Mitte

Wieso Touristen den Alex lieben - und Berliner ihn meiden

Der Alexanderplatz – Touristen lieben ihn, viele Berliner meiden ihn. Warum nervt dieser Ort eigentlich so? Und was muss sich ändern?

Der größte Platz der Stadt lebt von Superlativen und Gegensätzen. Genau das macht den Alexanderplatz in Mitte so außergewöhnlich.

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Berliner Currywurst mit Pommes, die Portion zu 9,50 Euro – mehr muss man kaum sagen, um das Problem von Berlins bekanntestem und größten Platz zu umreißen. Zu haben ist die landestypische Delikatesse in der „Alex-Oase“, einer Ansammlung aus Holzhütten, Strandkörben und welken Topfpalmen am nördlichen Rand des Alexanderplatzes. Zu den besonderen Angeboten gehört auch eine Schließfachanlage direkt neben dem Ausschank. Der typische Gast, so sieht es aus, kommt mit Rollkoffer, er hat keine Ahnung, wie viel eine Currywurst normalerweise kostet. Und wer weiß, ob er wiederkommt.

Der Alexanderplatz: Auf den Touristenfotos sieht er meist gigantisch aus. Einfach toll. Vom Fernsehturm oder auch den oberen Etagen der Kaufhäuser gesehen, kriechen Straßenbahnen wie wie gelbes Spielzeug durchs bunte Gewimmel der winzigen Menschen. Direkt vor den Strandkörben der „Oase“ versinkt abends die Sonne golden hinterm Fernsehturm. Und blendet dabei gnädig den Vordergrund aus, der das Bild stören könnte. Die ewigen Pelzmützenhändler und Bauchladen-Wurstverkäufer etwa. Oder Kiffer und Trinker, die Taschendiebe, die Betrunkenen, Verwirrten, Verrückten. Und den Rummel, der fast das ganze Jahr über auf Berlins größtem Platz stattfindet.

Alexanderplatz? „Schmutzig. Laut. Stinkt. Übel. Gefährlich. Niemals wieder hin“

„Schmutzig. Laut. Stinkt. Übel. Gefährlich. Niemals wieder hin“, so hat vor drei Jahren ein Besucher auf der Reise-Webseite „Tripadvisor“ sein Alex-Erlebnis zusammengefasst. Damals machten Gruppen junger Männer den Platz unsicher, es gab Massenschlägereien, Überfälle, Drogenhandel. Inzwischen kontrolliert zwar eine eigene Polizeiwache den Platz, doch die Bewertungen haben sich nicht viel gebessert. „Als Zeitzeuge seiner Vergangenheit in Ordnung, als Sehenswürdigkeit eher abstoßend“, befand diesen April ein Besucher.

Warum ist ausgerechnet der Alex, das wohl bekannteste Symbol der Stadt, so anonym und unwirtlich? Ein Grund sind möglicherweise die Märkte, die an insgesamt 120 Tagen im Jahr mit immergleichen Holzbuden ein trink- und feierfreudiges Publikum anziehen. Ob an Weihnachten. Ostern oder Oktober, die Holzhäuschen im Bayern-Klischee sind immer dieselben. Im übrigen nicht nur am Alex, sondern auch am Breitscheidplatz und anderen touristischen Orten der Stadt.

Zehntausende drängeln sich um den Markt auf dem Alexanderplatz herum

Während sich das Publikum an den Ständen ganzjährig an Bier, Wurst, Lebkuchenherzen und Duftkerzen erfreut, drängeln sich täglich Zehntausende Passanten um den Markt herum. Als die Berliner Morgenpost vor einem Jahr den Alex für eine Reportage unter die Lupe nahm, räumte selbst der Bürgermeister von Mitte, Stephan von Dassel (Grüne), ein: Für Berliner sei dies eher keine Attraktion.

Aber es sei auch nicht einfach, das zu ändern. Die Märkte einzuschränken sei praktisch unmöglich. Weil eine vor einigen Jahren eigens geänderte Formulierung im Berliner Straßengesetz den Bezirken vorschreibt, Veranstaltungen unangesehen ihrer Qualität zu genehmigen, solange diese nicht gegen Gesetze verstoßen. An 120 Tagen im Jahr muss der Bezirk also den Rummel auf dem Alex zulassen – künftig immerhin inklusive der Auf- und Abbauzeiten der Stände. „Wir schränken die Zeiten dadurch spürbar ein“, kündigte der Bezirksbürgermeister gerade an.

Der Dreck auf dem Alexanderplatz ist ein Problem

Doch der Rummel ist nicht das einzige Problem. Da ist auch der Dreck. Selbst an Tagen ohne Markt wirkt der Platz im besten Fall wie ein gerade gereinigter Tatort. Trotz XXL-Mülleimern und zusätzlicher Reinigungstouren der BSR sind die Spuren Hunderttausender Passanten nicht zu übersehen, die hier täglich unterwegs sind. Shopping-Besucher der ständig wachsenden Einkaufszentren, Umsteiger zwischen Bahnhöfen, Bussen und Tram, Partygäste der Clubs und Diskotheken rundum. Und eben Touristen, denn bis heute kann offenbar kein Reisender Berlin wieder verlassen, ohne Weltzeituhr und Fernsehturm zumindest fotografiert zu haben.

Alexanderplatz bekommt WLAN und neues Lichtkonzept

Auch für sie interessieren sich nicht nur die Straßenhändler, sondern auch Taschen- und Trickdiebe, vor denen die Polizei nach wie vor regelmäßig warnt. Am Alex sind die Beamten in Schutzwesten oft in Vierertrupps unterwegs, zwischen Wache und Bahnhof stehen selbst nachmittags gern zehn oder mehr Polizeiwagen. Fragt man nach dem konkreten Anlass für das Aufgebot, lautet die Antwort schlicht: „Schönes Wetter.“

Alexanderplatz als Schauplatz von Massenschlägerei

Auch wenn durch die Polizei die Gruppenkriminalität in den letzten zwei Jahren zurückging und das Sicherheitsgefühl zunahm – gleichzeitig entstehen neue Probleme. Wie im März, als zwei Youtuber aus Stuttgart und Berlin im Internet ihre Fans dazu aufriefen, an den Alex zu kommen. 400 meist junge Männer erschienen. Es gab eine wilde Keilerei. Warum sie den Alexanderplatz als Treffpunkt wählten, lag auf der Hand: Er ist groß, für Auswärtige leicht zu finden – und war mit seinem Ruf eine passende Kulisse für die Bilder im Netz.

Kommentar: Der Senat muss den Bezirk beim Alexanderplatz unterstützen

Damit sich das ändert, stellte der Bezirk Mitte inzwischen einen „Platzmanager“ ein. Seit einigen Monaten ist Andreas Richter als „Alex-Manager“ im Amt. In den nächsten vier Jahren hat er viel vor. Es soll es eine bessere Abstimmung der Veranstaltungen geben, bessere Beleuchtung in den Grünzonen unterm Fernsehturm, eine bessere Verteilung der Straßenmusiker-Plätze – dies hatten die Anwohner seit langem gefordert. Was noch passieren soll, wird Richter am heutigen Donnerstag vorstellen.