Kultlokal

Tanzlokal Clärchens Ballhaus soll weiter betrieben werden

Die Betreiber des Tanzlokals Clärchens Ballhaus müssen am Jahresende aufhören. Der neue Eigentümer will den Betrieb aber fortführen.

Im Hof vor Clärchens Ballhaus in Mitte. Den Betreibern wurde gekündigt. Das Tanzlokal soll aber saniert und weiter betrieben werden.

Im Hof vor Clärchens Ballhaus in Mitte. Den Betreibern wurde gekündigt. Das Tanzlokal soll aber saniert und weiter betrieben werden.

Foto: dpa

Berlin. Die unsanierte Fassade sticht zwischen den schick modernisierten Altbauten in der Auguststraße sofort heraus. Während die Touristen durch die Straße schlendern und hier und da einen Blick durch die Fenster der Galerien werfen, bleiben viele Passanten staunend vor dem bröckeligen Charme von Clärchens Ballhaus stehen. Im Vorgarten werden am Donnerstagvormittag Tische zurechtgerückt, leere Getränkefässer in Lastwagen verladen und neue angeliefert. Seit zehn Uhr gebe es Kaffee, ab zwölf warme Küche, sagt ein Mitarbeiter – alles normal. Doch eigentlich ist hier gerade nichts normal.

Denn am Mittwochabend war bekannt geworden, dass die Betreiber das traditionelle Tanzlokal Ende des Jahres schließen müssen. Der neue Eigentümer hat den Vertrag nicht verlängert. Eine Nachricht, die bei vielen Freunden des Orts Bestürzung ausgelöste. „Wir nehmen die Situation so, wie es ist“, sagt Betreiber Christian Schulz am Donnerstag und mahnt abzuwarten. Man sei zuversichtlich, und vielleicht werde die Lage schon in ein paar Tagen eine komplett andere sein. Der Eigentümer sei „ein Mensch der Kultur“. Man gehe davon aus, dass er eine Lösung finden werde.

Clärchens Ballhaus soll seinen Charme auch nach den Bauarbeiten behalten

Bei dem neuen Eigentümer handelt es sich um den Berliner Fotografen und Immobilieninvestor Yoram Roth, der das Grundstück an der Auguststraße 24 Ende 2018 gekauft hatte. Über seine PR-Agentur ließ Roth mitteilen, dass es dort weiterhin einen Ort geben werde, an dem man Berlin in seiner Urform vorfindet. Auch das Tanzen solle weitergehen. „Ich habe das Areal gekauft mit dem klaren Ziel, Clärchens Ballhaus zu beschützen“, sagt Roth. Es sei für ihn ein magischer und wichtiger Ort, und auch der Kiez, in dem seine Mutter geboren wurde, liege ihm am Herzen.

Um die Sicherheit der Gäste zu gewährleisten, seien allerdings ab kommendem Jahr Sanierungsarbeiten geplant. Die sanitären Anlagen müssten instandgesetzt, Dächer und Treppenhäuser saniert und die gastronomischen Räume auf zeitgemäße Standards gebracht werden, um die Auflagen zu erfüllen. Der Spiegelsaal solle aber erhalten bleiben. Hier seien lediglich einige Schönheitsreparaturen vorgesehen.

Zwischen dem Ende des jetzigen Betriebs zu Silvester und dem angedachten Beginn der Sanierungsarbeiten im Sommer 2020 solle eine passende Zwischennutzung gefunden werden. Etwas Künstlerisches, das dem aktuellen Betrieb entspricht, heißt es. Wie lange die Sanierung dauern und was sie kosten soll, könne noch nicht gesagt werden. „Eine Sorge von uns ist es, dass uns auferlegt wird, Wohnungen einzubauen“, sagt Roth. Das würde bedeuten, dass Clärchen ein weiteres Opfer des Berliner Clubsterbens wird, ausgelöst durch den „Berliner Wohnungswahn“, wie Roth es ausdrückt.

Schon im vergangenen Jahr hatte der Bezirk Mitte über einen Bebauungsplan versucht, die derzeitige Nutzungsart des Gebäudes zu sichern, um zu verhindern, dass der Garten vor dem Ballhaus bebaut wird. Dazu kam es jedoch nicht. Als Begründung habe es aus dem Bezirksamt geheißen, dass die dafür zuständige Mitarbeiterin im Bauamt längere Zeit ausgefallen sei, sagte der Bezirksverordnete Sven Diedrich (Linke). Eine Bebauung des vorderen Teils sei allerdings nicht geplant, heißt es von Eigentümerseite.

