdecken und feiern. Wo sie ihren Rausch ausschlafen, scheint da fast egal.

Auf dem Weg in die Berliner Nacht bieten sich etliche Spätis an, um die Feierwilligen mit Alkohol zu versorgen. Ihr erster Anlaufpunkt, wenige Meter vom Hostel entfernt: der Spätkauf „Köpenicker 124“. Der Laden macht unmissverständlich klar, worum es hier geht: „Wir haben für euch ... Bier, Wein, Schnaps, Sekt, Alkopops“, so zählt es eine leuchtende Anzeige an der Fassade auf. Softdrinks werden erst danach erwähnt. Drinnen reihen sich Kühlschränke voller Bier und Sekt aneinander. Hinter dem Tresen wartet Hochprozentiges von Tequila und Wodka bis Rum. Tagsüber kämen nur wenige Büroangestellte aus der Gegend, sagt eine Mitarbeiterin. Aber das täusche. „Abends ist hier extrem viel los wegen des Hostels und der Clubs.“ Der neue Verkaufsschlager sei THC-freies Cannabis mit dem lediglich entspannenden Wirkstoff CBD. Die Touristen aus dem Ausland rissen es ihnen regelrecht aus der Hand. Daneben – natürlich – Alkohol: „Die trinken Bier wie Wasser.“

Viele Touristen und viele Clubs auf engem Raum. Fast logisch scheint da die Ansiedlung der vielen Spätverkaufsstellen. Heute drängen sich hier so viele auf wenig Raum wie sonst wohl nur rund um den Rosenthaler Platz. Wie eng die Symbiose ist, zeigt der Club Melancholie 2: Wer hinein will, betritt die Party durch einen Kühlschrank im gleichnamigen Späti.

Es ist auch die Situation um die Heinrich-Heine-Straße, wegen der Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) im April ein rigoroseres Vorgehen gegen Spätis verkündet hat. „Wir haben an prominenten Plätzen Probleme, die damit zusammenhängen, dass man rund um die Uhr billig Alkohol bekommt“, sagte der Bezirksbürger damals. Die Handhabe gegen die Läden ist begrenzt, doch zumindest die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Sonntagsschließung will von Dassel strenger überprüfen lassen, um Anwohnern in den Nächten zu Sonntag und Montag mehr Ruhe zu ermöglichen. Die härtere Gangart gegen Spätis bestätigt die Mitarbeiterin im „Köpenicker 124“. „Wir haben hier einmal pro Woche das Ordnungsamt.“ Sonntags, so erklärt sie, mache der Laden daher nicht mehr auf.

Am Effekt der Maßnahme hegt der Bezirksverordnete Andreas Böttger (Linke) Zweifel. Er lebt seit mehr als 20 Jahren in der Gegend. „Früher“, erinnert er sich, „gab es hier einen Späti, heute sind es zig“. Explodiert sei die Zahl seit der Aufstockung der Betten im A&O-Hostel vor einigen Jahren. Doch im Verhältnis machten die Spätis den wenigsten Lärm, meint er. „Es ist einfach die Masse an Menschen. Selbst wenn alle Spätis weg wären, wäre das Lärmproblem nicht gelöst.“

Er wohne immer noch gern hier, sagt Böttger. Doch für die Gegend seien die vielen unterschiedlichen Probleme heftig. „Es kommt an der Köpenicker Straße vieles zusammen.“ Zu dem Ärger über Lärm und Partys gesellt sich aus Sicht vieler Anwohner mit dem Handel und Konsum harter Drogen ein weiteres, gravierendes Problem.

„Die Leute stehen um unsere Autos und verticken Drogen“, sagt Martina Fischer. Vor einiger Zeit, erzählt sie, habe sie abends beim Ausparken fast einen Junkie überfahren, der sich im Rausch hinter ihr Auto gelegt hatte. Als Anwohnerin Nurcan Sahin neulich abends vor ihrem Haus aus dem Auto stieg, habe sich plötzlich ein Mann genähert und ihr Drogen angeboten. Erst als der Dealer gesehen habe, dass Sahin ihre beiden Kinder bei sich hatte, habe er sich schnell wieder entfernt. „Da kommt man mit Kindern und die fragen einen, ob man Drogen haben möchte“, sagt die Mutter entgeistert. Der Parkplatz vor dem Wohnblock mit seinen Bäumen, erklärt sie, sei mittlerweile zum Drogenhandelsplatz verkommen. Wenn sie aus dem Fenster schaue, bekomme sie mit, wo die Dealer den Stoff versteckten. Auch in den Hauseingängen und Fluren habe sie Spritzbesteck gefunden. Eine Freundin pflichtet ihr bei: „Wir können unsere Kinder hier nicht allein auf die Straße und den Spielplatz lassen.“

Geht man in den U-Bahnhof zeigt sich das Problem massiv. Etliche Spritzen liegen in den Ecken der Zwischenetage. „Im U-Bahnhof findet viel Konsum und Verkauf statt und so offen, dass es jeder mitbekommt“, sagt Böttger. Die Probleme habe es vor einigen Jahren schon einmal gegeben, zwischenzeitlich habe es sich dann gebessert. „Doch seit März ist es richtig schlimm geworden.“

Wie das Problem behoben werden kann, ist offen. Der Bezirk Mitte hat beschlossen, im kommenden Jahr einen zweiten Drogenkonsumraum einzurichten. Offen ist, an welchem Standort oder ob nicht doch eine mobile Lösung angesichts der wandernden Drogenszene sinnvoller wäre.

Forschungsprojekt der TU soll Lösungen für Köpenicker Straße entwickeln

Auf kurze Sicht bleiben für die Anwohner jedoch die vielfältigen Probleme bestehen. Im Bezirksamt ist das bekannt. „Ähnlich wie an anderen Hotspots dieser Stadt treffen auch hier unterschiedliche Faktoren aufeinander, die oftmals zu Konflikten führen“, teilte Bezirksbürgermeister von Dassel mit. Man arbeite daran, „dass sich touristische Attraktivität und lebenswerte Stadt nicht weiter gegenseitig ausschließen“. Schon seit Längerem gebe es dazu etwa den „Runden Tisch Köpenicker Straße“. Dort tauschen sich Anwohner, Clubbetreiber, Bezirk und Polizei aus. Zudem sei eine weitere Mitarbeiterin im Präventionsbereich eingestellt worden. Von Dassel macht jedoch deutlich: „Die wenigsten Konfliktpotenziale lassen sich so einfach aus der Welt schaffen.“ Viele Problemursachen wie der konzentrierte Partytourismus seien zudem auf rein bezirklicher Ebene nicht zu lösen.

So sieht es auch der Bezirksverordnete Böttger – und warnt vor radikalen Ideen. Den Lärm vollständig beseitigen könne man nur, wenn die Clubs weg seien. „Das kann auch nicht das Ziel sein.“ Um eine Lösung zu finden, mit der Anwohner, Clubs und die Tourismusbranche leben kann, unterstützt der Bezirk Mitte gemeinsam mit Friedrichshain-Kreuzberg, der Clubcommission und und der landeseigenen Tourismusagentur „Visit Berlin“ ein „Reallabor“ der Technischen Universität (TU). Das solle Projekte wissenschaftlich begleiten und „neue Lösungen für die Probleme touristischer Hotspots entwickeln“, so von Dassel.

Zunächst jedoch bleibt für die Anwohner der Köpenicker Straße alles beim Alten. Bis mit Ergebnissen zu rechnen ist, wird es dauern. Für Mieterin Nurcan Sahin wohl zu lange. Sie könnten die Probleme bis dahin vertrieben haben.