Reinhardstraße

Das ist Berlins Straße der Lobbyisten

Rund um die Reinhardtstraße gab es einst viele Kabaretts, Varietés und Theater. Heute schätzen viele Interessenvertreter die Adresse.

Die Reinhardtstraße in Mitte ist eine der bevorzugten Adressen von Lobbyistenverbänden in Berlin. Früher waren es vor allem Theater, die das Viertel prägten.

Die Reinhardtstraße in Mitte ist eine der bevorzugten Adressen von Lobbyistenverbänden in Berlin. Früher waren es vor allem Theater, die das Viertel prägten.

Foto: Maurizio Gambarini

Mitte. Geht man mit Christina Deckwirth die Reinhardtstraße entlang, führt der Weg von Klingelschild zu Klingelschild. „Man muss das Haus für Haus ablaufen“, sagt sie. „Es gibt ja kein Lobbyregister.“ Deckwirth arbeitet bei LobbyControl. Die Organisation kämpft seit Jahren für mehr Transparenz beim Thema Lobbyismus. Welcher Interessenverband versucht, Einfluss auf Politiker in Berlin zu nehmen, genau das soll über ein gesetzlich vorgeschriebenes Register für alle Bürger offen einsehbar sein, fordert der Verband.

Bisher ohne durchschlagenden Erfolg. Wer wissen will, welche Verbände und Lobbygruppen versuchen, sich bei Volksvertretern in der Hauptstadt Gehör zu verschaffen, dem bleibt auch heute nichts anderes übrig, als eine Tour durch die Gegend rund um das Regierungsviertel. Am besten läuft man dabei durch die Reinhardtstraße.

Hier – zwischen Friedrichstraße und Kapelle-Ufer – tummeln sich so viele Interessenverbände wie fast nirgendwo in Berlin. Seit die Stadt Regierungssitz wurde, haben sie sich hier, im einstigen Theaterviertel, in immer größerer Zahl niedergelassen. Die Reinhardtstraße, sie ist die Straße der Lobbyisten. Und sie erzählt viel darüber, wie sich Berlin als deutsche Hauptstadt verändert hat.

Postleitzahl 10117 als Statussymbol

Da sind die ganzen Interessenverbände. An vielen Häusern entlang der Straße hängen ihre Schilder. Deutlich über 40 Institutionen entdeckt man bei einem Spaziergang entlang der Straße auf den ersten Blick. Die Liste reicht von bekannten und teils mächtigen Organisationen wie dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft, dem Online-Verband Bitkom oder dem Bund der Steuerzahler.

Unter den Namen befinden sich aber auch unbekannte bis exotische Gruppen, wie das Deutsche Tiefkühlinstitut, der Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie oder der Deutsche Angelfischerverband. Die Reihe ließe sich fast beliebig fortsetzen. „Es gibt so viele Verbände, die man gar nicht auf dem Schirm hat“, sagt Deckwirth.

Um einen Überblick zu bieten, veröffentlichte LobbyControl 2015 mit dem „LobbyPlanet“ einen „Reiseführer durch den Lobbydschungel“ in Berlin. Der Reinhardtstraße ist darin ein eigenes Kapitel gewidmet. „Es gibt ein paar Lobbyschwerpunkte. Da gehört die Reinhardtstraße ganz klar dazu.“ Vier Jahre nach der Buchveröffentlichung haben sich noch eine Reihe weiterer Verbände in der Straße neu angesiedelt. „Wir könnten einen neuen Lobbyplaneten schreiben, so viel tut sich hier.“

Kurze Wege ins Regierungsviertel

Wieso sich all die Verbände ausgerechnet hier tummeln? Deckwirth fallen mehrere Gründe ein. Einer ist die Postleitzahl. 10117. „Das suggeriert, dass man sich ein Büro in Mitte leisten kann.“ Die Adresse als Statussymbol. Der andere ist – natürlich – die Nähe zu Bundestag, Kanzleramt und zu gleich einer ganzen Reihe von Ministerien. „Es heißt, eines der wichtigsten Lobbyinstrumente ist der persönliche Kontakt“, führt Deckwirth aus. Der lasse sich leichter herstellen, wenn man selbst gleich um die Ecke sitzt.

Daraus machen auch die Verbände selbst keinen Hehl. „Die Reinhardtstraße wurde damals favorisiert, um kurze Wege im Regierungsviertel zu haben“, sagt Dieter Krüger vom Verband der Kali- und Salzindustrie, der 2007 seine Büros in Bonn und Kassel schloss und nach Berlin zog. Die Nähe zum Bundestag, den Bundesministerien sowie der Bundespressekonferenz hätten damals den Ausschlag gegeben. Hinzu komme noch die Möglichkeit, direkt mit den Landesvertretungen in Kontakt zu treten, ergänzt Krüger. „Für uns mit Produktionsstandorten in unterschiedlichen Bundesländern ist dies ein zusätzlicher Nutzen.“

Ähnlich fasst es Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer vom Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie, zusammen: „Berlin-Mitte ist der Stoff, aus dem die Kontakte sind“, sagt er. Von der Reinhardtstraße aus knüpfe und pflege der Verband sein Netzwerk in Politik und Bundestag.

