Architektur

Wie sich der Lobe Block in Wedding integriert hat

Zwei Frauen haben den brutalistischen Lobe Block gebaut. Von Architekten gelobt, hat sich das Atelierhaus auch in Wedding integriert.

Die Bauherrinnen Elke Falat (li.) und Olivia Reynolds auf einer der Freitreppen des Atelierzentrums „Lobe Block/Terrassenhaus“.

Die Bauherrinnen Elke Falat (li.) und Olivia Reynolds auf einer der Freitreppen des Atelierzentrums „Lobe Block/Terrassenhaus“.

Foto: Sergej Glanze

Berlin. Diesen Spagat muss man erst einmal schaffen. So vierschrötig und doch transparent. Meterhoch blanker Beton, optisch ein Fels, und doch sind die an Überhänge einer Klippe erinnernden Vorsprünge der Vorderfront voll verglast.

Das „Lobe Block/Terrassenhaus“ an der Böttgerstraße in Gesundbrunnen punktet nicht mit prominenter Adresse, Architekten ist das seit September 2018 bezogene Atelierhaus dennoch ein Begriff. Jüngst schaffte es der Bau des Berliner Planers Arno Brandlhuber unter die Finalisten des Mies van der Rohe Architektur-Awards.

Lobe – das steht für London-Berlin. Kein Ufo in ihrer Wahlheimat Wedding, das war die Prämisse von Bauherrin Olivia Reynolds. Ein offenes Haus wünschte sich die britische Kuratorin, ein Studiogebäude für Kreative und einen Ort der Begegnung mit der Nachbarschaft. Wie das funktioniert, erkennen Besucher erst ganz, wenn sie um den Lobe Block herumgehen in den Garten.

Außenliegende Treppen

Die benachbarte Brandmauer ist graffitibunt. Gegenüber ragen die Flaktürme aus dem Humboldthain. Hinter Hallen der Deutschen Bahn rattert die Ringbahn vorbei. Das Grundstück dazwischen, wo früher ein Autohandel residierte und die Bahn Büros errichten wollte, kaufte Reynolds 2014.

Mit der Kulturwissenschaftlerin Elke Falat, mit der sie bereits den Galerieraum LoBe London Berlin gemanagt hatte, baute sie den brutalistischen Block, dessen über alle fünf Stockwerke terrassierte Rückseite von zwei fast freitragenden Treppen eingerahmt wird. Im zwei Stockwerke hohen Untergeschoss gibt es ein Restaurant, ein Yogazentrum und einen Kulturraum.

Auf den vier Etagen darüber bis zum begehbaren Dach arbeiten Künstler- und Kreativagenturen, Modelabels, Architekten und Künstler. Die Hausmeisterwohnung bewohnt Reynolds mit ihren zwei Töchtern.

Offenheit sorgt für Geselligkeit

Alle Ateliers durchmessen das gesamte Gebäude, 20 Meter lang im unteren, sieben im obersten Stock. Vollverglasung auf Vorder- und Rückseite sorgt für Helligkeit. Der nackte Beton, Brandlhubers Markenzeichen, setzt sich im Innern fort.

Die Terrassen, über die bei Regen das Wasser kaskadenartig abfließt, können Mieter zwar vor ihrem Fenster frei gestalten. Eine Montage aus Spiegel, Pflanzen und rosa Flamingo etwa installierte ein Kunstprofessor aus Weissensee. Sich gegen die Nebenmieter abzugrenzen, ist aber tabu.

Eine nachbarschaftliche Nähe, der man nicht entkommt und die so für Geselligkeit sorgt. Nur in den Ateliers kann man sich mithilfe riesiger Außenvorhänge abschirmen. „Im heißen Jahr 2018 hat das auch klimatisch gut funktioniert“, erzählt Falat, Co-Bauherrin und Projektleiterin der Lobe Block GmbH.

Banken haderten mit dem Konzept

Einsam werde es trotzdem nicht, selbst als einzige Bewohnerin des Gewerbehauses, so Reynolds: „Dieses Gebäude ist nie ruhig.“ Grund dafür ist nicht zuletzt die Konzeption.

Zwei Jahre kämpften Reynolds und Falat um die siebenstelligen Investitionsmittel, bis eine Genossenschaftsbank zusagte. „Banken sind bei so einem Projekt immer skeptisch“, sagt Falat. „Und dann kommen da noch zwei Frauen, das verstehen die nicht“, ergänzt Reynolds.

Verstanden hat die Idee hinter dem Lobe Block das Quartiersmanagement Badstraße. Dort erzählt man vom Austausch der Zuzügler mit dem Gemeinschaftsgarten „Wilde 17“ an der Böttgerstraße. Oder vom Kulturprojekt „Süß und salzig“, dass Weddinger zu Führung, Film und Konzert in den Neubau laden durfte.

Gärtnern mit den Nachbarn

Dessen Macher seien „offen für den Kontakt ins Quartier“, heißt es bei den Quartiersmanagern. Anschaulich ist auch das Beispiel des schmächtigen Nachbarsjungen, der sich an einem Frühlingsnachmittag durch das Eisentor zwängt. Zielsicher drückt er innen den Türöffner und holt noch den für das Gitter zu großen Ball, ehe er in den Garten huscht.

Dieser ist eigentlich noch ein weitgehend wüstes Feld. Doch an einem Ende wurden recycelte Container zu Hochbeeten umgestaltet. Erdbeeren, Salat und Tomaten gedeihen hier, an einigen Kästen stehen Namen von Nachbarn.

Oft, erzählt Elke Falat, hätten gerade Kinder den Kontakt angebahnt. Mit einer Familie kam Reynolds in ihrer direkten Art beim Arzt ins Gespräch, sie wohnen jenseits der Ringbahn und schauen auf den Lobe Block herüber. „Als ich erzählte, dass wir uns für den Kiez öffnen möchten, stellte sich heraus, dass die gern gärtnern würden.“

Protest von Gentrifizierungsgegnern

Hinter bunten Bauwagen liegt Reynolds eigener Garten, von den Hasen und Hühner im Gehege gehören einige Mietern der Ateliers. Auch 2000 Bienen fliegen im Sommer aus. „Als ein Mieter sagte, er würde die mitbringen, hat er gleich den Zuschlag bekommen“, sagt die Bauherrin lachend.

Zwei Puppen sind auf dem Tisch liegen geblieben, daneben hängen Reste einer Geburtstagsgirlande – „wahrscheinlich auch von Nachbarskindern“, sagt Reynolds ungerührt.

Dass der Lobe Block sich so integrieren würde in die raue Welt des Wedding, darauf hätten nicht alle gewettet. In ihrer „Verdrängung beginnt hier“-Kampagne wetterten Gentrifizierungsgegner gegen das vermeintliche Renditeprojekt. Dabei vermieten Falat und Reynolds die 19 Gewerbeeinheiten nach eigener Auskunft etwa auf Mietspiegelniveau.

Tag der offenen Tür

„Ohne den Kredit würde ich gern für fünf Euro vermieten“, sagt Reynolds. Außerdem ist der Lobe Block immer noch nicht fertig. Nicht nur der Garten soll grüner werden, auch das Haus würde Reynolds am liebsten ganz mit Ranken überziehen. „Ich weiß, der Architekt mag den Beton“, sagt die 47-Jährige. „Aber mir kommt er vor wie unbekleidet.“

Als nächstes steht erst einmal der Tag der Architektur am 29. und 30. Juni an. Dann öffnet sich der Lobe Block für Besichtigungen.