Digital-Standort

Volkswagen eröffnet neuen Campus in Berlin

900 Mitarbeiter sollen in Mitte neue, digitale Geschäftsmodelle entwickeln und so den Wandel des Konzerns gestalten.

Volkswagen Digital-Vorstand Christian Senger und Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop eröffnen den We Campus.

Volkswagen Digital-Vorstand Christian Senger und Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop eröffnen den We Campus.

Foto: Jonas Friedrich

Berlin.  Das Gebäude, in dem seit Freitag 900 Mitarbeiter an der digitalen Zukunft des Automobilbauers Volkswagen arbeiten, hat Geschichte. Von 1971 bis 1990 war der Zehngeschosser an der Mollstraße in Mitte der Sitz der DDR-Nachrichtenagentur ADN. Volkswagen will von hier aus nun künftig auch die Nachrichten mitbestimmen. Doch anstatt Abschalteinrichtung und Dieselskandal sollen Elektromobilität und digitale Services für Schlagzeilen sorgen. Um die Unternehmensziele zu erreichen, hat der Automobilbauer ein milliardenschweres Investitionspaket geschnürt. Nur ein geringer Teil des Geldes wird in den Innenausbau des neuen „We Campus“ – so hat Volkswagen seinen neuen Standort in Berlin getauft – geflossen sein.

Innen haben die Mitarbeiter vor allem Raum, ihre Gedanken fliegen zu lassen. Großzügige Arbeitsplätze werden ergänzt mit Freizeitangeboten wie Tischkicker oder Billard. Im Erdgeschoss laden Lounge und Cafeteria zum Durchatmen und Entspannen ein. Ein bisschen Silicon Valley gebe es hier auch, sagte der Markenvorstand für Digital Car & Services, Christian Senger, am Freitag bei der Eröffnung des neuen Arbeitsplatzes. Der Campus stehe für den Wandel, den der Konzern derzeit durchlebe. „Volkswagen entwickelt sich von einem hardware- zu einem softwaregetriebenen Unternehmen“, erklärte Senger. Was er meint, zeigt sich vor allem an den sogenannten Entwicklungszyklen. Früher habe der Konzern häufig mehr als zwei Jahre gebraucht, um neue Fahrzeugmodelle zu entwickeln. Heute bewege sich die zeitliche Vorgabe für neue digitale Lösungen oder Geschäftsmodelle eher im Wochen-Rhythmus.

Auch BMW und Daimler bündeln Mobilitätsdienste in Berlin

Der neue Campus in der deutschen Hauptstadt gibt Volkswagen bei dem angestrebten Wandel den Takt vor. „Berlin ist der richtige Standort dafür, ein Echtzeitlabor für innovative Mobilität“, sagte Senger. Moderne Mobilität sei eine große Herausforderung und gleichzeitig ein Treiber für eine neue wirtschaftliche Dynamik, erklärte Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). „Immer mehr Unternehmen wie Volkswagen investieren in Technologien und Konzepte für einen nachhaltigen Verkehr in der Stadt und schaffen neue Arbeitsplätze. Nirgendwo geht das besser als in Berlin. Hier in Berlin wird daran gearbeitet, Mobilitätsbedürfnisse mit Klima- und Umweltschutz in Einklang zu bringen“, so Pop weiter.

Neben Volkswagen hatten auch BMW und Daimler angekündigt, ihre Mobilitätsdienste in Berlin bündeln zu wollen. Die neuen Zentrale der „Now“-Familie soll das Kaufhaus Jandorf in Mitte werden. Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten sollen noch in diesem Jahr 500 Mitarbeiter dort einziehen. Auch Volkswagen ist in der Stadt nicht neu: Die Tochterfirmen Carmeq und Heycar beschäftigen bereits mehr als 500 Mitarbeiter in der Stadt. Hinzu kommt unter anderem die Volkswagen-Beteiligung Urban Mobility International GmbH (UMI), die zuletzt das neue, vollelektrische Car-Sharing-Angebot des Konzerns, „We Share“, in Berlin ausrollte. Nun hat das We-Share-Team in dem We Campus neue Büros bezogen.

Neue Services über die „We“-Plattform

Am neuen Standort dreht sich alles um die sogenannte Volkswagen-ID und die Frage, mit welchen Services der Konzern seine Kunden künftig bei der Stange halten kann. Über die ID kann sich der Car-Sharing-Kunde oder der Autokäufer mit der We-Welt vernetzen. Neben Standorte von Ladesäulen will Volkswagen über die Plattform demnächst weitere Services anbieten. Dazu gehört auch „We Deliver“. Kunden sollen sich damit künftig zum Beispiel Pakete in das parkende Auto liefern lassen können – oder auch die Reinigung bestellen, die Schmutzwäsche aus dem Kofferraum abholt und am nächsten Tag saubere Sachen wieder dorthin zurückliefert. Unterstützung will der Autobauer seinen Nutzern aber auch beim Parken bieten. Dafür gibt es das Angebot „We Park“. In den neuen Automodellen sollen Fahrzeuge künftig automatisch erkennen, wenn eine Parkfläche erreicht ist. Die App kümmert sich dann vollautomatisch um das Bezahlen. In älteren Modellen muss der Kunde noch selbst eine Schaltfläche in der App bedienen.

Volkswagen denkt am neuen Campus aber auch über Mobilität jenseits des Autos nach: Dabei helfen zum Beispiel auch die Mitarbeiter von Diconium. Volkswagen hält an dem Digital-Unternehmen 49 Prozent der Anteile. 120 Beschäftigte im We Campus denken nun zum Beispiel auch darüber nach, wie sich die Zahl der Unfälle zwischen Auto und Fahrradfahrern künftig reduzieren lässt. Die Lösung soll eine Kommunikation zwischen Smartphones der Zweiräder und Fahrzeugen bringen.

Mit „Share Share“ Car-Sharing-Plätze teilen

Diconium hat aber auch Ideen, wie künftig noch effektiveres Car-Sharing aussehen kann. „Share Share“ soll bald als Plattform an den Start gehen, über die Car-Sharing-Nutzer freie Einzelplätze in ihren Fahrzeugen anbieten können. Langfristig könnten so die bestehenden Car-Sharing-Fahrzeuge noch effektiver genutzt werden. Hilfe hat Diconium dabei übrigens von dem international anerkannten Wissenschaftler Steffen Walz, der sonst als Professor an einer australischen Universität lehrt. Nun soll Walz als Leiter der Innovationsabteilung bei Diconium auch dabei helfen, Volkswagen in die digitale Zukunft zu führen.