Mazuras Verband hat seine Büros an der Reinhardtstraße 14. In dem Gebäude sitzt auch die Bundeszentrale der FDP. Es sei sinnig, dass die FDP in der Straße sitze, meint Deckwirth. Parteien sind die Ansprechpartner der Interessenvertreter. „Die einen wollen Druck ausüben, aber die anderen laden ihn auch ein.“ Etwa, wenn sie gemeinsam essen gingen. Deckwirth zeigt auf das italienische Restaurant „Cinque“ gegenüber dem Deutschen Theater. Dort habe der Bundesverband der Medizintechnik einen regelmäßigen Stammtisch für Bundestagsabgeordnete eingerichtet.

„Lobbyismus ist nicht verboten“

„Lobbyismus ist nicht verboten“, betont die promovierte Politikwissenschaftlerin. „Es ist wichtig, dass Politiker Eindrücke von außen bekommen.“ Das Problem sei die Intransparenz und das Machtungleichgewicht. „Um in der Nähe der Politik zu sein, muss ich mir das leisten können“, sagt sie. Blickt man auf die Klingelschilder, fällt das den vielen Wirtschaftsverbänden deutlich leichter.

Interessenvertreter und Verbände, das war lange nicht das einzige, worum es in und um die Reinhardtstraße geht. Seit über 100 Jahren prägt die Gegend noch etwas anderes: Theater und Kultur. „Das ist das große zusammenhängende Theaterviertel, auch schon historisch gewesen“, sagt Guido Herrmann, Verwaltungsdirektor des Friedrichstadtpalasts. Schon 1850 wurde das heutige Deutsche Theater in der nahen Schumannstraße eröffnet. Nur einen Steinwurf entfernt am Schiffbauerdamm siedelten sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gleich mehrere Zirkusse an – mit teils Tausenden Plätzen.

Mit dem 1882 eröffneten Bahnhof Friedrichstraße wurde die Gegend nicht nur verkehrstechnisch angebunden, plötzlich brodelte hier auch das großstädtische Leben. „In der Friedrichstraße waren früher bis zu 200 Kabaretts und Varietés“, sagt Herrmann.

Die zentrale Figur für die kulturelle Entwicklung des Viertels war der heutige Namensgeber der Reinhardtstraße, der österreichische Schauspieler und damals Berlins bekanntester Regisseur Max Reinhardt. Er erwarb 1905 das Deutsche Theater und erweiterte es um die Kammerspiele. 1918 kaufte er den in einer umgebauten Markthalle untergebrachten und mit 8000 Plätzen größten Zirkus am Schiffbauerdamm, der ab 1920 unter dem Namen Friedrichstadtpalast firmierte. Gleich nebenan lag das Theater am Schiffbauerdamm. Seit 1954 sitzt hier das von Bertolt Brecht gegründete Berliner Ensemble.

Vom Hinterland zum Zentrum der Stadt

Es war noch der alte Theatermeister selbst, bei dem Werner Riemann sein erstes Vorsprechen hatte. Das war 1956. Seitdem ist der Schauspieler dem BE fast seine gesamte Karriere treu geblieben. Noch heute tritt er am Schiffbauerdamm auf und gibt Führungen durch das Theater. Riemann lebte früher in der Marienstraße, zwischen Reinhardtstraße und Schiffbauerdamm. „In der Gegend gab es viele kleine Geschäfte, aber auch Hotels, schon wegen der Grenze“, sagt er. Die beeinflusste das Viertel auch auf andere Weise. „Durch den Mauerbau wurde das hier alles zum Hinterland.“ Lange Zeit endete die Reinhardtstraße an der Mauer. Hier war die Welt zu Ende.

Mit der Wende änderte sich schlagartig alles. Plötzlich war die Gegend mitten im Zentrum der Stadt. Langsam wandelte sich damit auch die Bedeutung der Reinhardtstraße. Die Straße sei lange Zeit ein bisschen ohne Sinn gewesen, sagt Guido Herrmann. „Sie hat sich erst entfaltet, als das Regierungsviertel und der Hauptbahnhof fertig wurden.“

Vom Neubau des Friedrichstadtpalasts blickt der Verwaltungschef des Revuetheaters die gesamte Straße hinunter. Obwohl auf der anderen Seite an der Spree heute alles offen ist, bricht für ihn dort immer noch das Lebendige ab. „Hinter der Reinhardtstraße endet auch heute das Städtische.“ In der Straße selbst sei das heute anders. Die Theater sorgten auch nach über einem Jahrhundert noch für Anziehungskraft. „Das bringt Leben mit sich.“ Auch die Ladenlokale seien vielfältig, vom Blumenladen bis zur Buchhandlung finde man hier alles. All das trage dazu bei, dass die Straße heute so quirlig sei, so Herrmann. „Obwohl da die Verbände sind.“

Mehr Nachrichten aus dem Bezirk Mitte lesen Sie hier.

Sie wollen nichts mehr aus Mitte verpassen? Dann treten Sie unserer Mitte-Gruppe auf Facebook bei.