Unklar ist, wer nach der Sanierung die Geschicke des Hauses lenken soll. „Wichtig ist aber, dass der Betreiber den ,Spirit’ von Berlin sowie Clärchen versteht, und dass es ehrliche Leute sind, die offen miteinander umgehen“, sagt Eigentümer Roth. Der Name solle unbedingt bleiben. Roth widerspricht auch Berichten, er habe dem jetzigen Betreibern gekündigt. Der Pachtvertrag sei bereits vor mehreren Jahren ausgelaufen und hätte sich seitdem quartalsweise verlängert. Einvernehmlich habe man sich auf das Aus zum Jahresende geeinigt, damit saniert werden kann.

Nochbetreiber Schulz will sich erneut bewerben

Das bestätigt auch Nochbetreiber Schulz, der sich nach dem Umbau erneut um diesen Job bewerben will. „Wir sind stolz auf das, was wir die vergangenen 14 Jahre gemacht haben – das Ballhaus blüht und gedeiht.“ Seit 2005 lenkt er gemeinsam mit dem Bühnenbildner David Regehr die Geschicke des Tanzlokals an der Auguststraße und hatte es in dieser Zeit zu einer Kultstätte für Swing-Partys und Tango-Abende gemacht.

Die Musik reicht inzwischen von AC/DC über Peter Fox bis Andrea Berg. Tagsüber sitzen Familien bei Pizza im Garten, nach Mitternacht kann die Stimmung sein wie bei einer Betriebsfeier. Einen strengen Türsteher hat das Ballhaus nicht. Als die Theaterleute Regehr und Schulz das Ballhaus vor 14 Jahren aus dem Dornröschenschlaf weckten, kamen die Stammgäste zurück. Und mit ihnen junge Leute, Touristen und Prominente. Quentin Tarantino drehte hier eine Szene für den Weltkriegs-Film „Inglourious Basterds“.

Das Tanzlokal kann mittlerweile auf eine fast 106-jährige Geschichte zurückblicken. Schon zu Zilles Zeiten wurde dort getanzt, geflirtet und getrunken. Im September 1913 wurde es von Fritz und Clara Bühler unter dem Namen „Bühlers Ballhaus“ im Hinterhaus des Gebäude eröffnet. Unten im Tanzsaal vergnügten sich die einfachen Leute, oben im Spiegelsaal die feine bürgerliche Gesellschaft. Nach dem Ersten Weltkrieg luden die Bühlers häufig zu sogenannten „Witwenbällen“.

Nationalsozialisten verbaten kriegsbedingt alle Vergnügungsveranstaltungen

Nach dem Tod ihres Mannes Ende der 20er-Jahre lenkte Clara Bühler die Geschicke des Hauses zunächst allein. Längst war es im Volksmund unter dem heute offiziellen Namen „Clärchens Ballhaus“ bekannt. Ab 1932 stieg ihr zweiter Ehemann Arthur Habermann mit ein. Im August 1944 verbaten die Nationalsozialisten kriegsbedingt alle Vergnügungsveranstaltungen, und das Tanzlokal musste schließen. In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs wurde das Vorderhaus zerstört. Trotzdem wurde zwei Monate nach Kriegsende ab Juli 1945 im Hinterhaus wieder getanzt.

In der DDR konnte sich Clärchens Ballhaus als Privatbetrieb halten. Während dieser Zeit ging es ungezwungen zu, einigen vielleicht zu ungezwungen. In den 70er- und 80er-Jahren handelte sich das Etablissement den unrühmlichen Namen „Tripperhölle“ ein. Clara Habermann hatte die Leitung längst an ihre Stieftochter übergeben, die das Haus ab 1967 leitete.

Silvester 2004 endete dann der 91-jährige Betrieb durch die Familie Bühler/Habermann/Wolff mit der Kündigung durch den damals neuen Eigentümer. Schulz und Regehr übernahmen und ließen die Räume weitgehend unverändert. „Die Berliner sind eingeladen, noch ein halbes Jahr zu kommen“, sagt Schulz heute. Vor der nächsten großen Zäsur.

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